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ebenfalls eine Deutsche, die Thür und winkt« dem jungen Mann herauszukommen.
„Paulsen schickt einen Brief an den Vater," flüsterte sie, „wollen Sie nicht selber mit dem Manne reden, Herr Romberg ?"
Dieser besann sich einen Augenblick, kehrte dann aber erst in's Krankenzimmer zurück und fand den Vater bereits bewußtlos. Nach einer halben Stunde war er ohne Kampf hinübergegangen.
Von Schmerz überwältigt, warf sich der junge Mann auf die Kniee, und barg das thränenüberströmte Gesicht an der Brust des Tobte«. Es war ihm, als habe er plötzlich Alles verloren, was die Welt an Werth für ihn enthielt, und es bedurfte erst des tröstlichen Zuspruchs, sowie der gewaltsamen Aufrüttelung von Seiten der alten Wtrthschasterin, welche leise eingetreten war, um ihm seine Fassung zurückzugeben.
Dem geliebten Tobten die Augen zudrückend, breitete er sorgsam ein weißes Tuch über das ruhige, unentstellte Antlitz und ging dann hinaus zu dem Boten, welcher sich mittlerweile in der Küche mit Speise und Trank erquickt hatte. Es war der Knecht von einer ungefähr eine Meile entfernten deutschen Farm.
„Wie, Peter, Du bist es," sagte der junge Farmer erstaunt, „warum kommt Paulsen nicht selber? — Ist ihm was zugestoßen?"
„Könnte wohl sein, Herr Romberg," erwiderte der Knecht bedächtig, „ein nichtsnutziger Strolch, so ein Lump von Jankes hat ihn niedergeschlagen und rein ausgeplündert. Ich fand ihn auf unserem Felde, er wußte von nichts und da hab' ich ihn nach der Farm geschleppt. Er wollt' natürlich, als wir ihm seine Kopfwunde ausgewaschen und zugepflastert hatten, na, und das Hamburger Pflaster ist allemal dasjenige, was hilft, wissen Sie, Herr Romberg —"
„Ja, Peter, aber wie stets mit unserem Paulsen," erinnerte ihr Romberg sanft.
„Richtig, als er wieder zu sich kam, wollt' er mit aller Gewalt zu Haus, aber wir litten'» nicht, von wegen, daß er viel Blut verloren hätte, und nun ganz schwach auf den Beinen war. Wissen Sie, Herr Romberg, er ist ein alter Starrkopf, und so sagt mein Herr, Peter, sagt er, nimm Deine Füße in die Hand und laus', was Du kannst, nach Rombergs Farm, denn was der Alte meinte, kann nicht wahr sein, daß nämlich Ihr Vater nicht mehr leben thät', wenn er nicht flink nach der Farm zurückkäm', Herr Romberg!"
„Er hatte recht, der brave Paulsen," sagte der junge Farmer mit gepreßter Stimme, „mein Vater ist vorhin gestorben."
„Den Denksel auch," stieß der Knecht erschrocken hervor, „na, denn lesen Sie man den Brief, Herr Romberg!"
Dieser öffnete dar mit einer Oblate geschloffene Schreiben, dar folgenden Inhalt hatte: „Lieber Herr Hauptmann! — Ich bin von einem nichtsnutzigen Kerl überfallen worden, der es jedenfalls auf einen Brief abgesehen hatte, den mir Lieutenant Alting selber übergeben hat. Ich bin schlau genug gewesen, ihn einem sicheren Mann anzuvertrauen und gar nicht selber mitzunehmen, weil mich der Lieutenant, mit dem es zu Ende geht, warnte und selber merkwürdig unruhig schien, daß der Brief mir gestohlen werden könnte. Er fragte mich, ob sein Sohn Hans Justus nicht bei uns gewesen sei; als ich das verneinte, freute er sich, daß er noch extra zu meinem Herrn geschickt habe und daß Sie mich auf seine Bitte zu ihm geschickt hätten. Ich mußte ihm viel von Ihnen und dem jungen Herrn erzählen und es that ihm furchtbar leid, daß Sie nach dem bösen Sturz vom Pferde nun schon ein halbes Jahr kränkelten. Da meinte er, dann wär's ihm schon recht, wenn Sie beide in Gesellschaft zur großen Armee abrückten, was ich aber nicht gelten ließ, denn mein Herr Hauptmann, sagte ich, ergiebt sich nicht so leicht. Na, wenn ich heim komme, will ich Alles genau erzählen, aber daß der Räuber mir meins Uhr und meinen Geldbeutel genommen hat,
ist mir doch eine arge Demüthlgung. Gott tröste den Schelm, wenn er mir unter die Fäuste kommt."
Romberg steckte den Brief zu sich und sagte, daß er seinen Wagen anspannen wolle, um Paulsen heimzuholen, Peter könne mit zurückfahren. Die Wirthschafterin mußte Betten in den Wagen legen und nach wenigen Minuten schon fuhr der junge Farmer, der seinem Vater soeben erst die Augen zugedrückt hatte, mit dem Knechte davon.
Das Leben mit seinem ewig vorwärts treibenden Räderwerk gönnt dem Menschen keine Rast, am allerwenigsten aber Demjenigen, der mitten im Kampfe um's Dasein steht. Und ist es nicht gut so? Die Draußenstehenden brauchen den Schmerz und die- heilige Trauer, welche wir im Herzen tragen, nicht zu sehen, — die täglichen Anforderungen mit ihren Sorgen und Kämpfen dulden keine Thränen und scheuchen die Trauer erbarmungslos in die Tiefe der Brust, bis sie allmälig verblaßt zu einer Erinnerung, die nur noch von den guten Menschen in stiller Pietät gepflegt wird.
Der junge Romberg wußte, daß mit dem Vater die letzte Hoffnung, sein Erbe, die kleine Farm auf ihren einstigen blühenden Zustand zurückzubringen, für immer zu Grabe getragen wurde; da ihm selber jetzt der Muth fehlte, in dieser Einsamkeit seine Jugendkräste nutzlos zu opfern. Viele Mißernten, räuberische Pferdediebstähle, Geld-Verluste, nun die letzte lange, durch einen unglücklichen Sturz verursachte Krankheit des Vaters, welche mit seinem Tode endigte, hatten die Vermözensverhältnisse der Romberg'fchen Farm derartig heruntergebracht, daß selbst ein günstiger Verkauf nicht die Hälfte der im Laufe der letzten Jahre nothwendig gewordenen Schulden decken würde. Der junge Mann sah sich am Rande eine» Abgrunds, der nicht blos seine Existenz, sondern ach was für ihn am schwersten wog, seinen ehrlichen Namen vn> schlingen würde, wenn es ihm nicht gelang, durchrastlose Arbeit nach und nach die Schulden tilgen zu können..
Sein Hauptgläubiger war der Besitzer jener großen Farm, welche sich unter dem Namen jbie „Rinder - Farm" weit und breit in der Gegend eines gewiflen Rufs erfreute. Der Besitzer, Willi Sander, war ein echter Norddeutscher aus den holstein'fchen Marschen, der mit der heimathlichen Viehzucht gründlich bekannt, vor vielen Jahren herüber- gekommen war, um hier sein Glück auf diesen Zweig zu gründen. Er hatte sich eine junge Frau, wie auch ein genügendes Capital mitgebracht zum Ankauf eines Stück Landes, wo er sich ein Wohnhaus erbaute, nur soviel Korn säste, wie für den Haushalt nöthig war und das Uebrtge in Wiefenlans umwandelte. — Mit der Rinder- und Schafzucht beginnend, fügte er bald auch die Pferde hinzu und wurde bei rastlosem Schaffen und kluger, mit strenger Redlichkeit verbundener Umsicht, worin ihm seine Frau eine tüchtige Gehülfin war, im Laufe der Jahre ein reicher Mann, der sich der allgemeinsten Hochachtung erfreute.
Als Landsmann und zwar in engerem heimathlichen Sinne, waren ihm die Rombergs sehr liebe Freunde geworden, weshalb er sie auch mit Freuden unterstützt und ihnen die Vorschüsse fast gewaltsam aufgedrängt hatte.
Wie hatten dis beiden ehrliebenden Männer unter diesen Schulden gelitten und wie schwer war dem einstigen Offizier bei diesem Gedanken das Sterben geworden!
In der „Rinder-Farm" hatte ihr treuer Knecht, der alte Paulsen, der in des Hauptmanns Compagnie einst gedient hatte und diesem in's Exil gefolgt war, eine Aufnahme gefunden, als Peter, einer der Sander'schen Ochsenknechte, ihn besinnungslos auf einem Feldwege gefunden hatte.
Der Gedanke an die nächste Zukunft, an die Verpflichtungen, dereqLMung ihm ganz unmöglich erschien, drängte sich wie ein'Ätzendes Gift durch die dumpfe Trauer, welche des jungen Rombergs Seele gefangen hielt. Als sich fein Wagen der „Rinder-Farm" näherte, glitt ein Stöhnen über seine Lippen, und der glühende Wunsch, da» glückliche Loos des tobten Vaters zu theilen, stieg sinnverwirrend in ihm auf. ~
„Nun, da sind Sie ja selber, mein lieber junger Freund!


