Ausgabe 
12.12.1896
 
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Untrrhaltimgsbtatt ;mit Gießener Anzeiger (Generat-AnMNer).

Nr. 146. ZLWStag des 12. Teeember

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Die Brüder.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Und dann wie es eben zumeist im Leben geschieht wurden vor dem unerwarteten Verlauf der Dinge alle ihre in langem, angstvollem Grübeln gewonnenen Vorsätze zu Schanden. Es war wieder einer jener kritischen Tage, an denen die Miene des Sanitätsraths noch ernster wurde als gewöhnlich, und auch die Diaconisstn hatte zu Margarethens namenlosem Schrecken ganz gegen ihre Gewohnheit am Morgen eine Aeußerung gethan, die sich nur mit der Absicht erklären ließ, sie sanft und schonend auf das Schlimmste vorzubereiten. Gegen Mittag hatte sich die Pflegerin dann auf kurze Zeit aus dem Zimmer entfernt, um draußen in der Küche etwas zuzubereiten, und todesbangen Herzens war Margarethe mit dem Kranken allein geblieben.

Gespannter als sonst beobachtete sie heute in ihrer schrecklichen Furcht sein blasses, verfallenes Gesicht, und wie eine eiskalte Faust schnürte das Entsetzen ihr die Kehle zu» sammen, als sie plötzlich eine seltsame, nie zuvor gesehene Veränderung in Hermann Eggestorfs Zügen wahrnahm. Ihre bisherige Schlaffheit wich einem eigenthümlich gespannten und energischen, ja trotzigen Ausdruck; die Lippen verzogen sich wie zu einem zornigen oder befehlenden Wort, und die Lider der geschloffenen Augen zuckten gleich denen eines Schlafenden, dessen Antlitz von einem Hellen Lichtstrahl ge­troffen wurde-

Margarethe glaubte nichts Anderes, als daß die» die Anzeichen des beginnenden Todeskampfes feien. Sie wollte ausspringen, um die Diaconisstn zu rufen, aber die Glieder versagten ihr den Dienst. Sie wollte schreien, aber nicht um den Preis ihres Lebens hätte sie auch nur einen einzigen armseligen Laut über die Lippen bringen können. Von dem Uebermaß des verzweifelten Schmerzes gelähmt, starrte sie regungslos auf den vermeintlich Sterbenden, und ihre wirre Gedanken vermochten das Unglaubliche kaum zu fassen, als sie plötzlich Hermann Eggestorf» Augen groß und verwundert,

aber mit dem unverkennbaren Ausdruck voll geistiger Klar» heit auf sich gerichtet sah.

Wie lange dies stumme Begegnen ihrer Blicke gewährt haben mochte, ob es Secunden oder Minuten gewesen waren sie wäre nachher nimmer im Stande gewesen, es anzu­geben. Sie wußte nur, daß sie in dieser winzigen Spanne Zeit an furchtbarer seelischer Erregung mehr durchlebt hatte al» in ihrem ganzen bisherigen Dasein; und von den tausend Gedanken, die sich chaotisch in ihrem Kopfe gekreuzt hatten, erinnerte sie sich später an nichts Anderes mehr als daran, daß sie unwiderruflich entschlossen gewesen war, mit ihm zu sterben.

Als die barmherzige Schwester wieder in's Zimmer kam, fand sie das junge Mädchen auf den Knieen neben dem Bette, während der Kranke still da lag wie zuvor. Seine Augen waren geschloffen, aber auf seinen Lippen war ei« glückseliges Lächeln. Sie beugte sich zu ihm herab und legte für einen Moment ihre kühle, weiche Hand aus seine Stirn.

Weshalb weinen Sie? ' fragte sie mit leisem Vorwurf. Fürchten Sie denn nicht, den Patienten dadurch aus seinem Schlummer zu wecken?" M L

Margarethe erhob das thränenüberströmte Antlitz, das schmaler und älter geworden war in der Todesangst dieser letzten Minuten. , t ,

Verzeihen Sie mir!" flüsterte sie.Aber ich kann nicht anders. Ich glaubte ja, er stürbe."

So dürfen Sie dem Allmächtigen letzt um so inniger sür seine Gnade danken. Denn während der Viertelstunde meines Fernseins ist in dem Befinden unseres Kranken unverkennbar eine Wendung zum Besseren eingetreten. Das Fieber ist erheblich zurück gegangen, und statt in tiefer Bewußtlosigkeit wie vorhin, liegt er jetzt in ruhigem Schlafe. Sicherlich ist noch nicht jede Gefahr vorüber, aber wenn mich nicht alle meine Erfahrungen täuschen, dürfen wir doch wieder hoffen."

Heißer denn noch zuvor floffen Margarethens Thränen, aber ihr Herz war zugleich von einem Glücksgefühl erfüllt, wie sie es reiner und beseligender kaum je in ihrem jungen Leben empfunden. *

Und die Voraussage der Diaconisstn erwies sich als be­rechtigt. Die gefährliche Krise war überwunden, und wie