Ausgabe 
7.10.1897
 
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etwas gedacht, wo Graf Rüdiger mit seiner Gemahlin ihr Erscheinen auf dem Kriegerball zugesagt hatten, wo die Runde ging, der Graf habe drei Fässer Wein durch Simmel kommen lassen, um sie dem Verein als Ehrengeschenk zu machen!

Eine fieberhafte Thätigkeit entwickelte sich in dem Städtchen. Die Damen wuschen die weißen Kleider, kauften Band und Spitzen, und die Schneiderinnen konnten kaum die Arbeit bewältigen, welche auf sie einströmte. Die Herren bürsteten die Fracks und ließen sich neue Stiefel anmessen. Die Väter der Stadt saßen Abend für Abend im Gastzimmer der Stadt Hamburg", um gebläht vor Stolz und Genugthuung mit dem leutseligen Grafen zu verkehren, wie mit ihres Gleichen.

Ja, die Herren stürmten das Hotel, um die Bekanntschaft zu machen. Die Damen aber mußten es voll brennender Ungeduld abwarten, bis der Kriegerverein ihnen Gelegenheit geben würde, die sagenhafte Gräfin Aug in Auge zu sehen. So ein Leben hatte Angerwies noch nie gekannt, und mitten in die hochgradige Erregung fiel die Nachricht, das gräfliche Paar sei, gütig und friedliebend, nach Schloß Niedeck gefahren, um den verrückten Grafen zu besuchen, dieser aber habe den Vetter voll schroffen Hasses zurückgewiesen. Dies war zu viel für die begeisterten Gemüther, in wilden Flammen loderte die Empörung gegen Graf Willibald auf.

Capitel 3.

---Gold ist's ja, das Zutritt kauft sehr oft; ja es besticht DianenS Förster, daß sie selbst das Wild dem Dieb engegentreiben.

Shakespeare, Eymbeline 2. Aufz. 3. Sc.

Der bedeutungsvolle Tag brach an.

Als erste Nachricht, welche die Herzen der weiblichen Bewohner von Angerwies hoch ausschlagen ließ, kam die Kunde von der Post, daß für die Frau Gräfin eine mächtige Kiste aus der Residenz angekommen sei, welche sicher eine Toilette berge, wie sie seit Bestehen der Stadt noch nicht in ihren Mauern geschaut war.

Da huschte es hin und her zwischen den Hausthüren, um dieses Ereigniß voll höchster Muthmaßungen zu besprechen/ die älteren Damen wanderten ungenirt in den Morgen Hauben, deren Fülle die Haarnadeln, über welche die Scheitel festlich gewellt waren, theilweise versteckten! Die jungen Mädchen aber hatten sich wahrhaft orientalisch verschleiert, um jedem Späherauge die Papilloten zu verbergen, in deren Ergebnissen die Hauptüberraschungen des Abends gipfelten.

Es war in Angerwies selbstverständlich, daß man vor einem Ball nicht zwei Mal Toilette machte, sondern Tags über in jenem geheimnißvollen unfertigen, holdverträumten Neglige einherschwebte, welches die Deckblätter der Knospe repräsentirte, aus welchen Abends die strahlende Blüthe brach!

DiesesNachtjacken - Lockenwickel Morgenschuh - Idyll" gehörte nun einmal zu jeder Festvorfreude, und darum starrten die Schönen von Angerwies auch höchlichst verblüfft auf die Gräfin, welche auch heute in eleganter Promenadentoilette schon Vormittags spaziren ging, und bei Tisch sich ganz wie gewöhnlich chic und fesch gekleidet und frisirt vor den Herren der table dhöte zeigte.

Ja, die Residenzlerinnen," seufzte die Frau Bürger­meisterin,die sind auf das Toilettenmachen ganz anders eingedrillt wie Unsereins! Die können's auch! Hat doch die Gräfin ihre französische Kammerjungfer noch nachkommen lassen, weil der alte Friseur hier sich absolut nicht auf ihre neu­modische Frisur verstand. Du lieber Gott, wie soll er auch! Er legt nur Schnecken von den Haaren und kann sechzehn- drähtig breite Zöpfe flechten, das ist seine Hauptkunst! Aber die Gräfin mit all ihren kleinen Löckchen ... o es sieht ja zum toll werden schön aus, wie der Assessor sagt und meine drei Mädels . . . heut Abend ... oh, wenn sie ahnten!" Dabei aber schlug sich die indiscrete Mutter selber mit der flachen Hand vor den Mund und kicherte: Du lieber Gott ... ich darf ja bei Leibe nichts verrathen!"

So waren die Kemnaten überreich mit dem interessanten Gesprächsstoff versehen, aber auch das Ewig-Männliche von Angerwies hatte ein Thema gefunden, welches gar nicht genug besprochen werden konnte!

Ueberall auf der Straße sah man die ehrsamen Bürger zusammenstehen wie düstere kleine Wetterwolken, welche sich immer finsterer und drohender zusammenballen, um sich schließlich als Gewitter zu entladen.

Obwohl der Tag kühl und regnerisch war, redeten sich die Männer doch immer mehr in die Hitze, so daß zur Mittagszeit ein jeder nach Hause dampste wie ein Kessel, welcher dicht vor dem Platzen steht. War solch eine Be­leidigung, solch eine Schmach je zu überwinden, je zu ver­gessen?

Wehe dem Schafpelz von Niedeck, welcher so den Haß geschürt und die Rache herausgefordert hatte!

Also hatte sich die Geschichte zugetragen. Obwohl Graf Rüdiger und seine Gemahlin umsonst an dem Portal von Schloß Niedeck angeklopft hatten, kannten die hochherzigen, edlen Menschen doch kein Gefühl des Zornes und der Rache, im Gegentheil, Graf Rüdiger hatte sich Abends zu den alten Freunden der table dhöte und den Vätern der Stadt gesetzt und hatte mit ihnen ehrlich und aufrichtig, wie zu seinen besten Vertrauten gesprochen. Obwohl ihn Graf Willibald jüngsthin noch auf das herzloseste gekränkt hatte, war er doch zu ihm nach Niedeck gefahren, die Hand der Versöhnung zu bieten. Nicht um seinetwillen o bewahre! Es kann dem Millionär Rüdiger ganz gleichgültig sein, ob der Vetter ihm zürnt oder nicht, er trägt kein Begehr nach dem Majorat, welches sein Sohn ja doch einmal erben muß und wird, nein, um der armen, vernachlässigten Anger- wieser wollte Graf Rüdiger auf Niedeck vorsprechen! Er beabsichtigte, dem geizigen Vetter einmal ernstlich in das Gewissen zu reden, daß er sich der Seinen doch besser an­nehmen möge! Da gab es eine neue Gemeindeschule zu bauen, welche der Majoratsherr selbstredend der Stadt zum Geschenk machen müßte, dann war es dringend nöthig, Chauffeen und Wege verbessern zu lassen, eine Ausgabe, welche er der armen Stadt auf jeden Fall abnehmen müßte! Nun und schließlich noch tausenderlei Anderes! Man sah ja, wie Handel und Wandel ausblüthen, wenn ein wirklich gräflich auftretender Niedeck nur acht Tage lang in der Stadt weilte! Hier harte sich der Sprecher allerdings seufzend unterbrochen:Dies Letztere wird allerdings nie bei Graf Willibald zu erreichen sein, denn wo keine Frau im Hause ist, kann kein Aufwand gemacht werden, da giebt es keine Ansprüche, keine Geselligkeit! Wie soll aber ein Verrückter heirathen? Dieser Gedanke ist ja leider ganz ausgeschlossen!" Dann aber hatte er die jammernden Häupter getröstet, er wolle noch ein Letztes versuchen, günstig auf seinen Vetter einzuwirken. Er bäte darum, daß man dem Grafen eine formelle Einladung zum Festactus und Ball des Kriegervereins schickte! Gras Willibald habe ja freilich nie am Pulver gerochen und keinen feindlichen Franzosen je zu Gesicht bekommen, dennoch muffe er so viel Patriotismus besitzen, um an dem Feste theilzunehmen! Er könne ja die freundliche Einladung gar nicht ablehnen, ohne dadurch sämmtliche Bürger der Stadt auf das tödtlichste zu kränken und zu beleidigen. Nur Krankheit könne ihn entschuldigen, er sei aber nicht krank. Sagte er dennoch ab, wäre es eine Schmach! Dies aber wäre so unerhört, daß es ausgeschlossen sei. Auf dem Ball aber wollte Graf Rüdiger den Vetter schon stellen, daß er ihm Gehör geben müßte, und dann wollte er schon auf jeden Fall die Schule und die Chausseebauten bei ihm durchsetzen."

Welche eine Aufregung hatten diese Worte verursacht! Sie wirkten wie ein Stich ins Wespennest!

Man jubelte Graf Rüdiger zu und er maß mit funkelnden Augen die Möglichkeit, daß der Majoratsherr vielleicht doch absagen könne! Bei diesen Gedanken ballten sie die Hände zu Fäusten!

(Fortsetzung folgt.)