ganz leise - es ist im beiderseitigen Interesse, nicht wahr? Sagen Sie mir, Mensch, warum sind Sie hierher gekommen?"
„Um zu sterben."
Es war etwas unendlich Trauriges in dem Klang dieser gebrochenen Stimme, in dem Ausdruck dieser braunen Augen, die ein gesundes, heiteres Gesicht ehemals mit dem Glanz der Freude erfüllt haben mochten und nun zum Sterben müde aus den bleichen, vom Tode gezeichneten Züge hervorblickten. Der Mann war noch nicht alt, Anfang der Dreißig vielleicht, aber sein kurzgeschnittenes Haar war schon ergraut, die Hautfarbe gelblich, und feine, blaue Adern zeigten sich an den Schläfen. Als er den Kopf jetzt gegen die Lehne des Sophas zurücksinken ließ und die Augen schloß, als überwiege die Sehnsucht nach Ruhe alle anderen Wünsche in seiner Brust, hätte man glauben können, das Leben sei schon entflohen, und nur die zertrümmerte Hülle zurückgeblieben.
Doctor Jaksch aber hielt sich mit solchen Gedanken nicht auf. „Dies Geschäft hätten Sie auch drüben abmachen können," sagte er kalt, in dem gedämpften Ton, in dem auck alles Uebrige gesprochen wurde.
Der Fremde richtete sich empor- Haß und Verachtung schimmerten aus seinen Augen. „Mein Sterben ist kein Geschäft, weder für mich, noch für Sie. Nicht so wie damals —"
„Schweigen Sie!"
„Aber dafür ist es ein wirkliches Sterben," fnhr der Kranke fort, seine Gedanken verfolgend, ohne auf die Unterbrechung zu achten. „Wenn Sie von mir einmal hören, daß ich gestorben bin, — und es wird bald genug geschehen, — dann können Sie's glauben, daß ich sechs Fuß unter der Erde liege und nicht wiederkomme."
„Was reden Sie von Wiederkommen?"
„Ich dachte
„Lebt er?"
„Er lebt."
„Woher wissen Sie's?"
„Ich war in Newyork bei dem Bankier, dem er sein Vermögen zur Verwaltung übergeben hat. Von dem weiß ich, daß er noch lebt, aber der Mann durfte nicht sagen, wo er sich aufhält."
„Ob er in Amerika ist?"
„Ich glaube nicht. Vor drei Jahren ist er nach Indien gegangen, das ist das Letzte, was ich zuverlässig erfahren habe. Ich schrieb es Ihnen ja damals. Und jetzt —"
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber ein furchtbarer Husten unterbrach ihn, der seinen Körper erbeben machte und heiße, rothe Flecke auf den eingefallenen Backen hervortreten ließ. Doctor Jaksch stand auf, trat ans Fenster und trommelte mit den Fingern der rechten Hand an den Scheiben, bis der Anfall vorüber war. Ein Ausdruck des Ekels zeigte sich dabei auf seinem Gesicht. Als der Kranke dann erschöpft sich zurücklehnte, und nur noch ein heiseres Röcheln den Kampf in seiner wunden Brust verrieth, kam der Doctor zum Tische zurück und fragte, ihn prüfend betrachtend: „Tuberculose, was?"
„Im letzten Stadium. Wissenschaftlich bin ich schon tobt, aber dieser elende Körper will immer noch nicht hinein in die Erde. Ich habe ein Leben wie eine Katze!"
„Auch Katzen sterben, — wenn Ihnen das ein Trost ist. Viel Anlaß scheinen Sie mir allerdings nicht mehr zu haben, Ihr Leben zu lieben."
„Es lieben — ich? Dies elende, zu Grunde gerichtete, durch Sie zu Grunde gerichtete Leben? Es lieben? Ja, wenn ich es noch einmal leben könnte, wenn ich es noch einmal von vorn anfangen könnte," — ein lautes, röchelndes Weinen drang aus seiner Brust, er legte den Kopf auf die Platte des Tisches und schluchzte verzweifelt. Dann kam der Husten wieder, ein neuer Anfall, noch heftiger als der vorige.
„Sie machen zu viel Lärm. Das geht nicht," sagte Doctor Jaksch, als der Andern endlich zur Ruhe gekommen
war. „Auch bin ich schon zu lange hier bei Ihnen, es kann auffallen. Sagen Sie noch schnell, was Sie von mir wollen, wie Sie auf den unsinnigen Gedanken gekommen sind, mich hier heimzusuchen? Denken Sie etwa daran, sich hier häuslich niederzulassen?"
„Seien Sie ohne Sorge, ich bin unter falschem Namen hier und will Niemanden belästigen. Der Einen, die ich lieb habe, könnte ich nur Schande bringen, — bitte, sagen Sie mir, wie es ihr geht!"
„Ihr, — ach so? Es geht ihr gut, aber sie will nichts mehr von Ihnen wissen. Ich würde es Ihnen in Rücksicht auf Ihren Zustand verschweigen, aber da Sie zurückgekommen sind, — allerlei unangenehme Gerüchte sind hier über Sie verbreitet. Nicht die Wahrheit natürlich, das ist ja unmöglich, aber die Leute haben sich Verschiedenes zusammengedacht, was nicht gerade ehrenvoll für Sie ist."
„Und Sie glaubt es auch? Aber sie hat ja recht. Auf die That kommt es nicht an, ans die Gesinnung. Und hier in mir, da ist ja Alles zerstört, was einmal gut und ehrlich gewesen ist. Aber ich habe es gebüßt! Ich habe früher oft gelacht, mit Ihnen zusammen, über das, was die Menschen göttliche Gerechtigkeit nennen, jetzt lache ich nicht mehr! Glauben Sie mir, von der Stunde an, daß Sie mich zu dieser That verführt haben, ist kein Glück mehr in mein Leben gekommen. Ich bin arm geworden und krank und freundlos —" ,
„Lassen Sie diese alten Geschichten. Sagen Sie mir kurz und klar, weshalb Sie zu mir geschickt haben, was Sie von mir verlangen. Denn darauf läuft es zuletzt doch hinaus."
„Sie haben recht. Ich brauche Geld, nicht viel, nur genug, um in Frieden sterben zu können. Mein letztes habe ich zur Ueberfahrt verwendet, um die Heimath noch einmal zu sehen. Ich hatte drüben keine Ruhe mehr und ich hoffte, der Tod würde kommen, wenn ich das Vaterland wieder betreten hätte. Er sucht sich Andere und geht an mir vorüber, obgleich ich ihn rufe! Aber Sie sind Arzt wie ich, sehen Sie mich an und sagen Sie sich selbst, ob ich noch lange zu leben habe. Es handelt sich um eine kleine Frist, und während dieser Zeit müssen Sie für mich sorgen."
Der Doctor blickte nachdenklich einen Augenblick zu Boden, dann sagte er: „Ein Rechtsanspruch Ihrerseits liegt nicht vor. Sie haben damals Ihren Antheil erhalten und haben ihn vergeudet- das ist Ihre Sache, nicht meine. Aber Sie sollen nicht umsonst an mein gutes Herz appelliren. Ich werde Ihnen für diese letzten Wochen Ihres Lebens eine bescheidene Existenz ermöglichen. Aber ich stelle meine Bedingungen. Sie reisen noch heute ab, Sie gehen nach Berlin, dort können Sie in der Menge am leichtesten verschwinden. Mit Niemandem außer mir setzen Sie sich hier in Deutschland in Verbindung, auch mit ihr nicht, hören Sie wohl?"
„Auch mit ihr nicht!" wiederholte der Fremde seufzend, resignirt, mit wehmüthigem Blick in die Ferne schauend.
„Unter diesen Bedingungen will ich mich Ihrer annehmen. Hier haben Sie Geld für den Anfang." Er zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr einen Fünfzigmarkschein, den er vor dem Anderen auf den Tisch legte. „Sobald Sie in Berlin eine Wohnung haben, schreiben Sie mir Ihre Adresse, postlagernd, verstehen Sie? Ihre Handschrift soll mir nicht ins Haus kommen. Richten Sie sich bescheiden ein, so^be- scheiden, als möglich. Auch mir geht es nicht glänzend/
Der Kranke warf einen Blick auf den werthvollen Pelz, den der Doctor nicht abgelegt hatte, und lächelte leise. Auf diesen Blick antwortete der Arzt, als er weiter sprach: „Nein, wirklich nicht glänzend. Ich theile ja diesen alten Aberglauben von Vergeltung unserer Thaten und dergleichen nicht, aber als Sie vorhin davon sprachen, kam mir doch der Gedanke, daß es mir eigentlich ähnlich gegangen ist, wie Ihnen. Wahrhaftig, auch ich habe seit damals kein rechtes Glück mehr gehabt, meine Praxis will nicht vorwärts kommen, meine Einnahmen sind gering. Und heute erst hat mir der Bankier


