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Ton des Abscheus und der Verzweiflung, und indem sie ihm zurief: „Jetzt weiß ich, was Du mit ihm vor hast!" ergriff sie daS Buch und die Papiere, drückte sie an ihre Brust und stürzte an dem Doctor vorüber zur Thür, die sie aufriß und laut hinter sich zuwarf.
„Teufel!" murmelte er. Ein kurzes Nachdenken fesselte ihn noch an seinen Platz, dann griff er eilig nach seinem Hut, eilte gleichfalls zur Thür und stürmte die Treppe hinunter.
Abwärts führte ihn sein Weg, aufwärts glitt ihre Gestalt über die knarrenden, ausgetretenen Treppen des alten Gebäudes. Aufwärts, bis sie im Giebelraum vor Neuerts Zimmer Halt machte und einen Augenblick Athem schöpfte nach ihrem eiligen Lauf. Dann klopfte sie leise an die Thür des kleinen Gelasses, das ihr Sohn bewohnte.
„Wer ist da?" fragte er mürrisch, halblaut. Sie gab keine Antwort, sondern wiederholte nur ihr Klopfen, bis ein müder, schlürfender Schritt sich näherte, und die Thür von innen geöffnet wurde. Erstaunt trat Neuert in das Zimmer zurück, als er Fräulein Tietjens vor sich erblickte. Sie hatten noch nie, so lange sie gemeinsam in diesem Hause lebten, ein Wort miteinander gewechselt, und auch jetzt standen sie im ersten Moment schweigend, nach einem Anfang suchend. Der Schlosser hatte angekleidet auf seinem Bette gelegen, vom Gang über die vielen Treppen ermüdet, den er zum ersten Male wieder gemacht hatte. Mißgelaunt blickte er auf seine ungeordnete Kleidung und zerrte an den Knöpfen seines Rockes.
„Lassen Sie mich hinein," sagte sie leise und fanft; es war ihm, als klängen Thränen in ihrer Stimme. Und vor diesem ungewohnten Tone wich er zurück, trat bei Seite und gab den Eingang frei. Sie schloß die Thür behutsam, ohne Geräusch, um nun, ihm gegenüber, vergeblich nach Worten zu ringen.
„Ich habe Ihnen etwas zu sagen," begann sie endlich - „es handelt sich um Sie selbst, um Ihre Freiheit, Ihr Leben vielleicht. Aber es handelt sich auch noch um Jemand Anderes, um eine Frau, die Sie noch nicht kennen, obwohl sie Ihnen näher steht, als irgend ein Wesen sonst in der Welt, — ja, Franz, es handelt sich um Deine Mutter!"
„Meine Mutter?" Es war nur Erstaunen und Zweifel, keine Hoffnung und keine Liebe in seiner Frage, mit der er Antwort gab auf ihren letzten, schluchzend hervorgestoßenen Worte.
Sie aber ergriff seine Hand, zog sie an ihre Brust und küßte sie unter Thränen. „Gieb mir Deine Hand, sieh, ich habe sie gehalten und geküßt, als sie ganz klein und hilflos war, vor vielen, langen Jahren. Du bist ausgewachsen ohne die Liebe einer Mutter, aber es war nicht meine Schuld, glaube mir, es war nicht meine Schuld!"
„Sie also behaupten, meine Mutter zu sein?" Er betrachtete sie aufmerksam, das Mißtrauen aus seinen Augen war noch nicht geschwunden. „Wo sind denn die Beweise dafür?"
„Die Frau, die Dich erkannt hat, vorhin, als ich dazu kam, bei der Du aufgezogen bist in den ersten Jahren Deines Lebens, wird Dir bezeugen, von wem sie Dich empfing, und wer Dein Vater ist. Dann aber wird er nicht mehr leugnen können, was Du ihm bist, und was ich ihm gewesen bin."
„Ein schöner Vater, wie mir scheint," sagte er mit bitterem Lachen, sie aber hörte nicht auf ihn.
„Und wenn es eines äußeren Beweises bedarf, hier ist er, in diesem Buche. Mit meiner eigenen Hand —"
Er ließ sie nicht zu Ende reden. Mit einem wilden Laute des Zorns entriß er ihr das Buch so heftig, daß auch die anderen Papiere, die sie gehalten hatte, zur Erde fielen. Und als er diese erblickte, warf er das Buch bei Seite, um, mit den Knieen hart auf den Boden niederstürzend, die verstreuten Blätter an sich zu raffen. „Das ist mir gestohlen!" schrie er, heiser vor Wuth. Gestohlen, geraubt, während ich
hier im Fieber gelegen habe und wehrlos war!" Von eineitt plötzlichen Gedanken gepackt, eilte er in die Ecke de- Zimmers schob mit wüthendem Eifer die Kiste von ihrem Platz und schlug die Fingernägel in den Spalt der Dielen, das lockere Brettstück von seinem Platze hebend. „Wer hat das gethan?" schrie er auf, als die Oeffnung frei geworden war, und er erkannte, daß eine fremde Hand seinen geheimen Besitz berührt hatte. Mit einem einzigen Griff riß er die Papiere heraus, die in der Höhlung lagen, und streute sie um sich her in wildem Suchen. „Hier hat das Buch gelegen," rief er, in die leergewordene Oeffnung hinunterstarrend, „und hier haben diese Schriften gelegen, die der Hund mir gestohlen hat. Nur Einer kann es gethan haben, nur Einer ist hier gewesen, solange ich krank war!"
„Er hat es gethan!" Sie sagte es ruhig und kalt, ohne Zögern und Ueberlegen.
Noch auf den Knieen liegend hob Neuert die geballten Fäuste. „Er soll es mir büßen, der Lump, der hinterlistige Hund! Mit schönen Worten hat er mir geschmeichelt, mein Vertrauen hat er gewinnen wollen, und wie es ihm nicht gelungen ist, hat er mich bestohlen wie ein gemeiner Dieb!"
Ec war aufgesprungen und rang nach Athem mit keuchender Brust- Schweißtropfen hingen ihm am verwirrten Haar. Um ihn her aber auf dem Boden lagen die zerstreuten Blätter, und inmitten der Papiere, deren jedes ein Werkzeug der Revolution hatte werden sollen, stand der verzweifelte Mann wie ein geschlagener Feldherr, um den seine Armee gefallen ist.
Langsam trat seine Mutter näher zu ihm heran. „Du weißt noch nicht Alles," sagte sie leise, mit Nachdruck, „der Mensch, der Dich beraubt hat, ist Dein Vater."
Er antwortete mit keinem Laut, die Arme sanken ihm am Körper herab, der ganze Leib schien zu erstarren, in den Augen allein blieb Leben zurück. In diesen Augen aber malte sich ein Entsetzen, ein Abscheu, ein Haß, für die es keine Worte gab, die nur in schweigender That sich offenbaren konnten. Sein Verstummen in diesem Augenblick bedeutete ein Gelöbniß, das Gelöbniß erbarmungsloser Rache an dem Manne, der ihm das Leben gegeben hatte, um ihn dann von sich zu stoßen aus seiner Nähe und mit Berrath und Diebstahl an ihm zu enden.
Sie war es, die zuerst wieder das drohende, furchtbare Schweigen brach. „Ich fürchte, es ist keine Zeit zu verlieren," sagte sie hastig und angstvoll, mit einem Blick aus die Thür, als wenn sie erwarten müsse, behorcht zu werden. „Du weißt nun, wie er an Dir gehandelt hat. Ec wird auf dem Punkte nicht stehen bleiben, wo er jetzt ist. Wie ich ihn kenne, ist er in diesem Augenblick schon dabei, die Mittel gegen Dich zu gebrauchen, die er besitzt. Es bleibt Dir nichts übrig, als zu entfliehen, jetzt gleich. Du mußt fort," — sie warf einen Blick auf seine hagere, von der Krankheit verwüstete Gestalt, auf seine Augen, in denen die Gluth des Fiebers wieder zu erwachen schien, und die Sorge um seine Rettung erstarb für einen Augenblick in mütterlichem Mitgefühl — „so schwach, so hilflos, so ganz allein hinaus in die Welt! Mein Franz, mein Junge, sag' mir, wie ich Dir helfen kann!"
Unaufhaltsam brachen ihr die Thränen hervor, und ihn mit den Armen umfassend, zog sie ihn fest an ihre Brust. Und unter dem Beweis einer Liebe, die er nicht gekannt hatte bis zu dieser Stunde, schloß er für ein paar Sekunden die Augen und öffnete, den Kopf in sanfter Erschlaffung zurücklehnend, mit einem fremden, kindlichen Lächeln die Lippe», während der Strom einer zugleich milden und gewaltigen Empfindung seinen erbebenden Köper zu durchfluthen schien- Dann aber schob er wieder die Mutter von sich und riß sich los aus der Umschlingung eines schönen, lähmenden Gefühls.
„Dafür ist es sitzt zu spät," sagte er kurz, aber ntd)t hart. „Ich muß fort, es ist wahr."
„Laß' uns überlegen, wohin Du gehst. Ich gebe Du Geld, soviel ich habe. Es wird besser sein —" Sie brach ab und wandte das Gesicht horchend zur Thür.


