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Blinde abwehrend. „Noch mehr erzählen, liebe Frau, ja?" bat er.
Und sie ließ sich nicht lange bitten. Sie schwatzte über Alles, was ihr gerade in den Sinn kam, erzählte von der geizigen Professorsfrau, die sich, als der Mann auf der Reise fünfzig Pfennige Trinkgeld gegeben, fünfundvierzig habe vom Kellner herausgeben lasfen, — von dem Thüringer Bauern, der die Stadtleut' mit nachgemachten Truhen anführte, indem er diese als Futterkisten in seinen Stall stellte und von Reisenden „entdecken" ließ, — berichtete von einer Einzugsfeierlichkeit Unter den Linden, wobei man eine dicke Dame zuvorkommend auf eine Tonne gehoben, sie nachher aber habe dort stehen lassen und trotz ihrer flehenden Bitten ihr zugerufen habe: „Du Dicke, bleib man oben!"
Und Alles das schilderte sie in ihrer naiven Weise mit mancherlei humoristischen Randbemerkungen.
Plötzlich aber unterbrach sie sich und rief: „Halt, da kommt Ihre Anbeterin! Nun aufgepaßt —"
„Soll ich? . . ."
„Ei freilich! Ich zähle bis drei. Wenn Sie die Courage nicht haben, ich bin Ihnen ewig böse. Eins — zwei — drei — Jetzt! Ach, Du gütiger Himmel, was haben Sie gemacht! Einen Posttag zu spät. Der alten Schreckschraube da haben Sie die Kußhand zugeworfen. Das wüthende Gesicht hätten Sie sehen sollen. Aber die Nacht kann sie nicht schlafen. Nein, Sie sind doch wirklich ein ge fährlicher junger Mann!" Die alte Frau bekam fast einen Lachkrampf.
„Ach, und Sie sind Balsam sür mich!" rief der Blinde lachend aus. Doch der Ernst kam gleich zurück. „Wenn die Stimmungen nicht wären!"
„Stimmungen! Ei ja, die hat wohl Jeder. Stellen Sie sich vor: Eine sonnige Vormittagsstunde im Winter, der Schnee liegt auf Gesimsen und Dächern, und in seinen Crystallen glitzert die Sonne. Im Zimmer ist's warm und hell. Da ist die Stimmung fertig: Sonntag in der Seele. — Und dann wieder: Ein trüber Nachmittag im Herbst. Ein Dauerregen kommt vom Himmel. Dazu die Dämmerung In den Winkeln und Ecken ist's finster, Unholde können jeden Augenblick daraus hervorspringen. Kalt ist's nicht gerade, aber warm auch nicht. Man nimmt sich ein Tuch um die Schultern und kauert sich im Sessel nieder. Und dann seufzt man tief: Ist das ein elendes Leben! Schon wieder eine Stimmung und eine ganz andere. So wirkt es von überall her auf uns ein. Am Morgen blüht die Seele nach dem stärkenden Schlaf der Nacht auf wie eine Knospe,- am Mittag gleicht sie der reifen Blume, die Frische ist fort, aber noch freut man sich des Lebens; der Nachmittag ist das Absterben, — das ist immer ungemüthlich; der Abend ist sanft und wohlthuend wie die ewige Ruhe. Stimmungen überall. Einer neigt mehr nach Weiß, ein Anderer mehr nach Schwarz, manche lieben das Grau in Grau ... Ich seh's Ihnen an, wenn Sie lachen, daß Sie eigentlich einen Schelm im Nacken haben. Unterdrücken Sie den armen Kerl nicht so- passen Sie aus, dann wird's besser mit den Stimmungen."
„Ja, ja, — aber es giebt Dinge--Wenn ich zum
Beispiel meinen Jungen auf dem Schooß habe und ich kann ihn nicht sehen —"
„Lassen Sie nur! Sie stellen ihn sich ja viel hübscher vor, als er ist. Und es wäre manchmal ganz gut, wenn die Männer nicht sehen könnten, daß ihre Frauen altern."
„O, meine Frau ist schön, das weiß ich. Und jung. Erst einundzwanzig Jahre alt."
„Die arme Frau!" entfuhr es der Alten.
Der Blinde hob schnell den Kopf. „Nun ja," meinte er dann zögernd.
Ein Mädchen, wie eine Elsässerin gekleidet, ging mit Rosen vorüber. „Rosen gefällig, mein Herr?" sagte sie und hielt dem jungen Mann ihr Körbchen hin.
„Geben Sie her!" sagte dieser eifrig und holte sein Portemonnaie aus der Tasche. „Eine recht schöne Rose für meine Nachbarin." Dann wandte er sich mit seinem Lächeln zu der alten Frau und fragte: „Eine Knospe oder eine bereits aufgeblühte Rose?"
„Knospe! Ganz Knospe!" erwiderte sie scherzend.
Der Blinde spürte aus dem Lachen seines Schwiegervaters und des Blumenmädchens, daß seine Freundin — wie er auch angenommen hatte — eine ältere Frau sein müsse.
Doch ging er auf den Scherz ein und ließ sich eine Knospe geben, die er der Dame galant überreichte.
„Ich bin glücklich," erwiderte sie, „aus solche Weise von einem charmanten junge« Herrn ausgezeichnet zu werden."
Der charmante junge Herr hält es bei so vorgerückter Bekanntschaft für seine Pflicht, sich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Bote, Druckereibesitzer meines Zeichens, und dieser Herr — erhebe Dich von dem Sitze, Papa — ist mein armer, aber ehrlicher Schwiegervater, früher in Wein und Delicatessen, was man ihm allerdings nicht ansieht, jetzt Rentier, Kindermädchen und Bärenführer. Das Kind ist mein Sohn, der Bär bin ich."
„So lieb' ich Sie!" rief die alte Frau belustigt aus. „Im Uebrigen ist mein Name Lemke."
„Sehr schöner Name," sagte Boje, „Frau oder Fräulein ?"
„Sie beleidigen mich I Für wie alt halten Sie mich denn eigentlich?"
„Ja, das ist eine heikle Frage. Hab' ich mit dreißig zu hoch gegriffen?"
„Sehr! Ich bin vor vier Wochen achtzehn geworden." (Schluß folgt.)
Literarisches.
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