Ausgabe 
3.8.1897
 
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Sie sind heroisch, Polly," sagte sie mit mattem Lächeln, aber Sie sind auch unvernünftig."

Godfrey Greylock machte eine ungeduldige Geberde. Das ist eine unangenehme Geschichte," sagte er hochmüthig- es ist meiner Enkelin peinlich, irgend Jemandem als Schuldnerin gegenüberzustehen, namentlich einer Person, die sich in socialer Beziehung tief unter ihr befindet. Ich muß daraus bestehen, Mädchen, daß Sie etwas annehmen, was eine passende Entschädigung für den Dienst, den Sie ihr geleistet haben, genannt werden kann. Nehmen Sie das!" mit diesen Worten schob er ihr einen Streifen Papier in die Hand.

(Fortsetzung folgt.)

Liebesktast.

Ein« wahre Geschichte aus den kretischen Bergen.

Von Heinrich Foerster.

------- (Nachdruck verboten.)

In einem kleinen Dörfchen derWeiße,, Berge" waren sie Be de aufgewachsen. Wie sich über der herrlichen Land­schaft ihres wildzerklüfteten heimathlichen Hochthales der schnee- gekrönte Ida, der heutige Psiloriti, erhob, immer schön, immer derselbe in allen Stürmen und Wirren, welche über die Insel dahingingen, so stand über allen Sorgen ihrer Armuth das Glück ihrer Jugend, das Gefühl, welches sie verband, immer gleich fest und innig, immer beseligend.

Gabriel und Charis liebten sich seit ihren Kindertagen, sie hatten zusammen gespielt, zusammen Hirtendienste gethan, zusammen von einem guten Mönche das bischen Weisheit er­lernt, welches man in den kretischen Bergen braucht. Die Klosterbrüder aus Kreta sind von jeher Anhänger der nationalen Bewegung gewesen, die Flinte in der einen, das Kreuz in der andern Hand sind sie in die Freiheitskämpfe gezogen, was Wunder, wenn auch in den jungen Herzen Gabriels und Charis von dem Lehrer Gefühle geweckt und gepflegt wurden, die den beiden als Kindern ihrer freien Berge im Blute lagen. Mit flammender Begeisterung erzählte ihnen der Mönch von dem nahen Kloster Arkadi, dessen helden- müthiger Abt Jgumeuos Gabriel mit eigener Hand Feuer an die Pulverkammer gelegt, als er dem Bombardement der Türken unter Mustafa Pascha nicht mehr Widerstand leisten konnte. Seit der Zeit hatten Gabriel und Charis, so oft sie hinunter zum Strand nach Retimo kamen, mit einem Gefühl des Hasses die trotzige Festung angeschaut, welche gleich einer rechten Zwingburg die Stadt überragt, und ost hatten sie in den Ruinen von Arkadi gesessen und an den alten Jgumenos Gabriel gedacht, der ein Mann des Friedens und doch ein Held gewesen war. Ob sie auch an ihn ge­dacht, wenn sie sich übten, mit der Flinte zu schießen? Charis und die Flinte das waren die beiden, denen Gabriels Herz gehörte. Und er hatte seine helle Freude, wenn Charis es ihm gleichthat und die kleine Piastermünze traf, so lange sie dieselbe mit ihren hübschen Augen nur zu sehen vermochte.

Im November 1889 kam ich zum ersten Male nach Kreta, wenige Wochen später lernte ich Charis kennen. Gabriel und Chans hatten eigentlich in jenem Herbste heirathen wollen, es war anders gekommen. Bei Beginn des Sommers war der Haß der Kreter von Neuem aufge­lodert, hier und da gab es offene Aufstände, überall gährte es im Stillen. Gabriel war unter der Jugend seines Heimath- ihales der Feurigste für die Sache der Freiheit. Er glaubte schon den eigenen Herd auf freiem Boden bauen zu können. Alle Tage war er unterwegs, bald hinunter nach. Retimo, bald tiefer hinein in die Berge. Er besorgte die wichtigsten Botschaften unter den Aufständischen, er wußte um die Waffeneiukäufe, welche die Mönche machten, er fehlte bei feiner der heimlichen Versammlungen tief in der Nacht in

irgend einer unwegsamen, abgelegenen Felsschlucht. Da wurden die Insurgenten bei einer solchen Zusammenkunft eines Nachts von einer starken Eseorde türkischer Gendarmerie überrascht. Die Aufrührerischen ergaben sich erst nach ver­zweifelter Gegenwehr; auf tückischer Seite hatte man mehrere Todte und Verwundete. Gabriel und seine Genossen wurden in das Gefängniß der Festung zu Retimo abgeführt.

Lange, peinvolle Monate kamen nun für Charis. Die leise Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang schwand immer mehr in der furchtbaren Angst, daß man die Gefangenen von der Insel fort zur Verurtheilung nach Constqntinopel bringen würde. Da pochte es an einem stürmischen November­abend an dem Fensterladen des kleinen Häuschens, tn dem Charis mit der alten Mutter wohnte. Als Charis öffnete, streckte sich ihr eine Hand entgegen und drückte ihr ein zusammengefaltenes Papier in die bebenden Finger..

Eine Stunde später war Charis auf dem Wege nach Retimo. Sie trug ihre ganze Baarschaft bei sich, die zu- sammengesparien Piaster, die zur Ausrüstung ihrer Hochzeit bestimmt gewesen- und unter dem flatternden Tuche ver­wahrte sie noch etwas Anderes, laug, schlank und blank, Gabriels andere L ebe.

Um die Mauern von Retimo herum schlug Charis den Weg ein, der steil auf zur Festung führt. In der-chalben Höhe des Berges stieß sie auf die Straße, die birect aus den Festungsthoren sich zum Hafen hinunterzieht. Es war eine dunkle, stürmische Nacht, sie meinte aber doch unten am Strande das schwarze, große Ungethüm zu erkennen, das türkische Kriegsschiff, welches den Befehl hatte, die Ge­fangenen von Retimo nach dem Festland zu bringen.

Charis war todtenbleich, in ihren Augen glühte ein unheimliches Feuer, aber ihre Knie wankten nicht, ihre Hand zitterte nicht, sie war bereit. Von ihrer Liebe verlangte Gabriel das größte Opfer, mehr als ihr eigenes Leben, er verlangte es, er forderte es, er wollte es für sie gab es nur einen Willen. In ihrem Gürtel steckte sein Brief, ein abgerissener, schmutziger Zettel mit ungelenken Schrift­zügen, von lebenslänglicher Zwangsarbeit sprachen sie und von der Erlösung, von ihrer Liebe und von der Treue --bis in den; Tod!

Nach Mitternacht öffnete sich das Außenthor der Festung. Die Gefangenen wurden zur Einschiffung geführt. Im phantastischen Schein der Fackeln sind die Soldaten sichtbar, die blanken Läufe ihrer Flinten, die bleichen Gesichter der Unglücklichen, die auf fremder Erde sterben sollen, im Fron­dienst der verhaßten Feinde. Die Gefangenen, zwei und zwei zusammengefeffelt, gehen schwankenden Schrittes, ihre glühenden Augen suchen in der sturmdurchtobten Nacht vergebens zum letzten Male die Sterne der Heimath.

In der letzten Reihe, geht Gabriel. Stolz trägt er den hübschen, dunklen Kopf, und ob auch seine Wangen bleich sind, wie die der Genossen, sein Gang ist fest, seine Augen freudig und muthig, als ginge es nicht in Jahre voll Schmach und Schande, in das grauenvollste Schicksal, sondern tn den' freien-Kampf, dem der Sieg gehört.

An der Biegung der Straße, dort wo der Weg ctiv mündet, der von der Stadt heraufführt, blickt Gabriel zum Himmel auf. Eben zertheilt der Sturm die Wolken, ein Sternlein schaut herab weithin durch die Nacht, in Wind - und Meeresrauschen, tönt der Knall eines Schusses. Der Genosse, mit dem Gabriel zusammengefeffelt ist, hält sich nur mühsam aufrecht, um nicht von dem ins Herz ge­troffenen Gefährten. niebergeriffen zu werben, dessen er­bleichenden Lippen mit seligem Lächeln leise flüstern:Chans Geliebte hab' Dank" Unb che man recht wußte, was eigentlich geschehen, war Gabriel ein Leiche.

Charis aber ist wieder in die Berge gegangen. Ob sie den Tod, den sie suchte, gefunden, habe ich nicht erfahren-

Redaction: 8L Scheyda. Druck und ® erlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Meßen.