DKEag bett 22. September
Nr. 111
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UnterhaltungsdLatt pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
Falsches Spiel.
Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung.)
9. Capitel.
Ein deutscher Farmer.
Zur selben Zeit, als Hans Justus Alting am Sterbebette seines Vaters saß, desien Erinnerung ihm in dieser für ihn so furchtbaren Nacht mit gespenstischen Schattenbildern peinigte, lag in einer einsamen Farm drüben in Amerika ebenfalls ein Mann im Sterben, dessen edelgeformtes, tiefge- furchtes Antlitz, sowie die einst so weißen, wohlgepflegten, doch jetzt eisenharten Hände von einem schweren Kampf um's Dasein erzählten.
Reben seinem Beite kniete ein junger Mann, der die Mitte der Zwanziger erreicht haben mochte und die Rechte des Sterbenden umfaßt hielt. Auf dem schönen, offenen, gebräunten Gesicht spiegelte sich der Ausdruck innerstes Schmerzes, während er vergebens seinen Thränen zu gebieten suchte, die des Sterbenden Hand benetzten.
„Ist denn Paulsen noch immer nicht zurückgekehrt?" tönte die Stimme desselben plötzlich mit großer Unruhe.
„Nein, lieber Vater," erwiderte der junge Mann, „wenn es eine so wichtige Sache betraf, dann hättest Du mich doch lieber senden sollen. Freilich hätte ich Dich nicht verlassen können, aber Paulsen ist ein bejahrter Mann, dem leicht ein Unfall zugestoßen sein könnte."
Der Sterbende seufzte und schloß aufs Neue die Augen.
„Betrübe Dich nicht zu sehr, mein geliebter Sohnl" flüsterte er plötzlich zärtlich, als er die Thränen desselben auf seiner Hand spürte, „fasse Dich wie ein Mann, und sage mir noch einmal zu meinem Tröste, daß ich meine Pflicht gegen Dich erfüllt, stets wie ein Vater für Dich gesorgt habe."
„O, Du bester aller Väter," versetzte der junge Mann, seine Thränen zurückdrängend, „mit einem ganzen Leben von Aufopferung hätte ich Dir Deine Liebe nicht vergelten können. Nur ein einziges Mal thatest Du mir weh, als Du sagtest, daß ich Dein Sohn nicht sei, und jetzt brichst Du mir das Herz, da Du für immer von mir gehen willst."
Der Sterbende brückte ihm schwach die Hand.
„Du weist, daß ich, der schleswig-holsteinische Offizier, der Sohn einer alten Geschlechts, dem ein anderes Lied an der Wiege gesungen worden, als Rebell fliehen mußte, um hier in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Ich hätte ja so gut wie anders Kameraden in Deutschland bleiben können, aber ich eignete mich nicht dafür, ein bürgerliche» Gewerbe zu ergreifen, weil wir Offiziere überall in den deutschen Staaten als Rebellen angesehen und demgemäß behandelt wurden. Ich besaß nur ein winziges Vermögen, mit dem ich auswanderte."
Er hielt inne, erschöpft dis Augen schließend.
„Du darfst nicht mehr sprechen, mein geliebter Vater I" sprach der junge Mann, dem Sterbenden, bei dem die letzte Lebenskraft noch einmal ausflackerte, die feuchte Stirn trocknend, „was geht mich jenes kalte Land an, wo man die edelsten Söhne verstieß, — ich hasse Deutschland und will nur Dich behalten, Dich, den man hinausgetrieben in eine fremde Welt."
„Sprich nicht so, mein Sohn," bat der Vater leise, „in Deinen Adern fließt deutsches Blut, und Deinem ganzen Character, ja, Deinem Empfinden nach bist Du ein echter Deutscher. — Da Du Deine Mutter nicht gekannt hast, so mußte ich beides sein, Vater und Mutter, und — Gott sei gelobt, — Du bist an Bildung des Geistes und des Herzen» ebenso reich wie an Kenntnissen, um Dir Deinen Weg in der Welt selber bahnen zu können, weil da» Unglück uns in den letzten Jahren zu schwer heimgesucht und alle Ersparnisse verschlungen hat. Versprich mir noch einmal, geliebter Sohn, den Brief, den du versiegelt in meinem Schranke finden wirst, nach meinem Begräbniß zu öffnen und meinem Rathe, wenn's nicht über Deine Kräfte gehen sollte, zu folgen."
„Ich verspreche er Dir, mein theuerster Vater!" erwiderte der junge Mann, „und gelobe feierlich, diesen Brief als Deinen Willen unter allen Umständen anzusehen und auszusühren."
„Ich danke Dir, — aber — wo bleibt Paulsen? Mein Gott, wenn er zu spät gekommen wäre —"
Der sterbende Farmer schloß die Augen, seine letzte Kraft schien vollständig erschöpft, da» Ende ganz nahe zu sein.
In diesem Augenblick öffnete die alte Wirtschafterin,


