Ausgabe 
17.3.1896
 
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Ker Professor ruft sofort das andere Eiland an. Der Fährmann dort löst seine Barke und kommt eiligst herbei, die Besucher herüberzuholen. , ,

Die Klippe Pantokrator, bedeutend vornehmer als die Wohnstätte Athanastas, wenn auch nur zwei Mönchen Woh­nung gebend, erhebt sich über einem mit Gartsnanlagen ge­zierten, terrassenförmigen Ausbau. Eine Weinlaube überdacht die Plattform vor der Kirche, Lorbeer, Rosen und Cactus blühen um die Mauern des Klosters, das schlanke Cypressen einrahmen.

Ein so sreundlicher Empfang wie drüben von der guten Schwester Athanasia wird uns hier nicht zu Theil werden," meint der Professor.Die heiligen Väter hier zeigen sich sehr verschlossen gegen die Fremden, wenn sie es auch zulassen, daß das Eiland besichtigt wird; betitf dis Büchse an der Kirchenmauer, in die hauptsächlich die Fremden opfern, muß das nöthigs Geld zum Unterhalt des Klosters liefern. Sonst würde man wohl kaum Zutritt haben."

Auch hier sind die Mönche mit dem Ausschmücken ihrer Kirche beschäftigt, zwei hochgewachsene Männer mit edelge. schnittenen Gesichtern, der hohen Priestermütze auf dem zu einem Knoten geschürzten üppigen Haupthaar, das, da es nicht abgeschnitten werden darf, gelöst oft bis zum Gürtel hinab- wallt.

Sie grüßen die Ankömmlinge schweigend, ohne sich in ihrer Arbeit stören zu lassen. Wolf ist nicht mehr recht bei der Sache und steht zerstreut aus. Nur halb hörte er auf die Erklärungen des Professors, so daß Ilse sich doppelt auf­merksam zeigte, obwohl auch sie sich durch ihres Gatten ver­ändertes Wesen beunruhigt fühlte. Sie hat den Vorgang in der Capelle der heiligen Pulcheria wohl bemerkt, ohne sich jedoch eine Erklärung dafür geben zu können.

Wissen Sie denn, wie man diese Insel getauft hat?" fragt der Professor, als sie draußen in der Weinlaube zu kurzer Rast auf eine dort stehende Bank sich niedergelassen haben.Schauen Sie sich einmal ihre Form an. Woran erinnert sie?"

Weder Wolf noch Ilse finden eine Antwort.

Sie rathen es nicht," fährt der Professor fort.Nun, denn, die Sage glaubt, in dieser Klippe das durch Poseidon versteinerte Phäakenschiff des Odysseus zu sehen. Und gleicht das Plateau hier in seiner Form nicht wirklich dem Verdeck eines Schiffes? Aber ich sehe," fügte er ein wenig verstimmt durch die sichtlich abnehmende Aufmerksamkeit seiner Begleiter hinzu,die Herrschaften sind müde. Ich will nur eine griechische Inschrift, die mir eben an der Mauer in's Auge fiel, durchlesen, dann wollen wir aufbrechen."

Ilse faßt, als Beide allein sind, besorgt des Gatten Hand.

Du fühlst Dich doch nicht unwohl, Wolf?"

Nein, nein," wehrt er ungeduldig.Die Begegnung war's nut. Ahnst Du, wer die Damen sind, die mit uns in der Capelle der heiligen Pulcheria waren, wie sie hierher kommen?"

Wie sollte ich? Du kennst sie?"

Es ist die Braut Axels und deren Mutter."

Die Braut?" fragte Ilse mit einem leisen Erstaunen. Hat man Dir nicht aus der Hsimath geschrieben, daß die Verlobung zurückgegangen ist?"

Die Verlobung zurückgegangen?" ruft Wolf und über sein Gestcht fährt es wie ein jähes Erschrecken.Woher weißt Du das?"

Pastor Seiffard schrieb es mir schon vor längerer Zeit, doch scheute ich mich, darüber mit Dir zu sprechen, da Du mich direct gebeten hast, den Namen Deines Vetters nie vor Dir zu nennen."

Wolf ließ den Kopf in die Hände stnken.

Ja, ich scheute mich, von seinem Glück zu hören," sagte er leise,und nun?"

Er verstummt, als fürchte er stch, weiter zu sprechen, etwas zu sagen, was besser ungesagt bliebe.

Ilse beobachtet ihn voll steigender Angst. Eine Ahnung

erfaßt sie, Worte, Andeutungen der Mutter werden wieder n ihr lebendig: Nicht allein die Beleidigung der Mutter Wolfs ei Veranlassung zum Duell gewesen, eine höchst Lebendige iecke dahinter. Wenn diese höchst Lebendige die damalige graut Axels gewesen wäre? Und ste ist hier, ihm vielleicht nachgereist, und frei, frei I

Ihr ist, als würde ihr der Athem benommen, sie wendet ich ab, ihre heftige Erregung vor dem Gatten zu verbergen, )er bleich, mit verdüsterter Stirn und verstörtem Blicke regungslos vor sich hinstarrt.

Sie ist frei, so tönt es schmerzvoll auch in ihm für mich zu spät, zu spätl

Des Professors zum Aufbruch mahnende Stimme schreckt beide Gatten aus tiefer Versunkenheit empor- So lebhaft und heiter die Herfahrt gewesen, so still und werthlos wird die Heimfahrt.

Vor Wols« erregter Phantasie gaukeln verlockende Bilder einher, die sein Blut zum Sieden bringen, Ilse denkt bangen­den Herzens der Zukunst; nur der Professor schaut heiter genießend um sich, bis auch ihn die laue Luft, die wiegende Bewegung des Wagens in Träume versenkt, die ihn der Wirklichkeit entrücken und ihn in jene alte, Poesie umrauschte Zeit versetzen, in der die Gestalten Homers noch auf Korfus Gefilden wandelten.

XV.

Nur mühsam gelangte der Wagen, sobald er das Weich­bild der Stadt berührte, vorwärts. Alle Straßen waren von einer dichtgedrängten Menge durchfluthet. Hier wurden in den zum Feste aufgefchlagenen Buden allerhand Vorräthe, Back­werk, Maisbrod und Orangen gekauft, dort trieb ein Esel­treiber sein mit Körben voll Rosen, Erika und Myrtenböschen beladenes Thier unter lautem Schreien und Aufforderung zum Kaufen mitten in den sich stauenden Menschenschwarm. Da­neben drängten sich Männer hindurch, die Osterlämmer über den Rücken geworfen ober Steinkrüge auf dem Kopfe tragend. In der Nähe der Spaniata, wo die Processton vorüber gehen sollte, wurde das Gewoge noch dichter. Hier mischten sich zwischen die Bewohner Korfus noch eine Anzahl von Fremden aller Nationen, um die Ausschmückung des Platzes, die Deco« ration der Häuser, die Fahnen und Lampions zu betrachten, die zur Jllimination an der Balastrade, den Kaffeehäusern und Stanbildern angebracht waren.

Die table dhöte hatte bereits angefangen, als der Wagen endlich vor dem Hotel hielt. Wolf erklärte sich für zu angegriffen, um mit Andern sprechen zu können, und be­fahl, das Diner auf dem Balcon feiner Wohnung zu ser­vieren. Der Professor verabschiedete sich. Er wollte das Vergnügen, an der table dhöte zu speisen, nicht entbehren, versprach aber, nachher die Freunde noch auszusuchen.

Es dauerte lange, ehe die vielbeschäftigten Kellner Zeit fanden, Wolfs Befehl nachzukommen. Schon füllten sich die Nebenbalcone mit Zuschauern für die Procession, als die Speisen ausgetragen wurden.

Da mitten beim Essen, fiel Wolf plötzlich die Gabel aus der Hand. Auf dem zunächstliegeuden Balcon wurde gesprochen, eine melodische Frauenstimme ließ sich in englischer Sprache vernehmen, auf die eine rauhe Männerstimme antwortete.

Er war der Fremdenführer, der die beiden Damen schon auf dem Ausflug begleitet hatte, nun hier seine Erklärungen fortsetzte, und auf das Interessanteste der Umgebung, wie der Vorgänge auf dem Platze, aufmerksam machte.

,,Schon wieder siel" stieß Wolf finster hervor,auch hier nicht allein I"

Ilse sah auf ihren Teller nieder, sie that, als habe ste nichts gehört; aber ihr Herz klopfte heftig und sie athmete erst erleichtert auf, als der Professor freundlich grüßend, und heiter wie immer, zu. ihnen trat und Über feine Erlebnisse an der table dhöte berichtete.

Es ist wirklich schade, lieber Baron, daß Sie gerade heute fehlten," sagte er, stch an Wolfs Seite niederlassend. Eine solche exquistte Gefellschaft haben wir noch nicht gehabt, und diese schönen Frauen! Aber, was sehe ich?" fügte er,