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weil sie durch Erzeugung von Magen- und Darmkrankheiten die Zahl der dazu disponirten Personen vermehrte, oder weil sie die Entwicklung der Krankheitskeime förderte, ist schwer zu entscheiden. Wahrscheinlich ist Beides der Fall.
Außerdem werden diese Infektionskrankheiten, deren Verbreitung ja wesentlich auf der Verfchleppung von Ort zu Ort beruht, durch den bedeutenden Verkehr in dieser Jahreszeit begünstigt. Viele Hunderts und Tausende von Menschen strömen jetzt zu Fahnenweihen, Congreffen, Ausstellungen», s. w.; Inländer und Ausländer, Kurgäste und Sommerfrischler, mänöverirende Soldaten und zur Landarbeit ziehende Italiener und Polen sind sehr häufig unbewußt die Träger solch mörderischer Parafiten.
Dazu kommt der Umstand, daß durch die große Hitze nicht nur im Allgemeinen die Widerfiandskrast des Menschen ungünstig beeinflußt ist, sondern durch die häufigen Verdauungsstörungen finden namentlich Typhus und Cholerabaeterien bei vielen einen geeigneten Boden. Die erschlaffendes Hitze und etwaige Magenkrankheiten müffen natürlich die Constitution jedes Einzelnen schwächen und seine Empfänglichkeit (Disposition) für alle Krankheiten, also auch für die Jnfectionskrankheiten, vermehren.
Aber nicht nur die mikroskopisch kleinen pflanzlichen Organismen üben im Hochsommer häufig schädliche Wirkungen auf unsere Gesundheit aus, sondern auch viele andere Pflanzen, die oft gerade durch ihre lieblichen Blüthen und prächtigen Früchte uns verführen. Wenn jetzt draußen in Feld und Flur die Kinder fröhlich herumtummeln und bald hier ein als wohlschmeckend bekanntes Beerlein verzehren, bald dort eine schön schillernde Frucht auf ihren Wohlgeschmack prüfen, dann kommt es häufig vor, daß auch giftige Pflanzentheile genossen werden und den Kindern Krankheit und Tod bringen. In jedem Spätsommer berichten die Zeitungen von derartigen Unglücksfällen, und die medicinische Literatur beweist, daß dies leider keine Erfindungen der sauren Gurkenzeit find. Hiergegen gibt es nur zweierlei Vorbeugungsmtttel: erstens müssen die Eltern ihren Kindern streng einschärfen, nur solche Früchte zu pflücken, welche sie ganz genau kennen, und zweitens müssen im Elternhaus und, da hier oft die nöthigen Kenntnisse und Hilfsmittel fehlen, namentlich in der Schule den Kindern in guten bunten Abbildungen und lebenden Exemplaren die einheimischen Giftpflanzen in jedem Jahre von Neuem vorgeführt werden. Die meisten Schulkinder können die Klassen des Linns'fchen oder natürlichen Systems, sowie alle Giftpflanzen der Reihe nach auswendig hersagen; aber zeigt man ihnen z. B. einen Zweig vom giftigen Wasserschierling oder Beeren vom Nachtschatten, so stehen sie stumm und rathlos da. Ich habe auf Reisen diese Beobachtung wiederholt in den verschiedensten Gegenden gemacht. Gerade in den Naturwissenschaften muß sich die Schule noch weit mehr ihrer practischen Aufgabe und Bestimmung bewußt werden. Jedes Kind muß doch wenigstens so viel von Botanik verstehen, daß es sagen kann, diese Pflanze ist meiner Gesundheit gefährlich, und jene, z. B. Pfeffermünze, nützlich, deshalb ist jene für mich ein Pflänzlein „Rührmichnichtan", aber diese pflücke ich, nehme sie mit nach Hause, trockne sie und gebe fie der Mutter für den Winter zum Theekochen. Solche practische Pflanzenkunde ist zehnmal mehr werth al« alle Systematik.
Die Giftpflanzen einzeln hier zur Warnung aufzuzählen, hätte gar keinen Werth, nur möchte ich besonders vor zwei Gartenpflanzen warnen, durch welche häufig Vergiftungen herbeigeführt werden. Es sind dies Oleander und Goldregen. Da die Kinder im allgemeinen der Meinung find, daß alle Pflanzen, Bäume und Stäucher, welche im Garten stehen, nützlich fein müssen, oder wenigstens nicht schädlich sein können, so pflegen fie im Umhergehen bald hier ein Blättlein in den Mund zu stecken, bald dort eine Frucht zu kauen. Dies ist aber bei Oleanderblättern mit ihrem narkotisch-scharfen Saft und bei dem höchst giftigen Goldregen schon oft von verhäng-
| nißvollen Folgen gewesen. Die Giftigkeit des im Goldregen enthaltenen Cytifin ifi so groß, daß schon durch Genuß eines einzigen Samens aus den Schoten oder durch Kauen von drei bis vier Blüthen erhebliche Vergiftung bewirkt werden kann. Vor mir liegt ein Zeitungsbericht, welcher aus Breslau folgendes meldet: «Eine Massenvergiftung von Kindern ist hier durch den Genuß der Blätter von Goldregensträuchern vorgekommen, die auf dem Kinderspielplatz an der Salvator- kirche angepflanzt sind. Ein Kind ist schon tobt, andere liegen hoffnungslos darnieder." Also mögen die Eltern besonders jetzt, wo die Samen reifen, rechtzeitig ihre warnende Stimme erheben.
Hat sich jemand eine Vergiftung zugezogen, so schicke man sofort zum Arzt, suche aber vorläufig zur Herausbeförderung des Giftes Erbrechen zu erregen, indem man einen Finger tief in den Mund steckt, oder die Rachenwand mit einer Feder kitzelt.
„Wo viel Sonne, ist viel Schatten." Dies Wort bewahrheitet sich überall im Leben und Weben der Natur. In den nördlichen Gegenden unserer gemäßigten Zone, wo der Mensch mit Mühe und Noth der Scholle sein täglich Brod abringt, hat er nur wenig gefährliche Feinde unter den Thieren. Je mehr man aber nach Süden kommt, wo die Natur fast ohne jede Anstrengung und Kultur dem Menschen seines Leben» Nothdurft und Nahrung darbietet, um so größer wird die Zahl dieser Gegner und um so gefährlicher ihre Feindschaft bi« in der heißen Zone da» mächtige Heer giftiger Thiers, von den unscheinbaren Mosquito» bis zu den furchtbaren Schlangen und Raubthieren, den Menschen stets mit Tod und Verderben bedroht. Bei uns gehören fast alle diejenigen Thiere, welche unsere Gesundheit gefährten können, zu den Jnsecten, mit Ausnahme von sehr wenigen, z. B. den Kreuzottern. Daher häuft sich ihre Zahl auch besonders zur Zeit des Hochsommer», wo das Leben der Jnsecten seinen Höhepunkt erreicht. Hierzu gehören namentlich verschiedene Hautflügler, wie Bienen, Hummeln, Wespen, Hornissen, welche am Hinterleibe einen Giftapparat befitzen, der in einen Stachel übergeht. Beim Einsenken dieses Stachels wird durch die sägeweise auf- und abgehenden Bewegungen desselben ein Tröpfchen wafferheller Flüssigkeit aus dem Giftbläschen in die Stichwunde hinein- gepreßt, jedoch nur von den Weibchen und Geschlechtslosen. Infolge der eigenthümlichen Richtung der am Stachelende befindlichen Sägezähne lassen einzelne Jnsecten, zumal die Bienen, den Stachel in der Wunde zurück, während Wespen und Hornissen ihn unversehrt wieder zurückziehen. Bei Bienenstichen muß man daher zunächst den Stachel entfernen und das daran haftende Giftbläschen vorsichtig beseitigen, um nicht durch Druck auf dasselbe den ganzen Inhalt in die Wunde ergießen zu lassen. In der Regel erzeugen Insektenstiche nur eine örtliche brennende Hautanschwellung. Bei besonders empfindlichen, sensitiven Personen kann allerdings auch Ohnmacht, Schüttelfrost und Fieber eintreten. Gefährlich werden Stiche in die Zunge, den Schlund oder auch am Halse in der Kehlkopfgegend, wo hochgradige Schwellung zur Erstickung führen kann. Bei derartigen Stichen, welche man sich beim Schlafen mit offenem Munde im Freien zuziehen kann, wende man schleunigst ammoniakhaltige Gurgelwasser an. Sonst schwinden Schmerzen und Geschwulst meist schnell durch kühlende Umschläge, z. B. durch Bedecken mit feuchter Erde. Am raschesten wird die örtliche Reizung beseitigt durch Betupfen der Stichstelle mit Salmiakgeist, welcher im Jnsectengift einen sich wieder auflösenden Niederschlag erzeugt, wahrscheinlich durch Neutralisation der Säure. Gefährliche Wespenstiche kann man sich auch zuziehen durch unvorsichtiges Beißen in Aepfel und Birnen dis ein Loch haben, in denen nicht selten eine fressende Wespe verborgen ist. Wird man von einem Bienenschwarm verfolgt, so hüte man sich vor allem Wehren und Schlagen, da« gar nichts nützt, sondern das Hebet nur ärger macht. Die Flucht, besonders durch ein Gebüsch, ist noch immer da« zweckmäßigste Mittel, solchen schwärmenden Bienen zu entgehen.
Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


