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Unterordnung unter die schöne Schwester beeinträchtigt wurde, und hatte eine ganz merkwürdige Fähigkeit, mit Kindern und mit brummigen Junggesellen — wie ich zum Beispiel — fertig zu werden. Bei alledem wär wenig Aussicht vor» Händen, daß Martha auch nur von dem Abfall der glänzenden Aussichten ihrer Schwester etwas mitbekäme, und so hatten die Eltern schließlich nach einigen Standesbedenken seufzend darein gewilligt, daß sie sich zur Lehrerin ausblldete. Zur Zeit, als ich Tante Doris kennen lernte, stand Martha gerade am Abschluffe ihrer Studien. Sie sah etwas ausgearbeitet aus und dauerte mich ordentlich. Um so mehr fiel es mir auf, mit welcher Herzlichkeit sie Allen, der alten Tante Doris so gut wie der schönen Helene, dienstwillig und freundlich war. Auch war sie in der That die Einzige, durch welche sich Tante Doris ab und zu veranlassen ließ, an der allgemeinen Unterhaltung lebhaften Theil zu nehmen. Denn in der Regel griff Tante Dori« in das Gespräch nur auf eine Art ein, welche jedenfalls zu ihren merkwürdigsten Einzelheiten gehörte. Meist faß sie schweigend in ihrem Lehnstuhl, scheinbar halb schlafend und nur mitunter an ihrem Glase Rheinwein nippend. Plötzlich aber geschah es dann, daß sie ein paar Mal mit ihrer runzeligen Rechten die Falten ihres Kleides sanft glättete und mit niedergeschlagenen Augen ganz leise und sanft eine Bemerkung einschob, die zumeist gar nicht zum Gespräch zu paffen schien und einem Witz ohne Pointe so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen- Eines Abends war wieder einmal die Rede auf den neuen Friedhof gekommen. Da« war damals seit einiger Zeit der beliebteste und ergiebigste Gesprächsstoff in der ganzen Stadt. Der alte, schöne Friedhof hatte nicht mehr ausgereicht, man hatte einen neuen angelegt aus mancherlei Gründen möglichst weit draußen vor der Stadt; die Gegend war dort gar nicht schön, auch fehlte dem neuen Friedhof noch^die ganze Patina des alten, es war einstweilen eine kahle und Unfreundliche Begräbnißstätte, und jede» fühlende Herz, besonders wenn es in einem weiblichen Busen schlug, hätte es vorgezoge«, dereinst auf dem alten, gartengleichen Friedhof zu ruhen. Das wurde denn nun besonder« in den befferen Familien gründlich erörtert, es gab Gelegenheit, die und die Verwandten und Freunde aufzuzählen, welche auf dem alten Friedhöfe Erbgräber und somit das Recht besäßen, sich dort begraben zu taffen; auch knüpften sich zwanglos manche wehmüthig-süßen Erinnerungen an liebe Dahingeschiedene, s chöne Begräbnisse und rührende Leichen- predigten daran. Wie gesagt, der Stoff war ergiebig, und es mag sein, daß man ein wenig Raubbau damit trieb. Als wir nun damals wieder so behaglich darüber verhandelten, ließ sich auf'einmal nach kurzem Faltenglätten die leise Stimme der Tante Dori« vernehmen:
„In meinem Heimathsstädtchen hatten wir auch einen Friedhof, ja. Und da waren sehr schöne Wege, einige waren schmal, ja, und andere breit. Und da waren dann Gräber links, ja, und auch recht«. Und sehr viele Denkmäler darauf, wenn man das Geld dazu hatte, ja, ja. Und wenn man so ein ganz altes Grab aufmachte, da war nichts drinn als Knochen, ja, ja. — Ja!"
Ein anderes Mal faßen wir Abends um eine Bowle herum; es waren außer mir noch einige Gäste da, und der Assessor Fritz Walding war auch dabei. Er faß neben der schönen Helene und erzählte ausführlich von dem Manöver, welches er jüngst als Reserve-Lieutenant bei den Husaren mitgemacht. Ganz nett erzählte er, etwas schneidig, vielleicht auch etwas renommistisch, aber doch sehr zur Zufriedenheit der meisten Zuhörer. „Die Ritter schauten muthig drein und in den Schoß die Schönen." Da ließ sich die bewußte leise Stimme vernehmen:
„In meinem kleinen Heimathsstädchen waren auch einmal ein paar Jahre lang Soldaten, ja. Und von der Cavallerie waren sie auch. Ja l Und sie erzählten auch immer so. Es waren sehr nette Leute dabet. Einer war dabei, ein Lieutenant, der ging nachher ab und wurde Jnspeetor, und es soll ein ganz ordentlicher Mann in seinem Fache geworden sein. Ja, ja!"
„Weißt Du," sagte mir Fritz Walding einige Zeit nach diesem Abend, als wir einmal bei einem kleinen Frühschoppen zusammensaßen, „diese Tante Doris ist doch ein märchenhaftes Geschöpf mit ihren Geschichten, „aus meinem kleinen Heimathsstädtchen". Man sollte sie eigentlich Tante Harmlos nennen."
Ich sagte nichts dagegen, obzwar ich hin und wieder gewisse Beobachtungen gemacht hatte, die mich im Stillen einige Zweifel an der Harmlosigkeit der guten Tante und ihrer Anmerkungen hegen ließen. Fritz Walding stand mir nicht so nahe, daß ich verpflichtet war, ihm diese Zweifel zu beichten. Unsere Brüderschaft rührte au« den allerletzten Stunden eines studentischen Commerses her, dem er als junger Fuchs und ich als „alter Herr" derselben Verbindung beigewohnt hatten. Später hatte er sich daran wieder erinnert, als er Jemand brauchte, der ihn in Helenes Elternhaus einführen sollte. Uebrigens konnte kein Mensch etwa» dagegen haben, wenn die Beiden ein Paar wurde«. Sie paßten jedenfalls vortrefflich zusammen, odendrein war Helene nachgerade alt genug, um ihre Wahl länger hinauszuschieben, und der Assessor war eine gute Partie, aus bester Familie, strebsam und höheren Ort« wohl empfohlen.
Irgend wer will gefunden haben, daß junge Leute edler Art, wenn sie einander lieben, unter dem Einflüsse ihres neuen Glückes auch gegen Andere, insbesondere gegen ältere Verwandten ganz liebenswürdig werden. Bei dem Assessor und Helene traf die» jedenfalls auch zu; sie behandelten Tante Doris mit einer zunehmenden Aufmerksamkeit, ein schlechter Mensch würde vielleicht sagen: sie dienerten vor ihr. Die alte Dame ließ sich bas freundlich gefallen. Es fügte sich aber sehr nach Wunsch für Fritz Walding, daß just in dieser: Zeit eine neue Persönlichkeit in unseren Kreis trat, die in ihrem Benehmen zu dem höflichen Assessor die schönste Folie bildete.
Die» war der Doctor medicinae Paul Henning, ein entfernter Verwandter meines Vetters, der seit Kurzem alr Assistent bei dem berühmten Leiter des städtischen Hospital» untergekommen war. Es mochte ein ganz tüchtiger Arzt sein; aber um mich des Ausdrucks meiner Vetters zu bedienen, er verstand es zu wenig, seine Pillen zu verzuckern, das heißt, er war in der Unterhaltung aufrichtig bis hart an die Grenzen der Unhöflichkeit. Auch in seiner äußeren Erscheinung konnte er gegen die glänzende Figur Fritz Walding» nicht aufkommen. Ganz besonders aber war ihm dieser überlegen in der Kunst, auf die vermuthltchen Ansichten der Tante Doris zuvorkommend einzugehen. Eines Tages hatte eine auswärtige Dame im Auftrage eine» Vereins für Frauen - Emanzipation in unserer Szadt einen Vortrag gehalten, in welchem sie die damalige Lage des weiblichen Geschlechts in ungemein düsteren Farben schilderte und sehr weitgehende Reformforderungen stellte. Tante Dori« hatte sich von Helene den Zeitungsbericht darüber vorlesen lassen, und es war Helene nicht entgangen, daß sie während des Vorlesens ein paar Mal mit dem Kopfe schüttelte. Als nun Abends das Gespräche auf diese Dinge kam, trat Fritz Walding als entschiedener Verthetdiger der „alten, gesunden Anschauungen", wie er sich ausdrückte, auf. „Was ich von einer deutschen Hausfrau verlange," erklärte er, „ist, daß sie Küche und Haus in Ordnung hält und mit den Künsten weiblicher Anmuth die Mußestunden des Mannes erheitert." Der Hausherr fand diese Ansicht sehr vernünftig, und seine Frau stimmte seufzend bei. Tante Doris aber bemerkte mit ihrer neutralen Freundlichkeit:
„Mein seliger Mann hat das ja wohl auch gemeint."
Diese Anmerkung rief auf Fritz Waldings Antlitz ein Lächeln höchster Befriedigung hervor. Geradezu strahlend aber wurde sein Lächeln, als der undiplomatische junge Doetor sich nun an Tante Doris wandte und trocken bemerkte:
„Aber dafür genügte doch eine Haushälterin!"
Tante Doris warf dem kühnen Sprecher einen ganz kleinen Seitenblick zu, dann strich sie mit sanftem Lächeln eine unsichtbare Falte an ihrem Kleide glatt und murmelte:


