Man erfuhr nur, daß der Graf nach einer Friseuse für die Gatten und einem Kammerjungferdienste leistenden Stuben­mädchen gefragt hatte. Umstände halber war es nicht möglich gewesen, die eigene Dienerschaft mitzunehmen.

Daß die Herrschaften in der Residenz lebten und intim bei Hofe verkehrten, ging aus jedem Worte hervor.

Auch große Reisen im In- und Auslande hatten sie gemacht, und trotz all dieser gewiß namenlosen Ver­wöhnung waren sie die gewinnende Güte und Nachsicht!

Der Graf richtete die huldvollsten Worte an Frau Marthe und lobte ihr Essen ganz außerordentlich,es sei ein Genuß, solch meisterlich bereitete Speisen zu essen."

Da hatte er die Stelle getroffen, wo die biedere Wirthin sterblich war. Ganz geschwollen vor Stolz und Glück schritt sie einher, und all die Basen und Gevatterinnen, welche die Neugierde zu ihr in die Küche trieb, hörten eitel Begeisterung über die feinsten aller Gäste.

Als sich die Tafel bereits ihrem Ende näherte, sah die Gräfin Plötzlich angestrengt aus dem Fenster, vor welchem sich, bequem zu übersehen, der holpriche, ziemlich große Marktplatz mit dem überdachten Brunnen in der Mitte, ausdehnte.

Ihr Blick schärfte sich, unbemerkt stieß sie ihren Gatten mit dem Fuße an und dieser folgte der Richtung ihres Auges.

Da sah er etwas Ueberraschendes!

Quer über das Pflaster stolperte eine ganz seltsame Männergestalt.

Eine kleine gedrungene Figur stak in einem Schafpelz die Haare nach innen welcher den Eindruck eines Sackes machte und um die Taille nur einen scharfen Ein­schnitt aufwies, welchen ein als Gürtel benutzter Strick gezogen.

Klobige hohe Stiefel von Rindsleder machten die Füße zu wahren Monstrums und der sehr dicke Kopf mit breitem, bartlosem, starkgeröthetem Gesicht trug eine Pelzmütze, wie sie in der Kinderstube der Knecht Ruprecht vor Weihnachten als schreckenerregendes Requisite zur Schau trägt.

Der seltsame Mann rannte mit vorgestrecktem Halse in stierem Eifer daher, fuchelte mit den Händen in die Luft und schien laute Selbstgespräche zu halten.

Seltsamerweise sahen ihm ein paar Straßenbuben nur grinsend nach, ohne johlend neben der auffallenden Er­scheinung herzutraben. Dieselbe mußte wohl in Angerwies schon bekannt sein. Graf und Gräfin wechselten blitzschnell einen Blick des Einverständnisses, ja der Gatte machte eine jählings zustimmende Kopfbewegung. Da nahm Frau Melanie ganz wie von ungefähr ihre langstielige Lorgnette von ciselirtem Gold zur Hand und blickte noch einmal hinaus, diesmal osficiell.

Und dann stieß sie einen leisen, entsetzten Laut der Ueberraschung aus, welcher jedes Gespräch verstummen machte, wies nach der seltsamen Gestalt auf dem Marktplatze und rief mit sehr harter, lauter Stimme und ganz besonderem Ausdruck:Mon. Dien, wie schrecklich, da läuft ja ein Verrückter!"

Capitel 2.

Fama, behende vom Schwung, wie sonst kein anderes Scheusal, Rührigkeit mehrt ihr Gedeihn, und kräftiger wird sie im Fortgehen; Anfangs klein und verzagt; bald hoch in die Lüfte sich hebend Tritt sie einher auf dem Boden und birgt in den Wolken die Scheitel!

Virgil.

Eine verlegene Stille entstand.

Der Assessor räusperte sich mit vielsagendem Blick ringsum, der Apotheker neigte sein spitzes Kinn auf den Teller und kicherte leise auf, und als der Auditeur sogar laut in seine Serviette pruschtete, und der bedienende Simmel die breite, rothe Hand mit gespreitzten Fingern vor das Gesicht preßte, wie Einer, der halb erschrocken, halb belustigt seine Gefühle verbergen will, da gab es kein Haltens mehr, ein lautes, wohlthuendes Gelächter erscholl.

Die Gräfin machte ein sehr reizend naives Gesicht und wandte sich zutraulich zu ihrem entzückten Nachbar:Stimmt es wirklich, Herr Assessor? Habe ich das Rechte getroffen?"

Der Gefragte verneigte sich:Gnädigste Gräfin haben wenigstens die Ansicht von Angerwies und Umgegend ausgesprochen!" lachte er noch immer.Man kann ja Manches denken, was man aus Respect nicht in Worte kleiden darf."

Aus Respect?" Der Graf nahm noch einmal die Weinkarte zur Hand und winkte dem Wirth:ich bitte Sie um Alles, bester Herr Assessor, wer ist jenes Monstrum im Schafpelz, daß es Respect von Menschen verlangen kann, in deren Augen es sich selber so lächerlich herabsetzt?"

Abermals jubelndes Gelächter, dann kicherte der Apo­theker:Vor dem Schafpelz hat man allerdings keine Devotion wohl aber vor dem Namen, welchen er um hüllt! Der seltsame Herr da draußen war der Reichsgraf Willibald von Niedeck, der Besitzer eines der reichsten und herrlichsten Majorate, welche das deutsche Vaterland kennt!"

Ein leiser Aufschrei der Ueberraschung tönte von den Lippen der fremden Gräfin, sie preßte das spitzenbesetzte, duftende, weißseidene Taschentuch gegen die Lippen, als fürchte sie eine Ohnmacht.Schauderhaft! Shocking!!" stöhnte sie auf.Sie scherzen, lieber Assessor! Wenn dieser Mensch der reichste, vornehmste Majoratsherr ist dann gehört er entweder in seine eigene Rumpelkammer oder in das Irrenhaus!!"

Der Assessor zuckte mit vielsagendem Blick die Achseln, der Graf aber schien ganz in die Weinkarte versunken. Mit gewinnendstem Lächeln sah er jetzt auf.

Ich finde, meine sehr verehrten Herrschaften, daß wir hier äußerst gemüthlich zusammen sitzen und gar nichts Besseres thun lönnen, als diese charmante Tischstunde noch ein wenig auszudehnen! Das Regenwetter fesselt uns heute so wie so an das Zimmer, darum bitte ich die Herren, mir als liebe Gäste noch ein Weilchen Gesellschaft zu leisten. Mein bester Meister Simmel, ich lese, daß Sie auch Sect in dem Keller haben! Lassen Sie, bitte, eine Flasche sogleich herauf bringen, und vier andere auf Eis legen, ich freue mich, die Repräsentanten der Angerwieser ersten Gesellschaft dazu einzuladen!"

Welch eine Wirkung hatten diese Worte! Vater Simmel stand einen Augenblick, als traue er seinen Ohren nicht, dann verklärte ein geradezu traumhaftes Lächeln sein Antlitz, und beide Hände ineinander schlagend, wie Einer, der sein Glück nicht fassen kann, wankte er zur Thür. Die zwölf Flaschen echt französischen Sectes, welche im Keller lagerten, beuchten ihm längst die Nägel zu seinem Sarge. Er hatte sie anläßlich der Hochzeit des reichen Brennereibesitzecs kommen lassen, aber vierzehn Tage vor der Hochzeit starb der Bräutigam, und nun gab es in Angerwies keine Ge­legenheit sür französischen Champagner, der deutsche billige Schaumwein war sein Todesurtheil. In seiner Verzweiflung hatte Simmel dem Grafen Willibald Niedeck den kleinen Posten angeboten, war aber zu seinem tiefen Groll ab­schlägig beschieden worden! Und nun, als er das theuere Schmerzenskind Cliquot schon längst zu Grabe gelegt hatte im Keller, kam dieser herrliche, unvergleichliche, fremde Märchengraf und sprach sein Zauberwort, welches den Sesam öffnete! Das war eine That, welche ihn ewig zu des Fremden Schuldner machte!

Und nun gar die Gesichter der umsitzenden Herren, welche heute, am simplen, werktägigen Mittwoch, für ganz umsonst echt französischen Champagner trinken sollten.

Hohe Gluth stieg in Aller Wangen, linkische Ver­beugungen, unverständlich gemurmelte Worte des Dankes antworteten auf die entzückende Einladung.

Der Apotheker trat in seiner Herzensfreude seinem Nachbar beinahe die Zehen unter dem Tische ab, und der Auditeur kniff und schuppte seinerseits unbemerkt, aber energisch den Postassistenten, daß diesem siedeheiß ward.