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Jetzt fitzen sie Alle drüben in Papa'« Studirstube; Käthe liest die Zeitung vor.
Jetzt also — jetzt gilt'«.
Sin« — zwei — drei:--hopp ist er aus dem
Bett gesprungen, — und steht am Fenster.
Schnell auf den Stuhl — den Riegel auf —
Suhl Wie kalt!
Nun noch den Laden; aber sachte, ein Ritzchen nur--
So; nun schiebt die kleine rund« Knabenhand mit dem Brief sich durch und legt ihn behutsam auf's Fensterbrett.
L Ach! Alle» voll Schnee! Das Christkind wird den Brief womöglich gar nicht sehen! Nur die großen, schwarzen Krackelbuchstaben lassen noch erkennen, wo er liegt. Das Rißchen wird allmälich größer; Hans lugt hindurch. Schnee — nichts al» Schnee! Die ganze Chaussee liegt voll; und da» Hofthor, und die Laterne — Alles weiß!
Da — et lauscht: Sind das nicht Schritte? Es kommt Jemand die Chaussee herunter---1
Hui! Da schlägt auch schon der Wind die Läden zu.
Oder war'» nur da» Rauschen von Flügeln? Von Christkinds goldenen Flügeln?
Han« hört und sieht nichts mehr — schon liegt er wieder im Bett und verkriecht sich hochklopfenden Herzens unter die Decke. Tief — ganz tief --Md kneift die Augen zu.
Das Christkind naht!-------
♦ * *
Wie die Tage fliegen!
Und Jeder hat feine Bestimmung. Das muß heute — — da» morgen--und das muß übermorgen fertig
«erden.
Ganz schön! Sehr richtig — in der Theorie!
Aber in der Praxi»??
Jeden Abend dasselbe: Die Mutter seufzt — klagt — jammert: „Jetzt sind wir heut' wieder nicht fertig geworden!" Bi« der Vater ste sanft am Arm faßt, sie neben sich auf's Sopha zieht. „Morgen, Frauchen, ist auch noch ein Tag!"
Und wenn man dann einmal sitzt — ach! da kann man wahrhaftig gar nicht wieder aufstehen.
Mit einem tiefen Seufzer (nicht klar zu unterscheiden, ob es Kummer oder--Erleichterung) — bekommt das
„Morgen" zu seinem ihm zugedachten Theil der Arbeit noch da» „Nichtfertiggewordene" von heute zugeschoben.
Sin Wunder wohl, daß dann am letzten vor dem Feste am 24., sich Alles zusammenhäuft?
Auch bet Dockor» geht'» so.
„Liese, Du machst vor allen Dingen drin in der Stube Feuer an. Dann rupf' schon die Gans für morgen," sagt Frau Doclor. Liese kramt Papier und Holz hervor und trollt davon.
„Du, Käthe —" fragend streift der mütterliche Blick das fürchterlich melancholisch dreinschauende Töchterlein — „ist da» Kopfweh so schlimm? Den Kuchen wirst Du wohl noch rühren können. Da — Milch, Eier, Rosinen. Gieb aber acht, daß der andere im Ofen nicht anbrennt."
Käthe nickt — die Mutter geht.
Milch — Eier — Rosinen; Rosinen — Eier — Milch Käthe — die Rosinen wäscht man erst I Und die Milch gießt man hübsch langsam---Käthe!! Aber Käthe —
fünf Ster hat die Mutter gesagt — und jetzt schlägst Du schon da» achte auf!
Umsonst! Sie — träumt.
Von wa»? O — diese Frage!
Wenn man von Käthe'» Träumen spricht, sieht unwill- kürlich Jedermann im Geiste dasselbe — nein „denselben". Nur: einmal hier — und einmal in Beerbach; einmal auf der Chaussee und einmal im Casino.
Heute im leichten Hausrock — morgen im Frack; diesmal im Pelzmantel — ein andermal im „entzückenden Havelock". Aber immer gleich schön, gleich liebenswürdig, aufmerksam — kurz — einfach „ideal".
Dies „Ideal" - o Gott! Was hat es nicht schon Alles auf dem Gewissen I Zerbrochene Vasen — Schelte —
Asrger — Thränen — sogar ein „'mal im Zorn zerrissenes Taschentuch". Damals im Augenblick des ersten Sehens.
O l Käthe weiß es noch so gut! Castnoball; — Saal — Lichter — Walzerklänge — — und plötzlich er! A—ach — da — ihr „Ideal".
So sah e« au» — so hat sie sich's geträumt — die Nebel weichen —1
Er lächelt? Ha — wie dumm — sie kehrt ihm schnell den Rücken. O, dumme Käthe! Er hüt'» gemerkt — was starrt'st Du ihn so an? . .
Und Tags darauf — ein zerrissenes Taschentuch . . ,i
Die Schnelligkeit, mit der der Löffel zuerst seine Kreise im Kuchenteich beschrieb, nimmt bedenklich ab — wird immer — immer geringer.
O! wie ste sich geärgert hat! Ganz schmählich!
„Aber warte! Du sollst nicht mehr lachen" — und plötzlich dreht sich das Rührinstrument wieder mit rasender Geschwindigkeit — „ich werde sortfahren, Dir zu beweisen, daß - daß--"
Na ja! Sah ich'» doch kommen! Um ein Haar — Schüssel und Kuchen lagen auf der Erde. O Käthe!
Mit beiden Händen greift ste an das Herz. Gott, ist sie erschrocken!-
Und geschrieen hat sie, daß der Hans auf dem Hof draußen es gehört hat. Natürlich — gleich gucken, was los ist; auf Peter's Schulter — die Nass an dis Scheiben ge. drückt--Käthe!!!
Ein Schrei--Mama---sie dreht sich um
— ach! Himmel!
Warum, o Erde, thust Du Dich nicht auf?
Oh — thätest Du Dich auf — mich zu verschlingen. Mich — sammt dem pestartigen, erstickenden Dust — und dem jammervoll anzuschauenden, schreckenerregenden schwarzen Ungeheuer, das sich einst Kuchen nannte.
Und sie „die all' dies Herrliche vollendet?"
Sie preßt — ausschluchzend — die Hände an die Schläfen--zu viel ist da« — zu viel! — Macht Kehrt
— und läuft — und läuft--
Die Treppe hinauf — in die Bodenkammer.
Und da oben will sie sich dann halbtodt weinen--
• *
Ein Uhr!
Heut muß es rasch gehen mit dem Essen.
„Das wird noch eine schöne Hetzjagd geben," seufzt Frau Doctor. „Die Festung, Männchen; Du wolltest mir doch helfen aufbauen, gelt? Und die Lichter! Die neuen Lichthalter tauchen nichts."
Und so geht's fort. Die arme Frau Doctor!
„Wenn Käthe wenigstens nicht so verdreht wär', heute. Dis reinste lebendige Trauerweide. Geheult hat sie —! Zwei Stunden lang, — über den Kuchen. Und statt, daß sie nun fragen würde, wie der andere geworden ist — nein! Kein Wort! Sie schämt sich wohl. Was ste nur haben mag jetzt immer?"
Der Vater lächelt — sie sieht ihn an — dann lächeln alle Beide.
Und Hans? Gott! Dieser Junge.
Halbtodt noch macht er einen mit seinen Fragen.
Ob's schon bald Abend sei? Und immer am Fenster horchen. Auf was nur?
Gegen Käthe ist er stürmisch zärtlich; manchmal. Manchmal läuft er weg, wenn sie kommt, oder versteckt sich.
Wo steckt er eben nur jetzt wieder?
Käthe soll ihn doch holen, ihm sein Sonntagrwämrchen anziehen, für heute Abend.
Hans!!
Da — unter dem Tisch. „Komm, schnell." Sie faßt ihn bei der Hand, zieht ihn hervor--und dann hinter
sich her, in die Schlafstube ....
So. Und nun steht er vor ihr, der kleine Kerl. Frisch gewaschen — frisch gekämmt; dar rothe Schlipschen steht ihm 'mal gut.


