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1897.
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ar leicht zerbrechlich — merk' Dir das, Mein junger Freund, — ist feines Glas. Vorsichtig will's behandelt sein,
Nicht wie der harte Krug von Stein. Trittst Du mit Menschen in Verkehr, So merk' Dir diese weise Lehr'I
Das Haus der Schatten.
Roman von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
Er war aufgestanden und ging auf der Schattenseite des Zimmers ein Paar Mal auf und nieder. Dann stellte er sich, ein böses, gefährliches Lächeln auf dem Gesicht, nahe vor Fräulein Tietjens hin. „Nun, meine Theure, ich sehe, Du bist ganz gut unterrichtet. Aber ich bin doch immer noch ein wenig rascher und besser au fait, als Du mit Deiner Frauenzimmerklngheit. Was Du mir da als ein großes, neuentdecktes Geheimniß auskramst, ich habe es schon seit vierzehn Tagen gewußt."
„Du hast es gewußt?" stammelte sie, von Ueberraschung für einen Moment gelähmt.
„Und Du selbst wärest so gütig, mir auf die Spur zu helfen." Er hatte die Schublade seines Schreibtisches geöffnet, das kleine Gebetbuch, das er bei Neuert gefunden hatte, herausgenommen und warf es nun mit einer nachlässigen Bewegung auf die Platte des Tisches.
„Dies Buch? Ich verstehe Dich nicht, — ich habe es ihm gegeben, als er noch klein war, als ich ihn das letztemal besuchte."
„Und ich habe es bei ihm gefunden, als er ein großer Schlingel geworden war."
Sie blickte schweigend in das Buch hinein, das sie emporgehoben und geöffnet hatte, las die Worte, von ihrer eigenen Hand auf die erste Seite geschrieben, und als sie nun wieder sprach, hatte die haltlose Leidenschaft einer ruhigen Würde Platz gemacht. „Du hast es also gewußt! Und hast es über das Herz gebracht, mir nichts davon zu sagen, obwohl es Dir nicht fraglich sein konnte, daß unser Sohn das einzige Band war, das es zwischen uns noch gab. In der Hoffnung, mit Deiner Hilfe ihn doch vielleicht noch einmal
wiederzufinden, bin ich in Deiner Nähe geblieben, in der Nähe eines Mannes, den ich verachtete. Um dieses Sohnes Willen habe ich Dich nicht verlassen, wie ich es lange gesollt hätte, und habe Spionendienste bei einer Frau verrichtet, die Du begehrtest, — denn Du kennst keine Liebe. Ja, ich will Dir das Letzte noch sagen: im Herzen habe ich einen Traum genährt, es könnte vielleicht an unserem Lebensabend, wenn Du alle äußeren Ehren erreicht hättest, die Du erstrebtest, eine gemeinsame Aufgabe für uns werden, das Glück unseres wiedergefundenen Sohnes zu fördern. Heute hast Du mir auch diesen Traum genommen. Es gießt nun keine Verbindung mehr zwischen Dir und mir. Meinen Sohn aber fordere ich für mich. Geh' Du Deines Weges und laß' mick meinen gehen, aber vorher soll dieser unglückliche, kranke, verlassene Mensch dort oben erfahren, daß er noch eine Mutter hat."
„Ein hübscher Abgang," sagte der Doctor, „Du würdest einen Applaus haben, wenn Du mit dieser Rede von der Bühne abträtest. Aber hier sind wir im Leben, nicht auf der Bühne, und darum muß ich Dir sagen, daß Deine Sentimentalitäten diesem Burschen gegenüber durchaus nicht angebracht sind. Wir wollen nicht darüber streiten, von wem er seine vortrefflichen Eigenschaften geerbt haben mag, — jedenfalls hat er sie mit Virtuosität ausgebildet. Er ist keineswegs ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden."
„Hast Du etwa versucht, es aus ihm zu machen?"
Ohne auf ihre Unterbrechung zu achten, fuhr er fort: „Nein, er ist überhaupt kein Mitglied der Gesellschaft mehr. Er hat sich selbst von ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen. Er ist — ich habe die Beweise dafür in Händen — ein Feind der öffentlichen Ordnung, ein Mann des Umsturzes, er ist, ich muß es mit Bedauern aussprechen, ein Anarchist geworden."
Eine plötzliche, furchtbare Veränderung ging mit ihr vor, Ihr Gesicht verzerrte sich und wurde einer weißen, schmerzentstellten Todtenmaske gleich. Ihre Augen ruhten für einen Augenblick auf dem Buch und einigen Papieren, die der Doctor mit ihm zugleich auf den Tisch gelegt hatte, dann hefteten sie sich mit einem Ausdruck steinernen Entsetzens auf sein Gesicht. Sie hob die Hände hoch empor und griff mit den Fingern, die sich zusammenkrampften, in die leere Luft. Er glaubte zuerst, sie wolle sich auf ihn stürzen, und faßte nach einem scharfen, ärztlichen Instrument, das in seiner Nähe lag, aber sie berührte ihn nicht. Auch dauerte das tiefe Schweigen, das entstanden war, nur einen kurzen Moment. Dann kam ein Schrei aus ihrer Brust, ein wilder


