- 111

schwarzen Besuchsanzug, doch trug er einen leichten Carbol­geruch aus dem Doctorzimmer mit sich herein. Auf seinem Gesichte ging und kam die Farbe, aber er sprach die Worte der Begrüßung mit ruhiger Stimme. Sie setzten sich auf den Platz in der Ecke des Erkerzimmers, wo die Palmen standen, und indem sie sich niederließen, empfand es Frau Henninger wie eine Beleidigung, daß dieser Mann hier an derselben Stelle ihr gegenübersitzen durfte, wo der Geliebte so oft gesessen hatte. Dies Gefühl jedoch stärkte nur ihre Entrüstung und ihren Muth, und sie empfand eine heiße Kampfesstimmung in ihrem Herzen.

Doctor Jaksch begann, indem er einen Brief hervorzog, aus dem Frau Inas scharfe Augen eine italienische Marke erkannten. Trotzdem fragte sie nicht, sondern wartete, bis er sprach.

Mein Neffe hat mir heute geschrieben," sagte er,aus Mentone noch immer. Er kann sich nicht satt sehen an der italienischen Natur, die einen sehr heilsamen Einfluß auf ihn auszuüben scheint. Ich freue mich, daß meine Diagnose mich nicht getäuscht hat. Er war ein wenig Melancholiker ge­worden diesen Winter, hatte ja auch Ursache dazu in gewisser Hinsicht. Aber, du lieber Gott, er ist noch jung, und für die Jugend ist Ortsveränderung die sicherste Medicin. Auch bei ihm hat sich das prächtig bewährt. Der Ton seiner Briefe ist schon ein ganz anderer geworden- Sie werden das auch finden, er hat Ihnen jawohl kürzlich geschrieben?"

Er hat mir nicht geschrieben," entgegnete sie kurz und hart. Ein Gefühl des Zornes wallte in ihr auf, daß Georg sie zu dieser Antwort zwang.

Nein? Ich meinte, es gehört zu haben. Nun, dann will ich um so eiliger seine Grüße ausrichten- recht herzlich läßt er Sie grüßen, gnädige Frau. Ja, wie gesagt, der Ton seiner Briefe ist ganz verändert. Er schreibt viel von einer hübschen, kleinen Französin dort im Hotel, vielleicht hat sie zu dieser Wandlung mitgewirkt."

Zeigen Sie mir den Brief, Herr Doctor," rief sie mit unwillkürlicher Heftigkeit. Aber sie bereute das übereilte Wort nicht, denn seine Entgegnung zeigte ihr, daß er ge­logen hatte.

Pardon, meine Gnädigste, dieser Brief ist nicht für Sie. Ich meine damit, er enthält einige Stellen, die Sie verletzen könnten, und ich möchte nicht dazu beitragen, Ihnen wehe zu thun. Wir wissen ja, wie Sie mit meinem Neffen ge­standen haben hoffentlich liegt die Sache jetzt hinter Ihnen. Er scheint sich wenigstens an einer neuen Sonne zu wärmen. Denken Sie, er hat sogar angefangen, zu schriftstellern, und da die Herren Poeten jawohl gemeiniglich durch irgend eine kleine Herzensaffaire zu ihren unsterblichen Werken angeregt werden, so glaube ich beinahe, diese Person da, von der er schreibt, diese Französin ist ihm zur Muse geworden."

Sie wußte, daß er die Unwahrheit sprach, aber ein kleiner Tropfen von dem Gifte, das er ihr eingeflößt hatte, blieb doch in ihren Adern zurück. Wenn Georg wirklich, und sie glaubte, daß das keine Lüge war in einer neuen, wohlthätigen Beschäftigung ein Heilmittel für Schmerz und Sehnsucht gefunden hatte, warum sagte er es ihr nicht selbst mit einem Worte, mit einer einzigen Zeile? Warum ließ er sie nicht theilnehmen an den belebenden Hoffnungen, die mit solcher Thätigkeit in seiner Seele erwacht sein mußten, und die sie vom Himmel so oft für ihn erfleht hatte? Sollte nicht doch vielleicht eine neue Liebe? Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, aber ein Schmerz, heißer und gewaltiger, als alle die bitteren Leiden des vergangenen Winters, preßte ihr das Herz zusammen mit grausamer Macht.

Sie fühlte, daß sie antworten mußte, doch rang sie vergeblich nach Worten. Endlich sprach sie und freute sich dabei im Stillen, daß ihre Stimme nichts von dem Aufruhr in ihrer Seele verrieth.Es wäre schön für ihn, wenn er die Fähigkeiten für einen neuen Beruf in sich entdeckte. Zum Juristen hat er wohl niemals gepaßt."

Nein, das weiß der Himmel," sagte der Doctor lachend. Er hat niemals Lust dazu gehabt, und meine Menschen- kenntniß hat mich wirklich einmal im Stiche gelassen, als ich hn dazu beredete. Zu Juristen sollte man nur Verstandes­menschen nehmen."

Sie hätten Jurist werden sollen, Herr Doctor."

Die Ironie in ihren Worten überhörend, lächelte er höflich.Vielleicht wäre das ganz passend gewesen. Aber der Beruf des Arztes fordert ebenso, wie der des Juristen, einen ruhigen Verstand und einen klaren Blick."

Ich habe mir freilich sagen lassen, daß es Aerzte und Juristen genug giebt, die mit dem Verstände allein auszu- kommen meinen und auch wohl in Wirklichkeit auskommen. Aber ich habe immer gedacht, gerade bei den Männern dieser Berufe sollte das Herz eine mindestens ebenso große Rolle spielen, wie der Kopf. Eine Arzt, der jemals das Mitgefühl für die Leiden seiner Kranken verlernt, ist in meinen Augen kein wahrer Arzt. Und mit gerade so warmem Herzen sollte der Jurist die Krankheiten der Menschenseele zu erkennen suchen, denn oft ist das sogenannte Verbrechen doch nur eine Krankheit."

Sie hatte sich in Eifer gesprochen, von der Beschäftigung mit einem häufig gedachten Gedanken fortgeriffen und durch die Erinnerung an Doctor Jakschs Kaltherzigkeit dem kleinen Hannchen gegenüber noch heftiger aufgestachelt. Aber jetzt bereute sie es doch, auch nur ein Stückchen ihres Herzens diesem Manne gezeigt zu haben, und in halber Verlegenheit schaute sie nach der Seite des Zimmers hinüber, wo der entschwindende Sonnenschein durch die bunten Glasscheiben im Erkerfenster farbige Muster auf beit Fußboden zeichnete. Sie hatte ihre linke Hand, die sich bei der lebhaften Rede ein wenig geballt hatte, auf den Tisch sinken lasten, und sie lag noch dort, während Frau Henninger jetzt von ihrem Besucher abgewandt dasaßr

(Fortsetzung folgt.)

Der Blinde.

Von Felix von Stenglin.

(Fortsetzung.)

Aber hören Sie mal," sagte nun die alte Frau,das junge Mädchen da geht schon zum dritten Mal vorüber und blickt Sie ganz verliebt an"

Wie schaut sie aus?"

Semmelblond, blaue Augen, weißes Kleid. Wenn sie wieder zurückkommt, werfen Sie ihr eine Kußhand zu, ich werde Ihnen sagen, wenn's Zeit ift."

Jetzt lächelte auch der Alte.Sie verführen meinen Schwiegersohn zu allerhand Streichen"

Nun, er wird doch noch ein junges Mädchen hübsch finden dürfen, und noch dazu ein so sauberes, dem die Herzensgüte aus den Augen strahlt"

Ach, die Herzensgüte!" meinte der Blinde seufzend.

Sie meinen, sie kann auch zu weit getrieben werden, die Herzensgüte? Ohne Zweifel. Da muß ich Ihnen mal die Geschichte von dem guten Fritz erzählen, der bei meiner Nachbarin mit verschiedenen anderen jungen Herren zur Miethe wohnte." Und sie berichtete, wie der gute Fritz in seiner Herzensgüte kurz vor Pfingsten all' sein Geld an die Pensionatsgefährten verborgt habe, so daß er seine Stiesel nicht vom Schuhmacher abholen konnte und als Einziger zu Hause bleiben mußte. Anstatt aber den anderen jungen Leuten zu zürnen, habe er, als die Langeweile ihn in seiner Einsamkeit plagte, ihr Kammzeug gereinigt.Mehr kann man doch nicht verlangen, wie?"

Die beiden Männer stimmten lachend zu.

Dann mahnte der Schwiegervater zum Aufbruch.

Wo denkst Du hin, Papa! Ich bleibe!" sagte der