- 490 -

kannt, dann wäre ihm ihr Gebahren noch spanischer vor- gekommen.

Ich weiß nicht, ob ich'» meiner Nichte mittheilen soll," bemerkte er,sollte ich'» wagen dürfen?

Weshalb nicht, Herr Melwig? Wenn'» ihr Verlobter nicht ist, hat'» keine Gefahr. Erfahren muß sie's ja doch."

Freilich, die Ungewißheit wird schlimmer für ste sein. Kommen Sie, Herr Doctor, hier ist ja nichts mehr für Sie zu thun. Ich werde eine Todtenwache herbeiordern, und dann wollen wir uns nach dieser traurigen Arbeit vor'm Schlafengehen noch erst ein wenig erfrischen. Auch vergessen Eie wohl nicht, den Todtenschein aurzustellen."

Er schritt bei diesen Worten voran nach dem Wohn­zimmer, das bereit« erleuchtet war, klingelte und ertheilte dem eintretenden Diener die nöthigen Befehle. Dann begab er sich zu seiner Nichte.

Ebba Regina lag äugekleidet auf einem Ruhebett. Bei seinem Eintritt erhob sie sich mit einer jähen Bewegung und sah ihn starr an- Sie mochte auf seinem Gesicht genug gelesen haben, da ste mit einem unterdrückten Aechzen zurücksank.

Sag' es mir," kam es kaum hörbar von ihren Lippen, er ist tobt tobt l*

«Kind, so fasse Dich doch," mahnte Melwig, stch über ste beugend,hast Du ihn denn wirklich so gern gehabt? Es schien mir doch immer, als wäre Dir weniger an seiner Person, als an seiner Stellung, seinem Titel gelegen."

Ja, da» glaubte ich selbst, weil ich seiner so sicher war," erwiderte sie halblaut, und in einem so klagenden Tone, daß es dem herzlosen Wucherer, der nur für die Nichte ein Gefühl empfand, welches seiner Selbstsucht entsprungen und deshalb mit ihm vexwachsen «ar, durch Mark und Bein ging. Höre mich an, Onkel, und dann urtheile, ob ich diesen Mann wirklich um seiner selbst willen geliebt habe."

Sie erzählte ihm mit derselben halblauten Stimme die aufregende« Ereignisse diese» Tages, von der Ankunft des Stiefbruders aus Amerika bis zu der stürmischen Unter­redung zwischen Alting und Harald Römhild, die mit einer Herausforderung geendet.

Melwig hatte aufmerksam zugehört, ein ingrimmige« Lächeln verzerrte sein Gesicht und seine Hände ballten sich zornig. Zugleich aber erfüllte ihn doch eine geheime Genug- thuung, den wilden Alting, der nun nichts weiter war als ein gemeiner Abenteurer und Betrüger, in solcher Weise los­geworden zu sein, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, wenn die Leiche sogleich vom Unglücksort nach Altinghof gebracht worden wäre.

Also ein Duell auch noch in AussichtI" bemerkte er, als Ebba Regina ihre Erzählung beendet hatte.Schade, daß er dem übermüthigen Junker nicht einen Denkzettel hat geben können. Was machen wir denn dabei? Da» Beste wird fein, den Catton morgen oder vielmehr heute bei Tages- Anbruch nach dem Grenzteich zu schicken, um die Todes- Nachricht zu überbringen."

Das darf nicht fein," sprach ste hastig,dieser Catton, nun, Du mußt es doch von mir erfahren, hat den alten Baron damals auf der Jagd so schwer verwundet. Der Bursche hat schlecht getroffen, sonst wäre Alles anders ge­kommen. Und der will ein amerikanischer Jäger gewesen fein I Hast Du schon gehört, Onkel, daß der Alte die Krifis wahrscheinlich glücklich überstehen und genesen wird? Höre also weiter, daß dieser Stiefbruder und sein Begleiter den Joe Catton genau kennen, und ficherlich nicht von der besten Seite. Da man nun weiß, daß er als Diener unseres Hans Alting hier bei uns Unterkunst gefunden hat, und da ferner der alte Baron fich erinnern wird, daß eine fremde Hand ihm die Kugel zugesandt hat, so wirst Du ermessen können, daß dieser Catton nicht der Ueberbringer der Todes- Botschaft sein darf. Ich will nicht, daß er verhaftet wird, will nicht, daß man Schmach auf unseres Attings Namen häuft. Ich will es nicht, hörst Du, Onkel?" fetzte ste fast keuchend hinzu.Der Name des Mannes, den ich ge­

liebt habe, soll nicht entehrt werden durch die Denuneiatio« einer solchen Buben!"

Die Stimme versagte ihr und aufstöhnend sank ste wieder zurück.

So rege Dich doch nicht auf," bat Melwig,ist den« das meine stolze Ebba Regina, die jeden Mann nur al« Sprosse einer Leiter in der Gesellschaft betrachtete? Da» hast Du so wiederholt, daß ich mir'« endlich einprägen mußte! Was konnte dieser Alting Dir jetzt noch bieten? Hat er seinen Namen nicht selber durch Betrug entehrt?"

Wenn auch" flüsterte ste,er war der einzige Mann, den ich bewundern und lieben konnte. Auch al» Abenteurer, als Bettler war er allein begehren»werth für mich. Kannst Du jetzt begreifen, was ich leide, Onkel?"

Ja, ja, obschon ich dergleichen am allerwenigsten von Dir verstehen kann, mein Kindl" erwiderte Melwig etwa« ungeduldig.Er war ein netter Kerl, aber mir viel zu wild und zu unbesonnen, da« hat ihm nun auch den Tod gebracht. Raffe Dich auf und bezwing' den Kummer um diesen Tobten, den Du mit Deiner Liebe nicht wieder lebendig machen kannst. Ich habe auch einen aufregenden Tag hinter mir, worüber wir morgen früh, wenn Du wieder vernünftig geworden bist, reden wollen. Versuche jetzt zu schlafen. Ich will dem Catton die Tobten - Wache übergeben, und dann noch ein wenig dem Doctor bei einem Glase Wein Gesellschaft leisten.'

Komme nachher noch einmal zu mir, Onkel!" bat sie, schlafen kann ich doch nicht."

Er nickte und verließ fie mit besorgtem Gesicht. Unten auf dem hallenartigen Flur, der mit Jagd - Trophäen aller Art, die noch von dem letzten adeligen Gutsherrn herstammten, ausgeschmückt war, trat Joe Catton ihm entgegen.

Entschuldigen Sie, Herr Melwig," sagte er;wie geht es meinem gnädigen Herrn? Doch besser, wie ich hoffe?"

Ja, wie man's nehmen will," lautete die kurze Antwort. Er ist tobt!"

Catton starrte ihn entsetzt an, sein Gesicht war aschgrau geworden.

Er ist schon tobt gewesen, als man ihn herbrachte," setzte Melwig hinzu.Begreife nicht, daß Ihr, ein so alter Practicus, das nicht gleich gesehen habt. Bei dieser grüß' lichen Wunde am Hinterkopf muß er ja auf der Stelle tobt gewesen sein. Ihr hätte ihn vernünftigerweise gleich nach Altinghof schaffen lassen müssen, nun hat man noch, Gott weiß, welche Scherereien davon. Es ist gut, daß Ihr Zeugniß ablegen könnt, wie Ihr ihn gefunden habt."

Er wollte fich der Wohnstube zuwenden, al» er stch be­sann und wieder auf Catton zutrat.

Euer Herr liegt in seinem Euch bekannten Zimmer. E» wäre mir lieb, wenn Ihr die Todtenwache übernehmen wolltet, weil sich keiner von meinen Leuten dazu verstehen wirb. Habt Ihr verstanden, Mann?"

Catton nickte mechanisch und begab sich dann mit schweren Schritten in den ersten Stock hinauf, wo er erst einige Augenblicke wie betäubt vor der Thür de» Tobten- zimmer» stehen blieb. Al» er dann endlich eintrat unb bie noch vor wenigen Stunden in voller Jugendkraft strotzende Gestalt de» unbändigen Manne» starr und kalt dort liegen sah, wie eine vom Blitz gefällte Eiche, da sank er schwer auf­stöhnend auf einen Stuhl, wilde Schmerzenstöne ausstoßenb.

Lange starrte er in das weiße Todtengesicht, wobei er wiederholt den Kopf schüttelte und halblaute Worte vor sich hinmurmelte, bis der betäubende Schmerz nach und nach von ihm wich und der kalten gewohnten Überlegung Raum gab.

Joe Catton calculirte, daß mit John Alting» Tod auch fein Abschied von Lindenhagen fest besiegelt, und daß e» vortheilhafter sei, diesen Boden, der jedenfalls für seine Sicherheit jetzt zu heiß werden könnte, ja eher desto besser zu verlassen. Zuerst mußte er unzweifelhaft al« Zeuge bei einer polizeilichen Todtenschau fungiren, und von da an war'» ein Schritt nur bis zur Verhaftung. Der alte Baron hatte ihn jedenfall« schon genau beschrieben, da« Unglück hatte er ferner gewollt, daß er an jenem Jagdtage im Walde ge-