Ausgabe 
30.7.1896
 
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Ja, ein paar prächtige Menschen, aber meine kleine Hexe ist auch nicht übel und Curt ist ein lieber Junge."

Nein, haben die zwei Kerle Schwein," meinte der lange Heinz zu seinem Intimus Bernsdorf,die schönsten Mädels der Saison und dazu beide schwer reich!"

»Ja, stehst Du, lieber Langer, ich hab'- Dir gleich ge­sagt, die schöne Ilse wäre war für Dich, aber Du hast Dich von Rheinsberg aus dem Sattel heben lassen."

Oder, besser gesagt, bin noch gar nicht hinein gekommen; weiß überhaupt nicht einmal, ob sie mir so gut gefällt wie die kleine Alten."

Pah, da« ist gerade, als ob Du 'nen netten Damen« pony mit 'nem Vollblut vergleichen wolltest! Und tanzen kann die Seltikoff wie na, eben deliciös!"

Und Hedwig vielleicht nicht?"

Allerdings zeigte Ilse sich augenblicklich nicht in ihrer Eigenschaft als gute Tänzerin, ja, sie war nicht einmal im Saal anwesend. Denn als kurz vorher Lieutenant von Rheins­berg gekommen war, sie zu dem eben beginnenden Walzer zu bitten, da hatte sie ihm gesagt, die Hitze im Saal fange an, ihr unangenehm zu werden, sie sei wirklich augenblicklich nicht im Stande, zu tanzen.

Aber Hedwig ist mit ihrem Vater hinaus auf die Terrasse gegangen und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich auch dahin begleiten wollten."

Rheinsberg ließ sich die« nicht zweimal sagen, aber merk­würdigerweise trafen die Beiden draußen weder mit dem Land­rath noch mit dessen Tochter zusammen, ja, sie machten gar nicht einmal den Versuch, nach denselben zu suchen.

Ohne ein Wort zu reden, gingen sie bis an's äußerste Ende der Terrasse, auf der es jetzt nicht mehr sehr lebhaft war, und erst hier brach Alfred das Schweigen mit den nicht gerade geistreichen Worten:Weich' herrlicher Abend! Wollen Sie nicht auf dieser Bank etwas Platz nehmen, mein gnädiges Fräulein?"

Ilse setzte sich und er ließ sich an ihrer Seite nieder.

Dies wird wohl mein letzter Reunlonrabend gewesen sein," sagte sie leise.

Ihr letzter?" versetzte Rheinsberg erstaunt.Ihr Herr Onkel sagte mir doch heute erst, die Cur bekomme ihm sehr gut und er werde seinem hiesigen Aufenthalt noch drei Wochen zulegen."

Der Onkel, ja, der bleibt noch hier; aber ich gehe wahrscheinlich schon in wenigen Tagen; meine Mutter möchte mich nicht länger entbehren."

Alfred war so tief betroffen von dieser unerwarteten Mittheilung, daß er im Augenblick keine anderen Worte der Entgegnung fand, al«:Und Herr Seltikoff bleibt allein hier?"

Rein, meine Schwester wird mich ablösen. Der Onkel kann nie ohne eine von uns sein."

Ach! Ich wußte gar nicht, daß Sie eine Schwester haben, gnädige» Fräulein!"

So? Haben wir in Ihrer Gegenwart nie von Hella gesprochen?"

Vielleicht doch; aber wer könnte neben Ihnen einen Ge­danken für eine andere Dame übrig haben? Ilse, brauche ich e» Ihnen noch zu sagen, daß ich Sie liebe, daß ich in Ihnen da« Ideal eine« Weibe« gesunden, dar höchste Ideal, dem ich nachstrebte? Ilse, reden Sie, zürnen Sie mir?"

Rheinsberg wußte später selbst nicht, woher er den Muth gefunden, sich so plötzlich zu erklären. Er hatte bis jetzt immer noch geschwankt, ob er sich nicht doch noch zurückziehen solle, trotzdem er überzeugt war, daß er Ilse nicht gleichgiltig sei. Aber die unerwartete Aussicht, sie so bald schon zu verlieren, hatte ihm die Worte fast unwillkürlich entrissen-

Dar junge Mädchen schwieg noch immer.

Ilse, Sie sagen mir nichts. Habe ich mich getäuscht, wenn ich glaubte, in Ihren Augen eine Erwiderung meiner Gefühle zu lesen? Sind Sie mir böse?"

Da sah sie mit einem innig vertrauenden Blick ihrer

schönen Augen zu ihm auf und sagte leise:Böse? Rein, nur zu gut."

«Meine Ilse, meine holde Ilse!" -

Wo die Beiden nur stecken mögen," sagte eine frische Stimme ganz in der Nähe und weckte die Liebenden au« ihrer seligen Versunkenheit.

Rheinsberg sprang auf.

Dar gnädige Fräulein wollte ein wenig frische Lust genießen, weil es im Saale so heiß war."

Ja, wir wollten Dich und Deinen Vater aufsuchen."

Ach so I" lächelte Hedwig.Und deshalb seid Ihr aus die hintere Terrasse gegangen, nachdem ich Dir gesagt, wir gingen auf die vordere. Allerdings der kürzeste Weg, Jemand aufzufinden. Nicht, Curt?"

Ja, weißt Du, kleiner Schatz, es führen eben viele

Wege nach Rom und wenn man es nicht gerade furchtbar

eilig hat, so na, so kann man auch über die hintere

Terrasse auf die vordere gelangen. Ich kenne zwei Leute,

die manchmal auch nicht auf den allernächsten Wegen gegangen sind, was?"

Ich kann mir zwar durchaus nicht denken, wen Du meinen könntest, aber Du magst ja Recht haben, und somit gewähre ich denn hiermit diesen Sündern gnädigst Pardon. Aber nun komm', Ilse, Dein Onkel hat schon ein paar Mal nach Dir gefragt."

Als Hedwig später der Freundin den Gutenachtkuß gab, zog diese sie zu sich nieder und flüsterte ihr in'« Ohr:Hede, er liebt mich! Uebermorgen kommt er zum Onkel, morgen kann er nicht des Dienstes wegen."

Das freut mich von Herzen, Ilse, daß es so gekommen. Wie herrlich! Nun können wir immer beisammen bleiben! Und ein guter Mensch muß er sein, sonst wäre Curt nicht sein Freund!"

Der nächste Morgen zog trübe und unfreundlich heraus und ehe das Frühstück beendet war, goß es in Strömen.

Was fängt man heute nur an," klagte Hedwig.Ein Regentag im Bade ist mir das Schrecklichste, was ich mir denken kann."

Ich werde hinüber in'» Curhaus gehen," sagte Ilse, im Lesezimmer liegen heute die neuen Journale auf, damit werde ich mich ein wenig unterhalten. Gehst Du mit?"

Ich habe dazu nicht viel Lust, ich werde mir unterdessen die Zeit mit Musik vertreiben und Deinem Onkel Gesellschaft leisten."

Das ist schön von Ihnen, Fräulein von Alten, daß Sie auch einmal an einen alten Herrn denken. Der junge kann wohl heute nicht kommen, wie?"

Hedwig ging lachend in's Musikzimmer und gleich daraus hörte man von dort die Klänge eines Walzers vom gestrigen Abend.

Als Ilse das Lesecabinet im Curhause betrat, fand sie dasselbe von zwei alten Damen besetzt, die sämmtltche neue Zeitschriften mit Beschlag belegt hatten. Sie ging deshalb in das dahinter gelegene Zimmer, wo die fremdsprachlichen Zeitungen waren, um sich unterdessen mit diesen zu beschäf­tigen.

Hier war augenblicklich gar Niemand, und während sie die Illustrationen in einem französischen Blatt betrachtete, ließ sie nochmal» die Ereignisse de» gestrigen Abends an ihrem Gedächtniß vorüberziehen.

Wie glücklich war sie doch, die Liebe eines solchen Manner errungen zu haben! Wie hochgeachtet stand er da, wie beliebt bei allen Kameraden! Und dazu wie stattlich, wie männlich schön! Das Blatt sank in ihren Schooß und rückhaltlos gab sie sich den süßen Träumereien hin.

Da plötzlich drang der Name Rheinsberg an ihr Ohr. Drinnen aus dem Lesezimmer kam's und unwillkürlich horchte sie auf. Eine der alten Damen sprach zu der anderen in jenem lauten Flüsterton, der oft weiter dringt, al» mit voller Stimme gesprochene Worte-

Was sagen Sie denn zu dem Glück, das der schöne Rheinsberg macht, liebe Geheimräthin?"