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solcher Energie des ToneS, mit so feierlichem Eifer, daß e§ sie kalt überlief.
„Ich weiß nicht, was ich dann thun würde," sagte sie leise, mit einem Beben der Stimme, von seinen Worten im Innersten erschüttert. „Ich kann es mir nicht vorstellen. Laß uns nicht von Unmöglichkeiten sprechen."
Er stand langsam auf, und jetzt war wieder nur der alte, tiefe Schmerz in seinen Zügen. „Wir müssen es leider, von der einen traurigsten Unmöglichkeit vor Allem, uns anzugehören."
„Georg, Du liebst mich nicht mehr!" Jäh war sie emporgesprungen und stand nun mit ausgestreckten Händen, als müsse sie den Entfliehenden halten. Er antwortete nicht, er wagte es nicht, zurückzuschauen- langsam ging er zur Thür.
„Du liebst mich nicht mehr!" schrie sie noch einmal ans, und nun bezwang ihn der Ton der Verzweiflung. „Ob ich Dich liebe?" rief er, indem er sich umwandte und ihr in die Augen sah. Und wie zuvor preßte er sie von Neuem gewaltsam an sich, bedeckte ihr das Gesicht und das Haar mit Küssen und flüsterte heiße, leidenschaftliche Worte. „Mein Glück bist Du und meine Hoffnung! Meine Welt, mein Alles! Ich liebe Dich, hörst Du? Ich liebe Dich und ich werde sterben, wenn ich jetzt von Dir gehe."
„Nicht sterben," sagte sie leise und blickte zu ihm auf. Dann, als er sie nicht mehr küßte, sondern sie nur noch ruhig in den Armen hielt und gedankenvoll ihr in die Augen sah, machte sie sich langsam frei, strich mit beiden Händen das Haar aus der Stirn zurück und sagte lächelnd! „Nun ist es gut, nun weiß ich, daß Du mich noch lieb hast. Alles Andere gilt nicht daneben. Das allein habe ich gefürchtet, Du könnest durch diese Dinge verlernt haben, mich zu lieben. Jetzt will ich ganz geduldig sein und Dich nicht quälen durch Fragen und Drängen. Sieh, Du mußt Zeit haben, Dich zu finden- auch ich habe Zeit gebraucht. Ich will Dich nicht einmal sehen, wenn Du nicht magst, wenn Du vorläufig lieber allein bleibst. Nur aus dem Hause darfst Du mir nicht fort, damit ich von Dir hören kann und weiß, daß Du mir nicht krank wirst. Du siehst so blaß aus und vergrämt. Aber das wird schon anders werden- Du wirst zu mir kommen, und ich werde bis dahin sitzen und die Stunden zählen. Und wenn Du gekommen bist, dann —"
Er starrte vor sich hin- ihre Worte klangen zu ihm wie aus weiter Ferne. Und als sie fühlte, daß seine Blicke nicht mehr in ihren Augen ruhten, kam die Angst vor dem Verlust ihr zurück. Nach seinen Händen greifend, sagte sie: „Glaub' mir, ich lasse Dich nicht. Ich weiß nun, daß Du mich noch liebst, und darum gehörst Du mir. Ich kämpfe um Dich und lasse Dich mir nicht entreißen. Nein, der Tod hat kein Recht an das Leben, und ich zerreiße die Kette, die mich von Dir zurückhalten will."
Heute war es der Blick des Mannes, der auf das Tannhäuser-Bild an der Wand fiel. Und indem er es betrachtete, kam ihm der Gedanke, ob es Frau Venus sei, die ihn halten wolle, ob seine Liebe von der ersten Stunde ab unrein und sündhaft gewesen sei, ob alle Qualen, die er erduldet hatte und noch vor sich sah, einen Schuldigen träfen als verdienter Lohn. Sich von ihren Händen befreiend, den Blick auf das Bild geheftet, ging er, rückwärts schreitend, langsam zur Thür. „Leb' wohl," sagte er, ohne sie anzusehen.
Tie machte eine Bewegung, als wenn sie ihn halten wollte, aber sie besann sich und trat ihm nicht in den Weg.
„Leb' wohl" sagte sie und nickte ihm zu. „Auf Wiedersehen."
Er gab keine Antwort, blickte sie auch nicht mehr an. Als er draußen war, blieb sie stehen und schaute lange auf die Stelle, wo er gestanden hatte, und die nun leer geworden war. Die Thränen stiegen ihr empor, aber ein Lächeln stiller Hoffnung blieb doch daneben aus ihrem Gesichte zurück.
Sech st es Capitel.
Der Februar war hingegangen, und der März war gekommen. Die Tag- und Nachtgleiche des Frühjahrs war nun bereits nahe, und die Stürme, die zu dieser Zeit gehören, kündigten sich an. Der Schnee hatte ungewöhnlich lange gelegen- von Anfang Januar bis Mitte März war die weiße Decke dagewesen, das Auge blendend und den Geist ermüdend. Jetzt endlich war sie gewichen- der Schnee aus den Dächern war grau geworden und dann langsam gx. schwanden, die schwarzrothen, gestreiften Flächen der Ziegeldächer waren hervorgekommen, die Wege waren wieder braun und grau geworden, und über die kahlen Bäume hatten die schwellenden, aber noch nicht sich öffnenden Knospen einen ersten, feinen, bräunlichrothen Schleier gebreitet.
Im Hause der Schatten war das Leben in äußerer Ruhe seinen Weg gegangen. Georg hatte seit jener Aussprache mit Frau Ina vermieden, sie anders als in Gegenwart Dritter zu sehen- kein vertrauliches Wort war seitdem zwischen ihnen gesprochen worden. Er war viel, vielleicht mehr als nöthig, vom Hause fort gewesen- die Nachforschungen in der Anarchistenangelegenheit hatten ihm thatsächlich allerlei Arbeit gebracht. Bisher waren sie jedoch vergeblich gewesen- auch eine unauffällige Beobachtung Neuerts hatte nichts BemerkenS- werthes zu Tage gefördert.
War Sybel nicht in seinem Bureau, so machte er weite, einsame Spaziergänge, die er jetzt nach dem Schwinden des Schnees auch über die Stadt hinaus fortsetzen und ausdehnen konnte. Wenn er aber so in dem grauen Lichte des Tages oder in den Schatten der hereinbrechenden Dämmerung über die nassen Landstraßen und enge, wenig betretene Waldwege dahinging, dann erschreckte er häufig unvermuthet ihm Begegnende durch heftige Bewegungen der Hände und durch laute Selbstgespräche. Auch in der Einsamkeit seines Zimmers hatte er sich daran gewöhnt, stundenlang auf und ab zu gehen und mit sich selbst zu reden. Oder er saß regungslos und brütete vor sich hin, und sein Gesicht wurde dabei immer bleicher, älter und vergrämter.
Frau Ina wachte von Weitem über ihn, und ihr Stubenmädchen Johanne, die seine Bedienung besorgte, trug ihm manche freundliche Gabe von ihrer Hand zur Stärkung und Labung tagtäglich zu, fast ohne daß er es bemerkte. Gleichgiltig genoß er das Nöthigste- seine Gedanken weilten immer fern von der Gegenwart, und oft setzte er die nervöse Bedienerin durch unerwartete, seltsame Fragen in Schrecken. „Haben Sie den Todteu gesehen?" fragte er sie einmal fast heftig, mitten aus einem tiefen Schweigen heraus- und erst, als daS Mädchen zu zittern und zu weinen begann, erklärte er ihr, was er gemeint hatte. Ob sie schon zu Lebzeiten des Regierungsraths im Hause gewesen sei und ihn gekannt habe, das war es, was er zu wissen begehrte. Als sie verneinen müße, erlosch seine momentane Erregung, er nickte ihr schweigend zu und versank in neues, noch tieferes Brüten, indem er kaum wahrnahm, ob sie im Zimmer geblieben war oder nicht.
Wort für Wort mußte Johanne ihrer Herrin Alles, was der Assessor gesprochen hatte, getreulich berichten. Was die Leute davon denken, darüber sagen mochten, das kümmerte Frau Henninger nicht. Sie lebte nur in dem einen großen Gefühl, das jetzt ihr Dasein beherrschte- sie glaubte an die Liebe Georgs und vertraute auf die sieghafte Kraft ihrer eigenen Liebe. Der Tag mußte kommen, an dem seine Zweifel schwanden, an dem er zu ihr kam, um sie niemals wieder zu verlassen. Aber bis dahin, — wie endlos schlichen die Stunden, wie grau und dunkel waren diese Tage, wie schmutzig und häßlich war die Schneedecke geworden, wie langsam erwachte und wuchs das neue Licht! Nur die sich erhebenden Frühlingsstürme, die um das alte Hause zu brausen begannen, begrüßte sie mit Freude, mit einem Gefühl der Befreiung. Es war ihr, als erzählten sie mit ihrer mächtigen Stimme vom Nahen einer Zeit der Erlösung, und


