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* Tamsia, be» 22. August fc

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MnirchaUungsblatt jtnir Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

Tante Doris.

Novelle von Cethegus.

------- (Nachdruck verboten.)

Mit welchem Rechte auch ich Frau Rector Neubauer als Tante Doris anredete, wäre schwer zu sagen. Wenn ein verwandschaftliches Verhältniß zwischen uns beständ, so war es jedenfalls von jener verwickelten und verzwickten Art, welche nur geübte Heraldiker und ältere Hansfrauen aufzu« dröseln verstehen. Ich lernte Frau Neubauer im Hause meines Vetters kennen, der mit einer Nichte der würdigen alten Dame verheirathet «ar; da sie in diesem Hause Niemand ander« als Tante Doris nannte, so fügte auch ich mich dieser bequemen Anrede, und sie hat es mir niemals verboten.

Tante Dori« war Wittwe- Ihr Gatte war Leiter einer Erziehungs-Anstalt gewesen in irgend einem sagenhaft entlegenen Orte Ostdeutschlands, in welchem auch Tante Doris einst als Pastorstöchterchen das Licht der Welt erblickt hatte. In den Kreisen älterer Pädagogen lebte das Andenken des Rectors Neubauer noch fort al» eines ziemlich bärbeißigen Mannes von tiefen Keuntniffen und unbeschreiblichem Fleiße'; übrigen» munkelte man, daß dieser Fleiß in einem unter Pädagogen ungewöhnlichen Maße Frucht getragen und den groben Rector zum reichen Manne gemacht habe. Einige Zeit nach dem Tode ihre» Gatten hatte sich Tante Dori» dem Zug nach dem Westen angeschloffen und war schließlich in unserer schönen Rheinstadt angelangt, wo st« von meinem Vetter da» zweite Stockwerk seine« Hause» mtethete. Dort wohnte sie inmitten einer Ueberfülle sorgfältig geordneter Möbel, in Gesellschaft eine» altersschwachen Kanarienvogels und einer gleichfalls schon allen Versuchungen der Jugend entrückten Magd, welche nur da» Nothwendigste sprach, und die» wenige in einer polnisch, deutschen Mundart, die ich meinestheil» niemals enträthseln konnte. Uebrigens schloß sich Tante Doris keineswegs von ihren Verwandten ab. All­abendlich erschien sie freundlich nickend im Familienzimmer, von Allen zuvorkommend b-grüßt, um in ihrem weichen Polsterseffel Platz zu nehmen, mit jener zierlichen Steifheit, welche sie vor einigen sechzig Jahren in dem Honoratioren- tanzkränzchen ihrer weltfernen Heimath erlernt haben mochte.

Ich sehe ihr gutmüthiges, etwas schläfriges Gesichtchen noch vor mir, mit den halbgeschloffenen Aeuglein und den sechs grauen Wickellöckchen an den Schläfen, je drei auf einer Seite. Ihre übrige Frisur verbarg sich unter einer weißen Haube, und oben auf dieser Haube wiegte sich schalkhaft ein buntes Schleifchen, für jeden Wochentag in einer anderen Farbe, man konnte danach so sicher gehen wie nach einem Wochen­kalender. Das gehörte nun einmal zur ihren Eigenheiten. Sie hatte aber dieser Eigenheiten so viele, wie Löcher auf einem Fingerhut, und es waren einige recht unbequeme darunter. Mag sein, daß ich mich einmal in der ersten Zeit darüber gegen meinen Vetter unter vier Augen etwas ver­wundert ausließ; jedenfalls erinnere ich mich, daß er mir mit einem gswiflen trüben Lächeln sagte:Lieber Freund, ich bin höherer Justizbeamter ohne Vermögen, muß repräsentiren, habe früh geheirathet und blicke nun auf zwei heirathsfähige Töchter; da muß man auf eine kinderlose Tante schon alle Rücksicht nehmen, abgesehen davon, daß sie die pünktlichst zahlende Mietherin ist und sich überhaupt nichts schenken läßt."

Mit den zwei Töchtern hatte es seine Richtigkeit. Die ältere, Helene, galt von klein auf als Familienschönheit und wurde auch dem entsprechend behandelt. Mit ihren dunklen, kunstvoll gekräuselten Haaren über der weißen Stirn, mit den schmalen, sorgfältig gepflegten Händen und der ganzen schlanken, vielleicht etwa» überschlanken Figur war sie ohne Zweifel die interessanteste Erscheinung der Castnobälle und Abendgesellschaften. Obendrein verstand sie eine ganze Reihe weiblicher Fertigkeiten edelster Art: sie häkelte und stickte wundervoll, spielte Clavier und sang dazu, zeichnete und malte in Oel und Wasser; auch nähte sie jeder Jahr in der Adventszeit mit Hülfe des Zweitmädchens ein Dutzend Neffelhemden für arme Kinder, und auf Gesellschaften in ihrem Elternhause pflegten bei Tisch gewisse kleine Kuchen, mit eingemachten Früchten gefüllt, zu erscheinen, welche Helene laut Versicherung der Mutter ganz allein zubereitet hatte. Von all diesen Vorzügen besaß ihre jüngere Schwester Martha leider so gut wie garnicht». Sie war ein gutes, rundliches Blondköpfchen, ein sogenanntes Pusselchen mit einer Stulp­nase und einem unverkennbar etwas breit gerathenen Munde; übrigens war sie brav und fleißig, verfügte über eine Heiter­keit des Gemüths, welche nicht einmal durch ihre beständige