Ausgabe 
29.8.1896
 
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Aber niemals hier im Zimmer."

Du lieber Gott, da will ich mich sofort in mein Zimmer zurückziehen, dann bist Du vom Cigarrenrauch und von mir zugleich befreit, das ist ja dann eine doppelte Annehmlichkeit."

Aber lieber Freund, wir wollen uns doch nicht immer zanken; zanken ist ja so gewöhnlich. Wir wollen lieber gleich­gültig bleiben, wie sonst. Das steht gebildeter aus. Sind wir doch beide wohlerzogene Menschen- Du bist Kammerjunker und stammst aus vornehmer Famllie, ich dagegen bin zwar nur eine Großhändlerstochter aus Kopenhagen, aber mein Vater besaß genug Geld, um mir sowohl eine feine Erziehung angedeihen zu lassen, als auch einen feinen"

Warum fährst Du nicht fort?Einen feinen Mann" wolltest Du sagen."

Es war Dein Wort, mein Herr, und nicht das meine, wie Königin Thyra sagte, aber es ist wahr."

Diese Art Luxus kann man heutzutage billig haben. Es gtfct so viele arme Edelleute."

Die Frau des Kammerjunkers seufzte leicht.

Er ist oft zu theuer erkauft worden," murmelte fie.

Der Kammerjunker legte seine Cigarre fort, ließ dar Zeitungsblatt sinken und schloß die Augen, um ein wenig zu träumen. Die junge Frau nähte an ihrer Handarbeit weiter. Es war still im Zimmer. Man hörte nur das Läuten eines vorüberfahrenden Frachtwagens. Dann wurde das Schweigen durch eine Männerstimme unterbrochen, welche auf der Straße Scheuersand ausrief.

Der Kammerjunker wandte sich ungeduldig im Lehnstuhle herum.

Jetzt ertönte eine durchdringliche Weiberstimme:

Sand, Sand, Scheuersand."

Sich' mal, nun' kommen auch noch Sandweiber, um den Leuten die Ohren voll zu schreien," bemerkte der Gatte, ich glaubte, es existirten nur Sandmänner."

Seine Frau sah zum Fenster hinaus.

Die Frau zieht auch den Schubkarren."

Um ihn desto schneller umzuwerfen."

Nein," erwiderte die Frau des Kammerjunkers mit ernstem Blick,weil die Last sich leichter tragen läßt, wenn Mann und Frau einander helfen"

Sie legte ihre Stickerei bei Seite und blickte wieder auf die Straße hinab.

Der Schubkarren blieb im Schatten auf dem gegenüber­liegenden Bürgersteige stehen. Der Mann füllte den Sand in ein Viertelmaß, während die Frau auf einem Arm des Gefährtes sitzend, sich ausruhte.

Es war ein altes Ehepaar. Der Mann mit von Arbeit und Alter gebeugtem Rücken und graumelirtem Haar hatte einen von der Sonne ausgezogenen Ueberzieher an; seine Frau, die wettergebräunt und eingetrocknet wie eine Mumie aursah, war mit einem verschoffenen, baumwollenen Rocke bekleidet und trug einen großen, schwarzen Strohhut auf dem Kopfe.

Er schüttete den Viertelkorb in einen Sack, sie lud den­selben auf seine Schulter und wartete, während er in das gegenüberliegende Haus ging.

Die junge Frau blieb, in tiefes Nachdenken versunken, am Fenster sitzen.

Die Sandmenschen scheinen Dich in hohem Grade zu interesstren. Sind sie es, dis Du so unverwandt betrachtest?" fragte ihr Gatte.

»Ja. Ich sinne darüber nach, wie lange sie wohl ver- heirathet sein mögen."

So?"

Sie sind gewiß länger verheirathet, als wir, länger als zwei Jahre."

Das ist schon möglich."

Und denke nur, sie scheinen einander noch lieb zu haben."

Das thun solche Leute fast immer."

Die Armen verstehen er nicht besser," sagte fie mit spötischem Lächeln.

Der Kammerjunker hatte stch erhoben, er stand über seine Frau gebeugt und blickte ebenfalls auf die Straße hinunter, indem er sich mit einer Hand auf die Stuhllehne stützte.

Der Mann kam soeben zurück. Seine Frau trocknete mit ihrer carrirten baumwollenen Schürze den Schweiß von der gefurchten Stirn, zog eine Flasche Weißbier aus dem Sande hervor und ein Päckchen Butterschnitten aus ihrer Kleidertaschs.

Hierauf setzten sie sich, jeder auf einen Arm des Karrenr und begannen ihre Mahlzeit.

Der Kammerjunker und seine Frau amüstrten sich damit, die Beiden, besonders die Frau, vom Fenster aus zu beobachten.

Er sah dabei aber mehr auf feines Weibes reiches blondes Haar und auf ihren fchönen Nacken, und indem er sich tiefer auf sie herabbeugt«, athmete er die berauschende Atmosphäre des französischen Parfüms ein, welches fie umgab.

Sieh, Ludwig, jetzt streiten sie mit einander um ei« Stück Fettbrod mit Aufschnitt."

Das ist alles lauter Zärtlichkeit. Keins von ihnen will das beste Stück allein essen."

Nun theilen fie es." r ,

Ja, es ist wirklich reizend, |foj etwas mit anzusehen."

Er beugte stch weiter vor, so daß er fast den Arm um seine Frau schlingen konnte.

Es war wirklich ganz sonderbar, daß er nie vorher bemerkt hatte, welch schönen Nacken sie besaß.

Ludwig, glaubst Du, daß Sie einander nach dem Esse« küssen werden?"

Vielleicht."

Er fühlte das glühendste Verlangen, einen Kuß auf d» zarten rosigen Nacken zu drücken, der aus den weißen Spitze« hervorschaute, und seine Hand über die goldenen Locken gleite» zu lassen. Aber so etwas ist ja nur in der Zeit der Flitter­wochen gebräuchlich.

Sieh, nun zündet er nach dem Essen sich seine Pfeife an."

Und die Frau hustet trotzdem nicht vor dem Tabaksrauch."

Ludwig I" ~,

Es lag etwas so Flehendes, so Mildes in ihrer Stimme, etwäs, was er noch nie vernommen hatie. Er wußte nicht recht, wie es kam, aber seine Lippen weilten plötzlich in einem langen Kusse auf dem rosigen Nacken.

Aber Ludwig, was fällt Dir ein?"

Möchten möchten wir nicht versuchen, einander ein wenig lieb zu haben?"

Er war aus ein Tabouret an ihrer Seite niedergesunken und hielt sie in inniger Umarmung.

Mir fällt das nicht schwer, Ludwig; ich habe Dich immer geliebt."

So werde ich von nun an desto leichter den ehelichen Sandkarren ziehen. Es war mir anfangs, nach einem freien Junggesellenleben etwas ungewohnt und schwer."

Und dann kam eine andere Frau des Weges, welche an den Kärren stieß sodaß er beinahe umgeworfen worden wäre."

Aber von nun an sollst Du mir helfen, da wird die Last leichter werden."

Der Sandmann und seine Fran zogen mit ihrem Karren weiter und riefen abwechselnd:

Sand, Sand, Scheuersand!"

Der Kammerjunker aber und seine Gemahlin standen nicht mehr am Fenster, um ihnen zuzusehen, sie saßen dicht aneinander geschmiegt, schauten sich in die Augen, und »as sie darin sahen, waren strahlende Zukunftsbilder.

Redaction I- V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der BrKhl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.