Ausgabe 
6.3.1897
 
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Von Schmerzen gepeinigt, die der Sturz ihm verursacht hatte, von Wuth getrieben, von Enttäuschung beinahe rasend gemacht, warf sich der große Bursche mit einem thierischen Zorneslaut gegen die Thür. Aber sie war fest verschlossen und widerstand seinem Drängen. Zähneknirschend, von einem Fuß auf den anderen tretend in der grimmigen Lust, die Verfolgung wieder aufzunehmen, stand er davor und schlua mit den Fäusten gegen das Holz. So fanden ihn die I Änderen, die hinter ihm zurückgeblieben waren und jetzt herankamen, athemlos, in der Hoffnung, einen Gefangenen m Empfang zu nehmen, und nun Verwünschungen und Fragen in wildern Durcheinander ausstießen, als sie sahen, daß er entkommen war. Entkommen, wohin? Gab es dort ein I Versteck, tvar er in die Kirche hineingedrungen, oder war er durch die andere Thür, die nach der Straße zu lag, ent­wischt? Man fragte und siuchte und widersprach, als Plötz- I bine kreischende, weibliche Stimme aus einem der gegenüber­liegenden Häuser vom Fenster herunterrief:Ich habe es gesehen, er ist in der Krypta!"

Schon vorher waren Einzelne, das Gesträuch durchbrechend, von der Erhöhung hinuntergesprungen auf die Straße, um durch die andere, dorthin gelegene Thür Einlaß zu suchen: aber auch sie war verschlossen, und ein erneutes Geheul der I Wuth und Enttäuschung drang empor. Mit immer wachsender Macht stürzten sich die kräftigsten der Verfolger auf die I kleinere, vom Alter schon morsch gewordene Mauerpforte, bis I sie einem der heftigsten Stöße vereinter Kräfte endlich ge- horchte und aufsprang. Nun stürmten sie hinein, zerstampften I die Psianzen in dem engen, mauerumzogenen Gärtchen vor I der Krypta und rüttelten an der festen Thür vor dem Grab­gewölbe. Aber die Todten wachten nicht auf, und der I Lebende, der an dieser Stätte des Todes verschwunden war, gab keine Antwort.

War er wirklich in der Krypta? War er so thöricht gewesen, sich dort hinein zu flüchten, von wo es keinen Aus­weg für ihn gab? War es die Angst des Todes, die ihn hierher getrieben hatte, und suchte er vielleicht nur einen ruhigen Platz, um zu sterben? Nicht so heftig wie bisher | drängte die in dem engen Raum zusammengepreßte Menschen­woge dem Eingang des Grabgewölbes zu. Es schien, als geböten die schwarzen, schweigend n Massen der Kirche ihnen Einhalt und Schonung^ langsamer bewegten die Verfolger sich vorwärts, und ihre durcheinander klingenden Stimmen senkten sich zu halblautem Flüstern.

Einer der Polizeibeamten faßte den Griff der Thür und suchte mit unsicher tastenden Händen nach einem Schlüssel. Sie ist offen," rief er plötzlich und stieß gegen das Holz, daß es zurückflog und den Blick eröffnete in eine tiefe, finstere Höhlung. Eine feuchte Kühlung drang daraus hervor und ließ im Verein mit dem geheimnißvollen Dunkel in der Tiefe die Wüthenden für einen Augenblick Halt machen und auch das letzte, leiseste Geflüster verstummen. Bald aber hatten die Polizisten die Lichter wieder entzündet, die ihnen erloschen waren beim eiligen Lauf, und indem sie behutsam vorwärts drangen, trugen sie die unsichere, flackernde Helle unter die lastenden Wölbungen der Krypta, zwischen die Pfeiler und Säulen, die in dreifachem Halbkreis den Sarkophag des heiligen Bernward schirmend umstehen, auf diesen grauen, verwitterten Steinsarg selbst, der Jahrhunderte lang, vom Wasser umspült, eines großen Mannes letzte Behausung war. Die Suchenden gingen hierhin und dorthin, ließen die Lichter an Wänden und Säulen in die Höhe gleiten, spähten an den unversehrten, wohlverwahrten Fenstern umher und beugten sich nieder zu der ehrwürdigen, vom Hauch der Vergangen­heit unverwitterten Grabstätte. Sie suchten und riefen, sie forschten nach Spuren auf dem steinernen Boden, aber Suchen, Rufen und Forschen blieben vergebens, Neuert war ver­schwunden. Aus einer großen Seitencapelle schaute die steinerne Gestalt einer heiligen Frau mit weißem Leuchten

gossen, durch Wasserlachen, in denen die Straßenlichter sich spiegelten, und die in tausend glänzende Funken auseinander spritzten, wenn der Fuß des Verfolgten oder seiner Verfolger sie traf. Und wie der fallende Schneeball im Sturze zur Lawine anschwillt, so wuchs die Schaar der Jäger auf das menschliche Wild. Wie aus der Erde hervorgestampft waren sie da, Plötzlich, unerwartet, durch ein Zauberwort scheinbar herbeigerufen. Eine dichte, schwarze, bewegte Masse wälzte sich hinter dem Flüchtling her, von gellenden Rusen und Pfiffen durchtönt, von dem wüthenden Verlangen vorwärts getrieben, das lebendige Wesen da vorn, das auf sich allein angewiesen war in dem Kampfe gegen die Menschenwoge, die fast schon seinen flüchtigen Fuß umspielte, niederzustrecken auf die Steine des Pflasters.

Sie waren ihm näher und näher gekommen, und das Echo der nächtlichen Straßen hatte ihnen Antwort gegeben auf den dumpfen, raschen Klang ihrer Füße, als Neuert mit einem plötzlichen Seitensprung sich für einen Moment ihren Blicken entzog. Er war in die enge, finstere Gaffe einge­bogen, in der des Taubstummen Wohnung lag, und vor dem schwarzen Spalt in der Häuserwand, der sich vor ihnen auf- that, stutzten und zögerten die Verfolger für die Dauer einer Secunde. Dann aber preßten sie sich hinein in die schmale Oeffnung, und für kurze Zeit war der düstere Gang ange- füllt mit den leidenschaftlichen Rufen, die zu immer heißerem Eifer anfeuerten, mit dem glühendem Athem, der von der wüthenden Menge einer sengenden Wolke gleich emporstieq, mit dem tobenden Heulen der Meute, die ihres Wildes Spur- verloren zu haben fürchtete. Aber nein, dort war er! Nicht hineingeflüchtet in eins der Häuser, die nach der engen Gasse zu ihren Ausgang hatten, dort hinten, im Lichte der I Laternen wieder sichtbar geworden, jetzt eben einbieaend in I dre breitere Seitenstraße.

Weiter und weiter, ohne Zögern und Halten. In anderen Straßen, in Höfen und Gängen, die in todtenhafter I SMe dagelegen hatten im Schweigen des Abends, erwachte und verhallte, rasch wieder ersterbend, der Lärm der Jagd. Bis hierher hatte Neuert seinen Vorsprung gewahrt, hatte Entgegenkommende, die ihm in den Weg traten, ihn zu er- gretfen, bei Seite gestoßen, oder war ihnen ausgewichen durch geschickte Wendung. Nun aber schien er doch zu er- I

b^ von der Krankheit geschwächte Körper schien auch der Geißel der Angst nicht mehr zu gehorchen, und einer der Verfolger, ein großer, knochiger Bursche, der seinen Athem nicht mit nutzlosem Rufen verschwendete, kam ihm näher und naher. Der Fliehende hörte den Klang der schweren Füße fester und lauter hinter sich ertönen, und wie ein Pferd auf den Zuruf der Reiters flog er noch einmal in erneuter, vermehrter Eile dahin, als er diesen drohenden Klang ver- nahm. Aber trotzdem verringerte die Entfernung zwischen den Beiden sich mehr und mehr. Sie waren nur noch zwanzig

seicht auseinander, als Neuert den Platz erreichte, der die Michaeliskirche trägt. Konnte das Gotteshaus ihm

Glaiibte der Sündige, eine Zuflucht zu finden im Herligthum? Warum wandte er sich dorthin, warum hüwn? be ®tufen ö" ber Erhöhung mit wenigen Schritten ern bw Treppe kam, war jener erste der Ver- t J,m f$on f° nahe, daß er ihn berühren konnte. Er streckte den Arm nach ihm aus, um ihn zu fassen aber während er den Blick auf sein Opfer Heftes das wie er meinte, ihm nicht mehr entgehen konnte, verfehlte sein Fuß die Stufe, er glitt aus und fiel. Mit einer wilden Verwünschung S 7 ?Lebei in die Höhe, doch Neuert hatte den Vor? f9fpi5UrUCfm7Onnen/ ben er verloren hatte, und stürmte der kleinen Pfortein der Mauer neben dem westlichen Kirchenende zu, durch die in jener Winternacht Georg Sybel )Qttern verschwinden sehen. Der Ton eines ^^ ussels, der eilig, aber mit sicherer Hand in ein Schloß ~ ,fatn. ^rch den Abend herüber, die kleine Thür öffnete sich, siel wieder zu, und jener Klang durchtönte noch |