M Berlin vis Krankenpflege erlernt und brachte jetzt zur Er« holung den Sommer bet ihrer Mutter zu, um sich für ihren anstrengenden Beruf zu stärken. Aber die Lust und Liebe zu dem heiligen Samariterwerke, dem sie diente, hatte sie oftmals schon veranlaßt, in schweren Fällen dem befreundeten Arzte Doctor Balzer, der auch ihren Vater in seiner langen Krankheit behandelt hatte, helfend zur Seite zu stehen, ja, ste hatte sich ihm bereitwillig ganz zur Verfügung gestellt.
Mit kurzen Worten wies sie das auf ihr Läuten öffnende, noch schlaftrunkene Dienstmädchen an, einige nöthtge Kleidungsstücke ihr in den Reifefack zu packen, dann öffnete ste leise die Thür zum Schlafzimmer der Mutter.
Frau von Bellin lag in einem großen Himmelbett, eine noch ziemlich jugendlich aussehende Dame mit etwas schlaffen, nichtssagenden Zügen, ganz das Gegenlheil der Tochter, dis jedenfalls nicht so hübsch wie die Mutter, aber um Vieles anziehender und bedeutender aussah. In der That war es auch der Mangel jeder Sympathie zwischen Mutter und Tochter, welcher letztere mit dazu bestimmt hatte, nach dem Tode des von ihr heißgeliebten und verehrten Vaters aus dem Hause zu gehen und sich auf eigene Füße zu stellen. Die Ehe ihrer Eltern war eine höchst unglückliche gewesen und zwar aus der Schuld der Mutter, deren Leichtsinn und Oberflächlichkeit dem streng denkenden Gatten viel Schmerz und Leid bereitet hatte. Ilse ähnelte in Gestalt und Gemüth ganz dem Vater, während ihr einziger Bruder Bruno, der jetzt al» Lieutenant bei einem Cavrllerte-Regiment der nahen Residenzstadt stand, völlig da« Ebenbild der Mutter war und deshalb ihr Liebling und Trost sür die immer mehr sich entfremdende Tochter.
Bei Ilses Eintritt' schlug Frau von Bellin die fAugen auf und starrte sie etwas verwundert an: „Du so früh? — Was ist denn wieder los?"
„Nichts, was Dich beunruhigen kann, Mama. Ich wollte Dir nur sagen, daß ich mit Doclor Balzer zu einer Pflege gehe —'*
„Was, heute am ersten Festtage, — und da wir morgen Bruno erwarten?"
„Es ist ein dringender Fall, Mama — da darf ich nicht zögern."
„Und wer ist denn krank?" fragte Frau von Bellin, sich nun halb aufrichtend, neugierig.
„Niemand, den wir kennen. Ein Patient im Haufe des Doctors, das Nähere weiß ich selbst nicht. Und nun bitte, schlafe ruhig weiter. Es thut mir leid, daß ich Dich stören mußte."
Damit war ste auch schon aus dem Zimmer wieder hinaus und wenige Minuten darauf saß ste bereits an der Seite des Arztes in dessen Wagen und ließ sich von ihm das Nähere über den traurigen Fall berichten.
„Wer ist denn eigentlich der Verwundete? Sie haben mir bisher seinen Namen noch nicht genannt?"
„Der junge Baron Wolf von Menzelen auf Gattersberg. Sie haben wohl davon gehört, Fräulein Ilse, daß der verstorbene Baron von Menzelen zwei Neffen hinterließ, beives Söhne zweier ihm im Tode vorangegangenen Brüser, die gleiche Erbansprüche hatten ober doch zu haben glaubten. — Das Testament ernannte nur einen, den Baron Wolf, zum Universalerben, während der Andere, ein junger Assessor, der ebenfalls verwaist und ziemlich mittellos ist, mit einer vsr- hältnißmäßtg kleinen Rente abgefunden wurde. Da die beiden Vettern nie sehr zusammen gestimmt haben sollen, darf man wohl annehmen, daß nach Eröffnung des Testamentes das Verhältniß noch ein gespannteres geworden, kurz, sie gertethen bei einer Jagdgesellschaft im Schlosse des Grafen Molden so stark aneinander, daß jenes eben so traurig verlaufene Duell die Folge war."
„Ist die Verwundung schwer?" fragte Ilse nach einer kleinen Pause des Nachdenkens.
„So schwer, daß das Aeußersts zu befürchten ist. Die Kugel zwar konnte ich aus der Wunde entfernen; aber sie hat dis Lunge gestreift und war etwas zersplittert."
„Und wenn der Baron sterben sollte, wird der Äsitsr, der ihn getödtet, sein Erbe?"
„Allerdings. Ein Umstand übrigen», der sür beide Theile höchst peinlich sein muß; denn man sagt dem Assessor nach, daß er ein Ehrenmann ist und unlautere Gründe von seiner Seite bei dem Duell ausgeschlossen sind. Baron Wolf soll es provoeirt haben."
Der Wagen hatte jetzt sein Ziel erreicht und hielt vor Doctor Balzers Haus, da» in einer abgelegenen Straße mitten in einem Garten lag und zur Aufnahme von Leidenden für die Sommermonate eingerichtet war.
„Wollen Sie einen Augenblick zu meiner Frau eintreten? — Ich werde Ihnen gleich ein Zimmer neben dem des Barons anweisen lassen. Nach seinem Kammerdiener habe ich schon telegraphirt; ich hoffe, er wird bald eintreffen und Ihnen zur Hand sein."
In einer Vorhalle mit Glasthüren nach dem Garten zu saß Frau Doctor Balzer mit ihren beiden Kindern am Kaffeetisch, eine große, grobknochige, wenig anmuthende Frau. — Ihre Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, beides Rothköpfe, svrangsn auf, reichten der Eintretenden ihr Händchen zum Gruß.
„Ach, was das für eine Geschichte ist, Fräulein Ilse," begann die Doctorin mit scharf klagender Stimme. „Nur Unannehmlichkeit wird man davon haben, da« werden Sie sehen! Na und das Gerede der Hertheimer. Uebrigens glaubte ich nicht, daß Sie sich entschließen würden, die Pflege zu übernehmen. Aber mein Mann wollte ja durchaus zu
„Ich bin Ihrem Manne sehr dankbar, daß er so viel Vertrauen zu mir hat."
„Aber eine Pflege bei einem so jungen vornehmen Herrn, der Gott weiß was für ein Leben hinter sich hat," meinte die Doctorin und streifte mit einem halben Blick da» er- röthende Mädchen.
„Liebe Frau Doctor, es wäre schlimm, wenn wir in unserem Berufe erst nach dem Alter de» Patienten fragen wollten, ehe wir eine Pflege übernehmen."
„Und das gentrt Ste wirklich nicht?"
„Nein, durchaus nicht I Wir thun einfach, war unsere Pflicht von uns fordert."
„Ach Gott, solch' ein Beruf! Schrecklich! Und Sie, ein solch' hübsches Mädchen, Fräulein Ilse, haben e» doch nicht
nöthig!"
„Sie irren sich, Frau Doctor, ich habe es nöthig au- inneren und äußeren Gründen," entgegnete Ilse ernst.
Das Mädchen des Doctors, das Ilse abzurufen kam, machte dem peinlichen Gespräche ein Ende.
„Unser Patient ist völlig klar," begrüßte der Doctor die Eintretende halblaut, „ich werde Sie ihm vorstellen. Und bitte, zeigen Ste ihm ein möglichst hoffnungsvolles Gesicht; der Baron scheint vollständig davon überzeugt, daß er dem Tode verfallen sei, und das könnte den Heilproceß verzögern, wenn nicht gar sehr bald eine schlimme Wendung herbeiführen." , „ , •’
Ilse nickte nur still beistimmend. Gleich darauf stand sie vor dem Krankenbette.
Ihr Blick glitt über die kraftvolle Gestalt des Kranken, die jetzt gebrochen auf dem Schmerzenslager ruhte. Ein tiefe» Mitleid erfaßte ste. So jung noch und so schön! Ein Ant- lttz von edelster Bildung, voll Stolz, ja Uebermuth. Wie fieberglänzend die dunklen Augen unter den schön geschwungenen Brauen zu ihr aufblickten, wie weh es um den von einem dunklen Schnurrbart überschatteten feinen Mund zuckte!
„Schwester Ilse, die er auf meine Bitte übernommen hat, Sie zu pflegen, Herr Baron," stellte Doclor Balzer sie mit kurzen Worten vor.
Wolf» Blick ruhte einen Augenblick wie prüfend auf dem stillen, theilnahmsvollen Gesicht Ilse», dann nickte er befriedigt, um aber gleich erschöpft den Kopf in die Kiffen zurücksinken zu lassen. Dem kurz aufflackernden Leben folgte eine tiefe Apathie.


