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daUUenlagers- ihre Züge waren so verändert und eingefallen, daß selbst die Augen eines Liebenden sie kaum wieder erkannt hätten.
Polly kam zuerst wieder zum Bewußtsein und kehrte langsam aber sicher zum Leben zurück. Ihre Lebenszähigkeit erwies sich jetzt eben so groß, wie in den Tagen ihrer Kindheit. Eines Morgens, als die alte Hopkins an ihrer Seite saß, schlug sie die Augen auf und sagte mit matter Stimme: „Ist Fräulein Greylock verletzt?"
Ihr erster wiederkehrender Gedanke galt dem Mädchen, für das sie schon zweimal bis zu den Pforten des Todes gegangen war.
„Nein," antwortete die alte Haushälterin, „Miß Ethel ist nicht verletzt, allein sie ist krank und phantasirt — wohl in Folge Ihres starken Blutverlustes. Wissen Sie, wo Sie sind? In Greylock Woods. Sie wurden mit Miß Ethel von den Salzgruben hierher gebracht. Doch nun erzählen Sie mir von jenem Abend! Es verlangt uns Alle so sehr danach, die Geschichte zu vernehmen, unser armer Liebling ist bis jetzt noch nicht im Stande gewesen, ein einziges vernünftiges Wort zu sprechen."
Polly blickte die alte Hopkins mit hohlen, scheuen Augen an. Dann suchte sie sich auf ihrem Lager zu erheben und sagte mit leiser, heiserer Stimme: „Geben Sie mir meine Kleider! Warum hat man mich hierher gebracht? Ich kann nicht hier bleiben — ich muß auf der Stelle nach der „Katzen-Herberge" zurück — ich kann Ihnen nichts sagen — kein einziges Wort."
Die alte Haushälterin starrte die Kranke verblüfft an. „Wer verwundete Sie bei den Salzgruben, Mädchen?" fragte sie, „und wie kam Miß Greylock mit Ihnen dort zusammen? Sie müssen mir Alles sagen, und das auf der Stelle!"
Ein seltsamer Ausdruck kam über Pollys dünnes, blutloses Gesicht. „Fragen Sie mich nicht!" keuchte sie- „sich werde Ihnen nichts sagen — Sie können mich nicht zwingen ich will nicht — ich will nicht!"
Die Haushälterin schickte sofort nach Doctor Vandine.
„Dies erinnert mich an die alten Tage im Hospital, Polly," begann der Doctor, indem er neben dem Bette der Verwundeten Platz nahm. „Du bist wahrlich unter einem Unglücksstern geboren. Sei nun aber ein gutes Kind, Polly, und sage mir, wer der Schurke ist, der Dich und Miß Greylock bei dem Steinhaufen angriff!"
Zum ersten Mal in ihrem Leben blickte sie den Doctor mißtrauisch an. „Nicht für alle Schätze der Welt würde ich auch nur ein einziges Wort über jenen Abend reden!" rief sie mit einer Heftigkeit, die Doctor Vandine besorgt machte.
Seine Stimme hatte von jeher große Macht über sie gehabt- jetzt aber bat und redete er vergeblich. Sie blieb unbeweglich wie Granit.
Endlich erhob sich Vandine halb ärgerlich und sagte im Gehen: „Ich kenne Dich, Polly- Du handelst gern edel und großmüthig. Mit Deinem Schweigen stichst Du Jemanden zu schonen- nicht Dich selbst, so vjel ist sicher."
Eines Abends im Spätsommer stellte sich auch in Ethel's Fieber die Krisis ein. Doctor Vandine und die Wärterin befanden sich allein im Krankenzimmer. Vor der Thür desselben schritt Godfrey Greylock, von tiefster Seelenqual gefoltert, im Corridor auf und nieder. Galt es Leben oder Tod? In dieser schrecklichen Stunde empfand er es tiefer denn je, daß er seine Enkelin mehr als seinen Familienstolz, mehr als seinen Reichthum, mehr als die ganze Welt liebte.
Stunde um Stunde verging. Zu dem Erkerfenster am Ende des Corridors schien des Mondes Silberlicht Hereinein Nachtvogel sang unter den Kastanienbäumen der Allee - der von dem Wohlgeruch der späteren Veilchen geschwängerte Wind drang durch das offene Fenster und wehte den unglücklichen Mann wie ein Hauch des Himmels an. Galt es Leben oder Tod? Diese Frage marterte unablässig das Ge
hirn des Greises, lastete mit der Wucht eines Felsens aus seinem Herzen und erschwerte ihm das Athmen.
„Rette sie, oh Gott!" betete er vor sich hin, „und nimm mir statt ihrer alles Andere, was ich besitze!"
Die Thür des Krankenzimmers ging auf, und Doctor Vandine trat heraus.
Godfrey Greylock rang nach Fassung. „Reden Sie!" keuchte er. „Ist es Leben oder Tod?"
Vandine's Gesicht erschien für einen Augenblick wahrhaft schön. „Gott sei Dank", antwortete er, „es ist Leben!"
Godfrey Greylock wankte nach dem Fenster und riß den angelehnten Laden weit auf, als wäre er dem Ersticken nahe. Dann lehnte er sein graues Haupt an den Fensterpfosten und brach in Thränen aus. Sein Liebling sollte also leben!
Als Ethel Greylock das Bewußtsein wieder erlangte, sah sie ihren Großvater neben ihrem Bette knieen und hörte ihn leise zärtliche Worte murmeln. Sie wurde nicht mit Fragen bestürmt wie die arme Polly- nichts wurde gestattet, was sie aufregen konnte. Ihr Leben schwebte noch immer an einem Faden. Eine geraume Weile schien sie sogar zu schwach, sich des tragischen Ereignisses bei den Salzgruben zu erinnern- allein die Tage vergingen, und die junge Erbin kam allmälig wieder zu Kräften.
Eines Morgens, als Godfrey Greylock wieder in das Krankenzimmer trat, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, streckte Ethel ihm flehend ihre schneeweiße Hand entgegen und stammelte: „Großpapa, ich möchte eine Frage an Dich richten."
„Sprich, mein Liebling!"
„Wer fand mich an jenem schrecklichen Abend? Wer brachte mich nach Hause?"
„Ich selbst fand Dich, Ethel, und brachte Dich nach Hause."
Ein Ausdruck wilden Entsetzens prägte sich in ihrem eingefallenen Gesicht aus. „Allein, Großpapa?" keuchte sie. „Wie entkam ich jenem Manne lebendig? Es trat Jemand zwischen uns — Du warst es nicht!"
Sein hochmüthiges, altes Herz hörte beinahe aus zu schlagen. „Welchem Manne, mein Kind?"
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und schluchzte: „Oh, Großpapa, willst Du mir versprechen, mir zu verzeihen, wenn ich Dir Alles gestehe? Ich verdiene Deine Verzeihung nicht, Großpapa, und dennoch kann ich ohne dieselbe nicht leben."
„Sprich, Ethel! Es gibt Nichts, das ich Dir nicht vergeben würde. Rede frei heraus!"
Die Wärterin hatte sich in ein Nebenzimmer zurückgezogen, und die Beiden befanden sich nun allein. Ethel Greylock lehnte wie eine geknickte Lilie ihr Hanpt an ihres Großvaters Schulter und erzählte ihm Alles.
Er hörte ihr Geständniß ohne eine Geberde des Zornes oder Unwillens an. Er war so nahe daran gewesen, seinen Liebling zu verlieren, daß er ihr trotz ihres großen Unrechtes, welches sie begangen, nicht zu zürnen vermochte.
Als sie ihre Mittheilung beendigt hatte, umarmte er sie zärtlich, küßte die Thränen von ihrer weißen Wange weg und sagte mit völlig ruhiger Stimme: „Ich will Dir keine Vorwürfe machen, Ethel- Du hast Deine Thorheit schwer genug büßen müssen, armes Kind. Indem Du den Mann, den Du liebst, von Dir triebst — denn es ist mir jetzt vollkommen klar, daß Du Sir Gervase wirklich liebst —Du hast Dein ganzes künftiges Glück zerstört. Regnault zu suchen, um ihn zur verdienten Strafe zu ziehen, ist wohl auch zwecklos geworden. Er befand sich in der Kutsche, welche an jenem Abend in der Nähe der alten Salzgruben an mir vorüberfuhr- ohne Zweifel.hat er längst schon einen sicheren Zufluchtsort gefunden. „Weißt Du auch, wer Dich vor seinem mörderischen Dolch errettete, Ethel?"
„Ich weiß es nicht- es kam Alles so plötzlich. Ich erinnere mich nur des Erscheinens eines bleichen Gesichtes in der Dunkelheit und das Aufblitzen eines Dolches. Dann


