Das Kind der Tänzerin.
Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann.
(Fortsetzung.)
Der Wagen hatte die Eisenbahn-Station erreicht, und die Reise wurde sogleich sortgesetzt. Unter lebhafter Unterhaltung flogen Ethel und ihr Großvater in dem luxuriösen Salonwagen dem fernen Blackport zu und sahen durch das Fenster den Regen herabströmen und den Abend herannahen. Das Mädchen hatte etwas entdeckt, was Niemand, selbst die längst verstorbene Gattin des ehemaligen Bankiers nicht zn entdecken vermocht hatte, nämlich den Weg zu Godfrey's Herzen. Ihr einfacher Reiscanzug schien ihre außerordentliche Schönheit zu voller Geltung zu bringen, und die sonst so kalten und gleichgültigen Augen des alten Mannes ruhten mit zärtlicher Liebe und Bewunderung auf ihr, wie sie in ungezwungener Haltung und voll der natürlichsten Anmuth ihm gegenüber saß.
Dies war die schönste Blume, die je auf dem Lüamm der Greylocks geblüht hatte. Und eine Zukunft stand ihr bevor, die ihrer Schönheit würdig war. Er hatte Vieles für sie geplant — ihre Verheirathung mit dem Verwandten sollte neuen Glanz über den Namen Greylock ergießen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß sic dem Titel „Lady Greylock" in dem alten Stammsitz der Familie, drüben über dem Meere Ehre machen würde.
Es war spät geworden, als die beiden Reisenden den Bahnhof von Blackport erreichten. Die Equipage von Greylocks Woods wartete bereits auf sie, und in wenigen Augenblicken waren sie auf dem Wege nach dem Herrenhause.
Die Veränderungen, von der alle Dinge früher oder
WM-ta- tat 3. Juli
i Mali!
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annst Du das Schöne nicht erringen, So mag das Gute Dir gelingen; Ist nicht der große Garten Dein,
Wird doch für Dich ein Blümlein fein.
Sorgen sind meist von der Nesseln Art, Sie brennen, rührst Du sie zu zart; — Fasse sie an nur herzhaft. So ist der Griff nicht schmerzhaft.
später betroffen worden, hatte auch Blackport endlich heim- gesucht. Seit jener Nacht, in welcher die kleine, wilde Hummel als ungeladener Gast erschienen war, um bei ihrem Großvater zu speisen, hatte ein großer Umschwung stattgefunden. Die Sommerfrischler waren wie eine Armee mit fliegenden Bannern über das alte Städtchen hergefallen und hatten dasselbe in Besitz genommen. Phantastische Pillen waren allenthalben am Strande nnd auf den Felsenhügeln wie Pilze emporgeschossen, hübsche Equipagen rollten durch die einst so schläfrigen Straßen, schmucke Kaufläden zierten jede Straßenecke. Nur zwei Plätze hatten dem Anprall der Neuerung wiederstanden, Poole's Gasthof und Greylock Woods. Die Capricen der Sommerfrischler, die Invasion eines ganzen Heeres von Vergnügungssüchtigen und Erholungsbedürftigen, die Ankunft und Abfahrt der Exkursionsdampfer und Bahnzüge vermochten in keiner Weise den Glcichmuth dieser beiden so sehr verschiedenen und doch gleich konservativen Häuser zu erschüttern.
Godfrey Greylock und seine Enkelin fuhren unter den Tannen- und Kastanienbäumea die Hauptallee hinauf und hielten endlich vor der Thür des Hauses. Einen Augenblick darauf stand Ethel in dem hell erleuchteten Salon, von den Armen ihrer Großtante umschlossen, die sich vom Sopha erhoben hakte, um das geliebte Kind zu bewillkommcnen.
„Mein thenres Kind!" rief Miß Pamela, „so bist Du denn endlich zu uns zurückgekehrt! Ich bin herzlich froh, daß Niemand in der Rosen-Villa ist, der uns unsere Ansprüche auf Dich streitig machen könnte. Wie s tzön Du bist! Du bist ja seit den Weihnachtsfeiertagen noch viel reizender geworden! Das Herz blutete mir, da ich Godfrey nicht begleiten durste, um Dich abzuholen, allein Doctor Vandine hatte es mir verboten- er glaubte, daß oiese Reise zu an- strcugend für mich sein würde."
„Pamela! Vergiß nicht, daß wir hungrig und müde sind," unterbrach Godfrey den Redestrom seiner Schwester - „g.fftatte uns nur, daß wir uns von dem Staub der Reise säubern, und dann laß uns speisen- nachher kannst Du nach Herzenslust mit der Kleine» plaudern."
Ethel begab sich nach einer Reihe von Zimmern, die ihr Großvater für sie hatte neu möbliren lassen und machte Toilette- sie warf einen flüchtigen Blick auf all die Pracht und Herrlichkeit um sie her und seufzte tief auf. „Was für eine Treibhauspflanze Großpapa aus mir machen möchte!" sagte sie, „und wie mein Herz an all diesem Luxus hängt! Werde ich Selbstverleugnung genug besitzen, das Weib eines Mannes zu werden, der für sein tägliches Brod zu arbeiten hat?"


