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Nach der ersten beglückt verlegenen Stille ergriff die unbändig geschmeichelten Herren eine wahre Quartaner- ftöhlichkeit- der Graf ließ zu allem Ueberfluß noch sein Cigarrenetui die Runde machen, aus welchem die echten Havannas einen Duft ausströmten, daß der Apotheker mit feucht Verschwimmenden Augen flüsterte: „Kinder, das sind solche „Festrüben", von denen damals unsere Deputation zum Fürsten erzählte!"
Der Graf wandte sich an seine Gemahlin: „Ist es Dir unangenehm, wenn wir rauchen, liebe Melanie? Befiehltst Du, daß ich Dich in Dein Zimmer zurückführe?"
Der Assessor fuhr erschreckt zusammen, sein Blick traf wie ersterbend in Schmerz die schöne Nachbarin, und die Gräfin war keine Turandot. Mit reizender, beglückender Anmuth lächelte sie ihm zu und schüttelte dann den Kopf: „Nein, Rüdiger, wenn es nicht genirt, möchte ich Euch Gesellschaft leisten. Drüben langweile ich mich allein, während hier in charmanter Weise für meine Unterhaltung gesorgt wird!" Dabei zuckte wieder ein Blick wie ein zündender Funken zu dem Assessor hinüber, weichem bei so viel Huld ganz schwindelig ward.
Und dann kam der Sect und perlte in den Gläsern, und der Graf setzte aller Leutseligkeit die Krone auf und ließ noch ein Glas mitbringen, um es für den „wackeren Hausherrn" süllen zu lassen! Das war zu viel für Vater Simmel! Helle Thränen traten ihm in die Augen.
Der Graf aber nahm den abgerissenen Faden der Unterhaltung wieder auf.
„Wenn ich vorhin recht verstand, meine Herren, war der verrückte Mensch in der Bärenmütze der Graf Willibald Niedeck! Es iuteressirt mich auf das Lebhafteste, von diesem närrischen Kautz das Nähere zu hören! In der Residenz erzählt man sich ja schier unglaubliche Dinge von ihm, aber es scheint doch Manches unwahr und übertrieben zu sein, denn man erzählte zum Beispiel noch jüngst bei Hofe, der Graf habe die Weltordnung auf den Kopf gestellt, er schlafe am Tage und wache in der Nacht. Nun sehen wir ihn aber doch soeben in heller Mittagsstunde spazieren gehen?" — Der Apotheker hielt sein Spitzglas mit der unbehandschuhten Rechten krampfhaft umklammert. Der Wein prickelte ihm noch in der Nase.
„3a, ja — der Herr Graf haben aber trotzdem recht," rief er erregt, „nur mit dem Bemerken, daß der Niedecker seine Passionen wie die Hemden wechselt! Noch vor vier Wochen lebte er ausschließlich in der Nacht. Um zwölf Uhr wurde ihm das Diner servirt, dann ging oder rannte er vielmehr wie ein Bürstenbinder querfeldein durch den Park. Als er bei einer solchen Promenade aber in der Dunkelheit stürzte und sich den Fuß verstauchte, har er das Nachtleben wieder aufgegeben!" ,
„Unerhört! er muß in ein Tollhaus!!" alterirte sich die Gräfin.
„Und nun huldigt er wieder anderen Marotten?" forschte ihr Gemahl kopsschüttelnd.
„Es wird alle Tage schlimmer mit ihm!" nickte der Postassistent mit fehdelustigem Blick. „Ich fuhr jüngst einmal nach Niedeck hinaus, um ein größeres Capital sicher hinzubringen, aber ich gestehe ehrlich ein, daß ich so viel Blödsinn nicht erwartet hätte!"
„Unsinn — er ist überhaupt gar kein richtiger Graf! er heißt man bloß so!" grollte Vater Simmel verächtlich dazwischen.
„Ah, interesstrt mich lebhaft! Was sagen Sre zum Beispiel, mein verehrter junger Freund?" Der Graf lächelte ihm zu und der Assistent erglühte vor Stolz.
„Nun, hochverehrter Herr —" antwortete er hitzig und sichtlich froh, zu Worte zu kommen und die seinen Herrschaften interessant unterhalten zu können. „Wie ich zum Beispiel ankam, nahm ich an, daß man mich in das wundervolle Schloß zum Grafen führen würde. Ich sah alle Fenster erleuchtet und war überzeugt, eine größere Ge
sellschaft zu treffen, obwohl ja die Dienerschaft erzählt, daß der steinreiche Mann niemals eine Menschenseele zu sich einläd — —" ,
„I wo, er kauft ja nicht für fünf Pfennige m Anger- wies," brummte Simmel abermals dazwischen- „ja zu Lebzeiten der alten Herrschaften, da soll ein echt gräfliches Leben auf Niedeck gewesen sein! da wurden alle Geschäfte in Der Stadt reich, — aber bei dem Jetzigen da werden wir alle- sammt bankerott!"
„Das ist ja sündhaft! Der Mann hat doch Verpflichtungen gegen die Kaufleute!" ereiferte sich die Gräfin, der Assistent aber fuhr nach neuem Schlucke fort: „Ich suche also den Herrn Grafen in Gedanken in seinem schönen Schloß, und wo finde ich ihn?"
„Nun?"
„In der Kutscherwohnung des Hosgebäudes!"
„Undenkbar!"
„Aber wahr, Herr Graf! Jetzt weiß es ja auch schon die ganze Stadt! Ja, da hat der Niedecker die unglaubliche Hirnverbranntheit, sich in dem niedrigsten, ärmlichsten kleinen Loche einzuquartieren, wo er doch den schönsten Prachtbau des ganzen Landes sein eigen nennt! Der Kutscher mit seiner Familie wohnt nun in den schönsten Parterresälen und der Herr Graf haust in zwei winzig kleinen Käfigen in dem Hofgebäude! Jeden Abend muß das ganze Schloß von oben bis unten glänzend erleuchtet werden, aber die Zimmer stehen öde und teer, der Majoratsherr selber setzt keinen Fuß hinein." <■. jr, < •
„Nun — hat er denn einen vernünftigen, stichhaltigen Grund dafür?"
„Das man nicht wüßte!"
Der Graf schüttelte den Kopf. „Er ist geisteskrank, so beträgt sich kein vernünftiger Mensch!"
„Ja, man sollte es wirklich annehmen, daß eine Schraube bei ihm lose ist!" lachte der Assessor mit glühender Stirn- die Gräfin hatte ihr goldenes Cigarrenetui aus dem Kleide gezogen und mit graziösen Fingerchen zwei ©garretten gedreht, eine für den Assessor, eine für sich- nun saß sie und blies die blauen Rauchwölkchen durch die feinen blaßfarbenen Lippen, — so ganz der Typus der eleganten Frau, für welche Bärning stets eine Leidenschaft gehabt.
„Zum Beispiel grenzt es doch auch schon an Verrücktheit, daß er einen Marstall edelster Pferde für seine Dienerschaft hält!"
„Für seine Dienerschaft?"
„Gewiß, nur für Kutscher und Bediente - die elegante Equipage fährt täglich spazieren, ohne daß der Herr Graf jemals in derselben Platz genommen hätte. Bei Wind und Wetter trabt er zu Fuß hinter dem Wagen her, bei Hitze und Sonnengluth keucht er schweißtriefend die weitesten Wege auf Schusters Rappen, dieweil sein Marstall kaum noch die Zahl der edelsten Rosse fassen kann!"
„Das ist ja einfach hirnverbrannt!" schüttelte der Graf entrüstet den Kopf. „Wenn er dann die Reitpferde wenigstens Ihnen, meine Herren, zur Verfügung stellte und die Schönen von Angerwies in dem Wagen spaziren fahren ließ!"
Schallendes, ingrimmiges Gelächter. „Dieser Filz! Dieser Geizhals! Er kennt uns ja kaum, er verkehrt ja mit keinem Menschen in der Stadt!"
„Und doch wäre dies seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit!" rief die Gräfin eifrig. — „Er sollte alle paar Tage ein schönes, großes Fest auf Schloß Niedeck geben und die Gesesellfchaft von Angerwies tazu einzuladen! Mon Dien — Rüdiger — wenn wir an Stelle des verrückten Menschen wären, wie wollten wir anders für das Wohl von Land und Leuten sorgen! Bester Herr Assessor, Sie würden allerdings schlecht dabei wegkommen" — fügte sie mit leisem Lachen und bezauberndem Blick hinzu, „Sie müßten Tag aus Tag ein mein Cavalier sein und mich zu Wagen und Roß begleiten!"
(Fortsetzung folgt.)


