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Als eine Stunde darauf sein Kammerdiener Georg ein- traf, fand er seinen jungen Herrn im heftigsten Fieber."
„Ich ahnte es ja, daß es so kommen würde," murmelte er ganz fassungslos vor sich hin. „O, mein lieber, junger Herr, hätte er nur nach mir gehört."
„Mäßigen Ste sich ein wenig in Ihrem Schmerz," mahnte Ilse leise den Erregten. „Der Baron könnte Sie doch verstehen und das würde nur aufregend auf ihn wirken. Jetzt ist dis Hauptsache Ruhe, äußere und innere Ruhe."
„Ach, helfen Sie ihm, retten Sie ihn!" bat Georg, flehend die Hände zu der Pflegerin erhebend. „Er darf, er darf ja nicht sterben, um unserer Aller Willen nicht. So ein guter Herr, wie er ist, so gut für alle seine Untergebenen, für die Dienerschaft und für die Leute im Dorf. Was aber nach ihm kommen wird, o, mein Herr und Gott, das weiß man nicht. Und der Vater feines geliebten Wolf, Herr von Gattersbsrg, ach, was würde der Selige dazu sagen. Im Grabe würde er sich umdrshen. Der Himmel möge es gnädiglich verhüten."
„Bitten Sie Gott um Ihres Herrn Rettung, bei ihm allein ist die Hilfe. Die menschliche Kunst thut, was sie vermag ; doch Leben zu erhalten, dazu reicht sie nicht aus, wenn nicht ein höherer Wille ihr beisteht."
Am Abend, als Doclor Balzer noch einmal nach dem Kranken zu sehen kam, trat Georg auch an ihn heran und fragte mit zagendem Munde: „Werden Sie ihn durchbringen, Herr Doctor?"
Aber auch hier war dis Antwort eine ausweichende.
„So lange ein Mensch athmet, dürfen wir noch hoffen. Hoffen Sie deshalb auch. Was zu thun möglich, um ihn zu erhalten, das wird geschehen. Weiteres kann ich Ihnen heute noch nicht sagen."
II.
Frau von Bellin, die sonst auf dem Curplatz ziemlich vereinsamt war, da die cocrecten Damen Hertheims sie zu auffallend, zu extravagant fanden, war heule am zweiten Festtage ein Gegenstand allgemeinster Aufmerksamkeit. Das Duell, das am Pfingstmorgeu statigefunden und einen so tragischen Ausgang hatte, erregte alle Gemülher; man hoffte, von der Majorin, da die Tochter die Pflege des Verwundeten über- nommen, Nähere» zu erfahren.
„Wird er durchkommen, der arme Baron? — Ist die Lunge wirklich verletzt? Man sagt, er habe gestern schon in den letzten Zügen gelegen, was meint denn Fräulein Ilse?"
So schwirrte es, begleitet von zahlreichen Achs und Ohs, um die Ohren Frau von Bellins, die sich bald hierhin, bald dorthin neigte und mit bekümmertem Ausdruck die Achseln zuckte.
„Sie kennen ja Ilse. Die sagt nichts, oder doch nichts Anderes, als Doctor Balzer. Wenn man fragt, wie es geht, erhält man stets die gleiche Antwort: Nach den Umständen nicht schlecht."
„Nicht schlecht, das heißt durchaus nicht gut. Herr Gott im Himmel, wenn der Baron stürbe, dann wäre ja der Vetter, der in gelödtet, sein Erbe."
„Nun und wenn er es wäre? Der Assessor von Menzelen soll ein sehr achtungswerther tüchtiger Mensch sein. Und ein Unrecht war es doch von dem alten Gattersberger, daß er den einen Neffen vor dem anderen so zurückgesetzt hat."
„Der Vater des Assessors, der verstorbene Präsident von Wenzelen, soll ein sehr hochfahrender Mann gewesen sein. Die beiden Kinder hatten sich verfeindet, wie es heißt, um Baron Wolfs willen, des tollen Wolf, wie sein Spitzname im Reg,ment war, gegen den die Familie stets etwas hatte, eben weil er der Liebling des Oheims war."
„Ja und warum war er der Liebling ? Darüber munkelt man auch Allerlei. Aber wozu sich den Mund verbrennen."
Frau von Bellin gelang es schwer, sich aus dem sie umringenden Kreise frei zu machen und sie hatte Eile; denn sie erwartete ihren Sohn zum Abendessen.
Der junge Lieutenant, groß, schlank und blond wie die Mutter, mit ebenso hübschen, etwas nichtssagenden Zügen,
wartete bereits ungeduldig der Heimkehreudsn. Der Tisch in der Veranda stand schon gedeckt, man setzte sich sogleich heran.
„Nun aber erzähle," bestürmte Frau von B llin ihren Sohn, sobald der erste Hunger gestillt war. „Du btft ja babei gewesen, rote war's denn eigentlich mit dem Duell?"
„Du bist wohl sehr neugierig, Mama?" fragte er, mit den Augen zwinkernd und gemüthiich fein Weinglas leerend.
„Ja, gewiß bin ich das!"
Bruno zündete sich eine Cigarre an und blies den Rauch in die würzige Abendluft.
„Eine ganz dumme Geschichte war's, Mama," sagte et dann nach einer Weile. „Die beiden zärtlichen Vettern haben sich geradezu in den Haaren gelegen Das war schon nicht mehr schön; übrigens thut mir der Assessor leid. Er ist auf Ehrs ein sehr anständiger Kerl. Da er Erbe seine» Vetters ist, muß es ihm natürlich höchst peinlich sein, daß er ihn sozusagen mit eigener Hand aus dem Wege geräumt und in's Jenseits befördert hat."
„Ist der Assessor denn noch immer beim Grafen in Radnitz?"
„Seit gestern ist er wieder nach Berlin zurück. Der arme Mensch ist ganz geknickt. Die in Aussicht stehende Erbschaft beunruhigt ihn über Gebühr."
„Nun, nun, et wird sich ja wohl trösten. Wie aber kam's nur ? Steckt da doch am Ende auch eine Frau dahinter?"
„Vielleicht! Du weißt, der Assessor ,st verlobt mit einer etwas abenteuerlichen Amerikanerin, einer Schönheit, die in der Berliner Gesellschaft Aufsehen erregt hat- Auch Baron Wolf soll zu ihren Verehrern gezählt haben. Wie dem aber auch fei, der birecte Grund war eine Aeußerung des Assessor», die er auf des Grafen vertrauliche Frage nach der Ecbichafts- angelegenheit gar nicht so böse gemeint hinwarf, Wolf wäre eben als Sohn seiner Mutter vo n Onkel bevorzugt worden. Zasällig stand Baron Wolf in der Nähe. Die Wirkung kannst Du Dir denken."
„Aber das ist ja auch stark. Der Assessor war wohl angetrunken?"
„Na, das waren wir Alle, toll und voll, und auch Baron Wolf wurde erst ernüchtert, als er die Worte hörte, die ihn wie ein Dolchstich trafen, furchtbar, sage ich Dir, Mama! Das Blut schoß ihm so jäh in den Kopf, so gluthroth brannte er, daß wir Alle dachten, ihn müsse der Schlag rühren. — Elender, Du wagst, stieß er hervor, meine Mutter, diese Heilige, in den Staub zu ziehen? Mit den Fäusten ging er auf den Vetter los und man weiß nicht, was geschehen wäre, hätten wir ihn nicht gewaltsam zurückgehalten. So gelang es uns, die Sache wenigstens in cavalrere Bahnen zu lenken. Aber Blut mußte fließen, das war Allen kiar. Denn auch der Assessor, sonst so gemessen una vornehm zurückhaltend, war wie vom Teufel besessen. — „Es ist gut, daß es so gekommen," schrie er. „Nun ist das Tiichtuch zwischen uns zerschnitten für alle Zstt. O, dieser Mensch, glaubt er denn, die ganze Welt zum Spielball seiner Laune machen zu können? W rs zu viel ist, ist zu viel, einmal muß .es zwischen uns zum Austrag kommen, auch der Uebermulh findet endlich seine Grenze."
„Ja, ja, ein heiliger Antonius wird der tolle Wolf wohl nicht gewesen sein," sagte lächelnd Frau von Bellin. „Das sind heutzutage alle jungen Männer nicht. Uebrtgens, was die Geschichte mit des Barons Mutier anbetrifft, so mag da doch etwa» Wahres daran sein. Ich erinnere mich noch ganz genau, der Hauptmann von Wenzelen stand in demselben Regiment mit meinem seligen Manne. Da erzählte man sich allerhand, er sei eifersüchtig auf den eigenen Bruder und have Grund dazu, als er bann im Feldzüge sechsundsechzig tobt« geschossen wurde,-- sagte man, er habe absichtlich so exponirt, weil er den Tod gesucht habe. Freilich, acheirathet hat der Gattersberger Baron die Wittwe seines Binders dann doch nicht und sie hat nach dem Tode des Mannes em sehr stille» und zurückgezogenes Leben geführt. Ich glaube, in Raum- bürg wohnte ste und ist auch dort gestorben. Aber viel war


