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vernahm ich einen entsetzlichen Aufschrei- wir wurden von einander gestoßen, und Jemand empfing den für mich bestimmten Stoß. Ich fühlte das heiße Blut auf meinem Gesicht und wurde ohnmächtig."
Godfrey Greylock's Züge nahmen einen ernsten Ausdruck an, indem er ihr erzählte, wessen blutbedeckten Leib er über dem ihren liegen fand.
„Wie froh bin ich, daß Du sie hierher brachtest, Großpapa", rief Ethel, „daß Du sie hier verpflegen ließest! Sicherlich habe ich die Rettung meines Lebens ihr zu verdanken!"
„Nach dem, was Du mir erzähltest, kann kein Zweifel darüber herrschen.",
„Sie muß in der Nähe gewesen sein und meine Gefahr bemerkt haben, worauf sie großmüthig ihr eigenes Leben preisgab, um mich zu retten. Und dazu noch eine Fremde! Edle Thaten beschränken sich auf keine Klasse oder Rangstufe, Großpapa!"
„Sehr wahr, mein Kind."
„Wie gut es von Polly war, trotz aller Deiner Fragen über diesen Gegenstand Schweigen zu beobachten. Es ist augenscheinlich, daß sie entschlossen war, mich nie zu ver- rathen. Ist sie völlig wieder hergestellt? Ist sie im Stande, hierher zu kommen? Ich wünsche sehr, sie zu sprechen"
„Vandine sagt, sie sei immer noch sehr schwach- erkennt das Mädchen schon seit Jahren und scheint sich sehr für sie zu interessiren. Du brauchst nur zu klingeln, wenn Du sie sehen willst. Sie kehrt heute nach der „Katzen-Herberge" zurück. Ich habe die Kutsche bestellt, um sie gegen Mittag wegbringen zu lassen. Aus Gründen, die uns unbekannt sind, fühlt sie sich so unglücklich unter diesem Dach, daß der Doctor erklärte, sie müsse durchaus nach dem Gasthofe zurückkehren, wenn sie wieder völlig hergestellt werden solle."
„Sie will nach der „Katzen-Herberge" zurück, ohne ein Wort mit mir gesprochen zu haben?" fragte Ethel. „Ich kann das nicht zugeben, Großpapa. Du gedenkst sie doch für ihre edle That zu belohnen?"
„Gewiß, das ist längst beschlossene Sale", bestätigte "ber alte Herr. „Was sie vor allen anderen Dingen bedarf, ist wahrscheinlich Geld. Du bist von mir ermächtigt, mein Kind, ihr zu geben, was Dein Herz für gut findet."
Er klingelte, und fünf Minuten später stand Polly, zur Rückkehr nach dem Gasthof gekleidet, in dem prächtigen Gemach, das mit dem größten Luxus ausgestattet war. Das grelle Licht des Tages war durch venetianische Jalousien gedämpft, während die in japanischen Töpfen blühenden Moschusrosen einen lieblichen Wohlgeruch verbreiteten. Auf ihrem mit Spitzen und Stickereien überladenen Bette lag Ethel wie eine Treibhauslilie, während der stolze, alte Gebieter des Hauses auf einem Fauteuil neben ihr saß.
Polly machte einen eigenthümlichen Eindruck in dieser Umgebung. Die ärmlichen Kleider hingen lose an ihrem abgezehrten Körper herab- ihr fleischloses Gsiicht mit den großen Augen und den rabenschwarzen Haarflechten hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Sie schien erschrocken und verlegen.
Die junge Erbin streckte ihr wohlwollend die Hand entgegen. „Treten Sie näher, Polly," bat sie mit sanfter Stimme- „fürchten Sie sich nicht! Ich habe soeben erst Ihre brave, aufopfernde That vernommen, und ich danke Ihnen, daß sie mein Geheimniß so treu bewahrten. Ich habe indessen meinem Großpapa Alles mitgetheilt."
Polly war nahe bei Godfrey Greylock stehen geblieben, daß ihre dürftigen Kleider seine elegante Toilette streiften. Sie ergriff indessen die ihr gebotene Hand nicht, die Ethel ihr entgegenstreckte, was dem stolzen Millionär sehr lieb war, da er Nichts so sehr haßte, wie persönliche Berührung mit Leuten untergeordneten Ranges.
„Wie blaß und krank Sie aussehen!" fuhr Ethel fort. „Sie haben um meinetwillen viel gelitten! Wie kann ich Ihnen je dafür danken? Doch nun sagen Sie mir, wie kamen Sie an jenem Abend nach dem Steinhaufen?"
Pollys tiefliegende Augen senkten sich. Godfrey Greylock sah, daß sie vor Schwäche zitterte, und er deutete mit dem Finger auf einen Stuhl am Fuße des Bettes. Sie ließ seine frostige Geberde unbeachtet. Es war ihr nur darum zu thun, die Unterredung so bald wie möglich zu Ende zu bringen, und indem sie darüber nachdachte, wie sie dies am besten bewerkstelligen könne, vergaß sie, Ethel's Frage zu beantworten.
„Kommen Sie doch zu sich, Mädchen!" rief der alte Greylock ungeduldig. „Hören Sie nicht, was meine Enkelin sagt? Sie wünscht eine Erklärung über Ihre rechtzeitige Ankunft bei den Salzgruben an jenem Abend."
Polly fuhr erschrocken zusammen. Dieser alte Mann mit seinem kalten, strengen Gesicht und seinem hochmüthigen Wesen flößte ihr eine unerklärliche Furcht ein.
Sie trat einen Schritt von ihm zurück und stammelte: „Ich hatte ein Gespräch im Gasthof mit angehört und Ursache, Regnault für einen schlechten Menschen zu halten. Ich fürchtete, er möchte schlimme Absichten gegen Miß Greylock haben- ich folgte ihm dann heimlich nach den Salzgruben."
„Ach so," sagte Ethel nachdenklich. „Sie überbrachten mir seinen Brief und wußten wohl um den Inhalt desselben. Warum aber setzten Sie Ihr eigenes Leben auf's Spiel, um das meinige zu retten, Polly?"
Sie warf einen scheuen Blick aus den gefürchteten alten Mann, dessen stechender Blick sie zu durchbohren schien, und daun platzte sie unwillkürlich mit der Wahrheit heraus: „Weil ich Sie liebe!"
Ethel Greylock blickte das Mädchen erstaunt an. „Sie lieben mich!" sagte sie, nnd doch habe ich Sie erst zwei Mal gesehen, Polly! Was that ich denn, um Ihre Liebe zu verdienen?"
„Sie brauchten gar nichts zu thun," erwiderte die Andere- „ich sah Sie und liebte Sie!"
„Es ist eine ernste Sache, einem anderen Menschen sein Leben zu verdanken," meinte die Erbin. „Sie kamen nach dem Steinhaufen, um mir zu helfen, wenn es notwendig sein sollte — Sie standen nicht an, selbst den Todesstoß zu empfangen, der mir zugedacht war. Ich staune über Jyren Muth und Ihre Opferfähigkeit, ich finde keine Worte, um Ihnen meinen Dank auszudrücken." Thränen erstickten Ethels Stimme. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Großpapa und ich wünschen sehnlichst, Sie zu belohnen, Polly! Wie können wir dies am besten thun? Sie wollen das Haus doch nicht heute schon verlassen? Sie sind noch sehr schwach, viel zu schwach, um ihre Arbeit im Gasthof wieder anzutreten."
„Mercy Poole ist sehr gütig gegen mich, sie wird mir nicht mehr Arbeit zumuthen, als ich zu leisten vermag, Miß Greylock," versetzte die Andere.
„Dennoch bitte ich Sie, wenigstens noch eine Zeit lang hier zu bleiben," fuhr die Enkelin des Millionärs weiter fort- „Sie haben uns unendlich verpflichtet. Wie können wir unsere Schuld am besten abtragen? Sollen wir Ihnen Geld geben? Oder sollen wir Ihnen behülflich sein, einen anderen Lebenslauf zu erwählen? Vielleicht möchten Sie gern — denn Sie haben ein ganz intelligentes Aussehen — etwas Besseres sein als eine Dienerin? Vertrauen Sie sich mir au wie — wie — eine Schwester."
Polly richtete die Blicke auf den prächtigen sammetnen Teppich- ihre Züge verriethen keine Spur von dem Kampf, der in ihrem Herzen wüthete. Der stolze, alte Manu fixirte sie noch immer mit seinen kalten Augen, und ihre Furcht vor ihm nahm jeden Augenblick zu.
„Sie sind sehr gütig, Miß Greylock," stammelte sie endlich - „ich muß aber heute nach dem Gasthof zurückkehren. Ich kann nicht länger hier bleiben- dies ist kein Platz für mich. Geld brauche ich kaum und ich tauge zu nichts als zu meiner gegenwärtigen Arbeit- ich war stets nur eine Dienerin."
Ethel sank mit getäuschter Miene in ihr Kissen zurück.


