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»In meinem kleinen HeimathsstSdtchen gab es Viele, die nur eine Haushälterin hatten, ja. Und die gingen dann Abends in die Ressource. Da fühlten sich die Herren immer wie zu Haufe. Ja!"
Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich von der Wirkung dieses Gespräch» auf Tante Doris und von dem inneren Sinn ihrer paar Bemerkungen einen ganz anderen Eindruck hatte als Fritz Walding und Helene. Im weiteren Verlaufe de» Abends war ich unfreiwilliger Zeuge, wie Helene ihrem Bewerber sagte: „Wenn der Mann absolut anstoßen will, um so besser für un». Wir können da» Geld später doch besser brauchen, al» er und Martha."
Ich wußte erst nicht recht, wie ich diese Anspielung deuten sollte. Martha war schon seit einigen Wochen nicht mehr im Hause; sie wirkte irgendwo in einer entfernten Stadt als Lehrerin. Aber äls ich wieder einmal mit meinem Vetter allein beim Weine faß und der Trank feine Zunge gelöst hatte, klärte er mich auch in dieser Hinsicht auf. Der Doctor hatte heimlich um Marthas Hand angehalten und auch keinen Korb bekommen; das Mädchen aber bestand darauf?, daß sie sich erst ihre Aussteuer verdienen wolle. „Weißt Du," meinte mein Vetter, „unsere Jüngste hat eben ihren eigenen Kopf. Du lieber Gott, am Ende ist es am besten so. Bis dahin hat er wohl auch eine Praxis irgendwo. Wir könnten .jetzt wirklich nichts für sie thun. Helene geht doch wirklich vor, und es macht mir Mühe genug, die Aussteuer für sie zu bestreiten, das darfst Du mir glauben. Freilich, wenn Tante Doris —I Aber darin ist sie eisen, bei Lebzeiten giebt sie nichts heraus."
Ein halbes Jahr später hielten Fritz Walding und Helene Hochzeit; es war ein sehr stattliches Paar, und das Fest war glänzend. „Es giebt meinem armen Beutel den Rest," gestand mir mein Vetter seufzend; „aber dafür brauchen wir ja auch nun keine großen Gesellschaften mehr zu geben, wenn die Mädels untergebracht sind." Tante Doris hatte dem jungen Paare aus dem Schatze ihrer Familienalterthümer ein ganz seltsames Prachtstück gestiftet; eine schwere silberne Vase, angenehm beschwert mit zwei kleinen Rollen Goldstücken. Außerdem verehrte sie der jungen Frau ein prächtig ge- bundenes Exemplar von Davidis' Kochbuch, auf welche die Empfängerin etwas scheu herabschielte.
Der Doctor, der mir inzwischen ein sehr lieber Bekannter geworden war, verkehrte nach wie vor weiter im Hause meines Vaters und leistete Großes an gelegentlichen Offenherzigkeiten gegen Tante Doris. Sie ließ sich auch dadurch nicht in ihrer Ruhe stören. Eines Tages über schien es, als ob es der Unvorsichtige nun doch verspielt habe. Tante Doris war unwohl und hatte sich zu ihrer Wiederherstellung einen mächtigen Topf Pflaumensuppe kochen lassen, das ganze Haus roch darnach. Es gehörte zu ihren Eigenheiten, daß sie Pflaumensuppe als Allheilmittel gegen alle inneren, theilweife auch gegen äußere Leibesschäden verehrte, anwandte und verordnete. Die Familie wußte das und fügte sich dem Dogma von der Heilkraft der Pflaumensuppe mit aller gebotenen Frömmigkeit. Leider war der Doctor von vornherein ein Feind dieses Gerichtes, und gegen dessen medicinifche Anwendung sträubte sich sein ganzes ärztliches Gewissen. Anstatt aber wenigstens in diesem Falle schicklicher Weise zu schweigen, platzte er los und hielt der armen Tante Doris eine Rede gegen ihre Selbstheilungsart mit soviel Offenheit, daß mein Vetter nahe daran war, grob dazwischenzufahren. Tante Doris meinte nur: „In meinem kleinen Heimathsstädtchen war auch ein Arzt, ja; der war aber manchmal recht freundlich ... ", worauf der Doctor nach kurzem Abschied wegging. Am folgenden Tage aber ließ ihn Tante Doris durch ihre masurische Magd zu sich bitten und ersuchte ihn, ihr ein Recept gegen Erkältung zu verschreiben.
Als er dann nach einigen Tagen wiederkam, um nach seiner Patientin zu sehen, fand er sie ziemlich genesen. Er freute sich sehr über den Erfolg seiner Kunst und benutzte i
die Gelegenheit, um Tante Dori» in seiner gewohnten deutlichen Art auf verschiedene gesundheitswidrige Umstände in ihrer Wohnungseinrichtung und Lebensführung nachdrücklich hinzuweisen. Sie hörte sehr freundlich und ergeben zu und bemerkte nur zuletzt mit ihrem sanftesten Lächeln, während sie ihrem alten Kanarienvogel da« Köpfchen kraute:
„In meinem Heimathsstädtchen da war einmal ein junger Bürgermeister, der wollte Alle« mit Grobheiten machen. Und beinahe hätte er auch eine reiche Heirath gemacht, ja! Aber sie setzten ihn schon vorher ab, und da war es doch nichts."
„Erlauben Sie," bemerkte der Doctor etwas erregt, — „ich verstehe ganz gut, was Sie meinen, — aber hoffentlich wissen Sie auch, daß Martha und ich fest entschlossen sind, uns allezeit selber zu helfen. Verstehen Eie? Ganz allein uns selber. Bitte, wollen Sie das dem Kanarienvogel nicht auch noch sagen? Er möchte Sie sonst mißverstehen."
äD, mein lieber Herr Doctor, was denken Sie nur?" erwiderte Tante Doris süß lächelnd, „mein Hänschen versteht mich immer richtig. Aber Sie haben mich mißverstanden. Ich habe ja kein Wort von Ihnen und Martha gesagt. Die liebe Martha! Grüße» Sie sie nur recht herzlich von mir, hören Sie? Sie weiß gerade so gut wie ich, daß man oft mißverstanden wird."
„Was sagen Sie nun dazu?" fragte mich der Doctor, als er mir diese Unterhaltung Abends erzählt hatte. „Was ich sage?" antwortete ich. „Heirathen Sie möglichst bald. Dann sind Sie weiterer Mißverständnisse überhoben. Aber das werden Sie schon längst selber gesagt haben." Er nickte. „Ich denke, es langt jetzt für's Erste," meinte er.
Bald darauf waren sie denn auch öffentlich verlobt, und ein paar Monate später hielten Sie Hochzeit, ganz still und einfach.
(Schluß folgt.)
Gesundheitsschädlichkeiten des Hochsominers.
Von Dr. Hans Fröhlich.
------- (Nachdruck verboten.)
Wie unsichtbare Geister wirken mannigfache Einflüsse der Jahreszeit auf den menschlichen Organismus ein, auf den Bestand seiner Gesundheit und auf das Entstehen von Krankheiten, meist ohne daß wir ihrer bewußt werden. Wir suchen die mächtigen Dämonen so ferne, und sie sind so nahe. Luft und Licht, die uns umgeben, der Boden, auf dem wir wohnen, üben so mächtig, so magisch ihre Gewalt auf uns aus, daß wir uns ihnen nicht entziehen können. Auch aller Pflanzen Blühen, Wachsen und Welken wird beherrscht von der Jahreszeit. Hat im Hochsommer das Wachsthum der grünen Pflanzen seinen Höhepunkt überschritten, so tritt dafür eine massenhafte und rasche Vegetation der chlorophylllosen Pflanzen, der Pilze, ein- Boden und Gundwafler haben jetzt ihre höchste Jahrestemperatur erreicht, und nun schießt und sprießt überall das ungeheure Heer der sichtbaren und unsichtbaren Pilze empor, darunter auch die dem Menschen gefährlichen Batterien und Bazillen. Unzählbar schwimmen sie im Wasser, fliegen sie in der Luft umher und fiedeln stch in des Menschen Organen an, welche ihnen erwünschte Heil- und Brutstätten darbieten. Daher bildet gerade der Spätsommer die Saison für die ansteckenden (Jnfections-) Krankheiten. Der Typhus grafstrt alsdann in Stadt und Land, und die Cholera beginnt ihren Eroberungszug. So erkrankten an Typhus in Berlin während der Jahre 1878 bis 1885 in den Monaten Juli bis September doppelt so viele Personen als in allen übrigen Monaten zusammen. Und von der Cholera ist noch in unser aller Gedächtniß, wie sie in Deutschland gerade im Monat August des Jahres 1892 so furchtbare Opfer an Menschenleben forderte. Außergewöhnliche Hitze und außergewöhnliche Trockenheit haben die Verbreitung dieser Krankheiten stets begünstigt, ob aber-


