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er sich aufgerichtet und zur Seite gewendet und wies mit erhobenem Finger aus das „Excelsior!“ au der Wand.
„Ob er es jemals gekannt hat?" fragte Frau Henninger mit gedämpfter Stimme- es war ihr, als dürfe sie kein lautes Wort sprechen in diesem Augenblick, diesem Manne gegenüber, aus dessen Augen ein wunderbares Feuer leuchtete. Auch schien er ihre Worte nicht zu hören- wie mit sich selber redend, fuhr er fort: „Nein, nicht vergessen. Ungedeutet in seinem Sinne, in dem seiner Zeit. Den Menschen von heute scheint ja ein einziger Weg nur auswärts zu leiten, der zum Erfolg und zur Macht. „Excelsior!“ rufen auch sie und spotten damit ihrer selbst. Hinauf, immer höher, immer weiter, zu immer glänzenderen Sphären der Menschenexistenz klimmen sie hinan, stoßen den Nebenmann nieder und schreiten weiter über seinen Leib. Aber die Stunde kommt für sie Alle, in der sie erkennen, daß es ein lockendes Trugbild ge wesen ist, das ihnen vorschwebte, und daß sie abwärts getaumelt sind, anstatt hinabzusteigen."
Er hatte geendet, es wurde ganz still um die Beiden her. Eine große Fliege kam durch das offene Fenster surrend hereingeschossen, umkreiste einmal das Zimmer und flog wieder hinaus in die Freiheit. Nun hörte man nur noch die lauten Athemzüge der beiden Menschen. Endlich faßte Frau Henniger Muth zu einer Frage: „Was soll ich thun?" Ganz leise kamen diese Worte hervor.
Busenius trat zu ihr und legte ihr seine Hand auf die Schulter, eine schlanke, blasse und feine Hand, wie Gedankenmenschen sie haben. „Thun Sie, was Sie müssen," sagte er. „Beginnen Sie den Kampf, er wird sich von selbst Ihnen bieten. Und seien Sie muthig, Sie haben Ursache, muthig zu sein. Das Reine ist in unserer Welt und in allen anderen Welten zuletzt doch mächtiger, als das Unreine, und vor der höheren Existenz muß sich die tiefere beugen. Haben Sie keine Furcht, wenn er zu Ihnen kommt —"
,/Er zu mir?" Mit einem Ton des Schreckens und des Abscheus rief sie es aus.
„Er wird kommen, ich weiß es. Er hat immer noch einen Weg, den er einmal betreten hatte, bis ans Ende verfolgt. Und diesmal treibt ihn, was er Liebe nennt. Glauben Sie mir, er wird kommen."
Wieder blieb er einen Augenblick sinnend stehen, dann ging er ganz langsam, als kämpfe er mit einem Gedanken, zu dem großen Tisch an der Wand, ergriff ein leeres Blatt Papier und schrieb ein paar Worte darauf. „Ja, es ist Zeit," murmelte er kaum vernehmbar, als er sich wieder erhob. „Lassen Sie ihn bis zu Ende reden," sagte sie, „lassen Sie ihn sein Spiel aufdecken bis zu der letzten Karte. Dann sagen auch Sie ihm Alles, was Sie wissen, stellen Sie Ihre Forderungen, und wenn er sich weigert, geben Sie ihm dies." Noch eine Secunde schien er zu zögern, bevor er das Blatt in ihre Hand legte, dann aber gab er es ihr mit einer raschen Bewegung. „Lesen Sie," sagte er, indem er es ihr reichte.
Sie sah eine große, schräge, nicht völlig gleichmäßige Schrift auf dem Weiß des Papiers, die harmonisch und anmuthig war, und las die wenigen Worte, die dort standen:
„Ich weiß, was Du gethan hast, und ich bin in Deiner Nähe. Erfülle die Forderungen der Frau, von der Du dieses Papier erhälst. Leopold Busse."
Bevor sie ihr Staunen über die seltsamen Worte mit einer Bewegung nur äußern konnte, hörte sie ihn von Neuem sprechen. „Ich lasse Ihnen dieses Blatt, aber nur unter I ettier Bedingung. Sie müssen mir Ihre Hand darauf geben, daß Sie ihm nicht verrathen wollen, von wem es stammt, wo ich mich aufhalte, wer diese Worte geschrieben hat- Hören Sie wohl, es ist ein festes, bindendes Versprechen, das ich fordere."
Ohne Zaudern legte sie ihre Hand in die seine, die warm.und trocken und merkwürdig weich war. Aber indem sie es that, weilten ihre Gedanken noch immer bei dem wunderlichen Inhalt des geheimnißvollen Papiers, bis ein
Gedanke, jäh wie ein Schrecken, sie von ihrem Sih emvor- springen ließ.
„Mein Gott," rief sie aus, wenn ich mir das zusammenhalte, was ich weiß, was ich Ihnen gesagt habe, und was ich hier lese, dann muß ich glauben, — ja, dann sind Sie
„Sprechen Sie es nicht aus!" Mit lauter, befehlender Stimme hatte er die Worte gerufen- mehr aber noch, als der Ton seiner Rede, hielt ein Blitzen in seinen Augen sie ab, weiter zu sprechen. „Ich bin, der ich bin," fügte er sanfter, aber doch bestimmt und fest hinzu. „Ein Mensch, nichts weiter. Namen sind nur Verkleidungen."
Er verstummte und lächelte, ein träumerisches, gedankenvolles Lächeln, als blicke er im Geist auf die endlose Reihe von Gestalten zurück, in denen er seinem Glauben nach auf dieser Erde schon gewandelt war, auf die ungeheuere Kette von Namen, die er getragen hatte. Dann sah er Frau Ina in die erstaunten Augen, und sein Lächeln wurde das eines guten Freundes. „Was ich zu sagen wußte, habe ich Ihnen gesagt. Und wenn Sie wieder einen Rath bedürfen, so scheuen Sie den Weg in meinen Giebel nicht."
Sie wagte es nicht, seinem Gebot zu trotzen und die Gedanken in Worte zu kleiden, die ihre Seele durchflutheten. So reichte sie ihm nur die Hand mit ein Paar herzlichen Worten des Dankes. Er geleitete sie zur Thür und blieb in der Oeffnung stehen, bis sie die Treppe erreicht hatte. Noch einmal schaute sie von dort zurück. Vor dem Hellen Hintergründe des Fensters, das der Thür gegenüberlag, erhob seine Gestalt sich dunkel und hoch; sein Gesicht schien ihr bleicher in dieser Beleuchtung, und indem sie zu ihm hinüberblickte, kam ihr plötzlich das Gefühl, als sähe sie ihn zum letzten Mal. Sie wollte wieder zu ihm herantreten, aber sie schämte sich ihrer abergläubischen Empfindung und nickte nur freundlich zu ihm hinüber. Grüßend, beinahe wie segnend erhob er die Hand und winkte ihr zu- dann trat er in das Zimmer zurück, und hinter ihm schloß sich die Thür.
Unten in ihren eigenen Raumen erst überfielen die Gedanken, die durch das Gespäch mit Busenius geweckt waren, Frau Henninger mit voller Macht. Wieder und wieder fragte sie sich, ob es denn möglich sei, was mit der Bestimmtheit einer nothwendigen Folgerung plötzlich ihre Seele blitzgleich durchzuckt hatte, ob der Mann im Giebel dort oben in Wahrheit der verrathene, betrogene Freund des Doctors sei. Und was ihr im ersten Augeublick unumstößliche Gewißheit geschienen hatte, das wurde ihr jetzt bei dem einsamen Grübeln fragwürdiger und unwahrscheinlicher von Minute zu Minute. Diese beiden Männer, in demselben Hause neben einander lebend, ohne einander zu kennen oder sich zu erkennen zu geben, so nahe, nur durch ein paar Treppen und Wände geschieden, — nein, es war nicht möglich! Und doch vermochte sie nur so sich den Inhalt des geheimnißvollen Papiers zu erklären, die Macht des Einen über den Anderen, die daraus sprach.
Busenius hatte ihr gerathen, das freiwillige Kommen des Doctors abzuwarten, und sie hatte beschlossen, ihm zu gehorchen. Aber sie zählte die Stunden und Tage mit wachsender Ungeduld in erregten Gedanken an den Augenblick des Kampfes, um dann doch zu erschrecken, als gegen Abend !>es dritten Tages Fräulein Tietjens hereintrat mit der Meldung, daß Doctor Jaksch um eine Unterredung mit Frau Henninger bitte. Die Gesellschafterin hatte ein grau- ames, medusenhaftes Lächeln auf dem bleichen Gesicht, aber Frau Henninger war zu sehr mit den eigenen Gedanken be- chäftigt, um darauf zu achten. Sie brauchte eine Sekunde, um sich zu fassen, drückte ihr Taschentuch an die Lippen und agte dann, indem sie sich erhob: „Er wird mir willkommen sein."
Er war ihr willkommen, denn sie wollte und konnte die wachsende Unruhe nicht mehr ertragen, und sie ging ihm ein paar Schritte entgegen, als er nun eintrat. In die Hand aber, die er ihr bot, legte sie nur die Spitzen ihrer Finger, um sie gleich wieder zurückzuziehen. Er war im tadellosen,


