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Müdigkeit übermannt, bald bewegten sich seine Gedanken in den tollsten und willkürlichsten Sprüngen.
Immer aber drangen die Worte, die da um ihn her ge- sprachen wurden, nur wie aus weiter, weiter Ferne an sein Ohr, und seitdem er sich aufgerosft hatte, um sür Bobs menschenfreundliche Handlung Zeugniß abzulegen, sank er unter dem Zwang der lähmenden Schwäche immer mehr in seinem Sessel zusammen.
Auch das Pferdegetrappel und Stimmengeschwirr, das bald nach Bobs Entfernung draußen auf dem Hofe laut wurde, hörte er nicht; so wenig er etwas davon gewahrte, daß Ptoly eintrat und dem Alcalden eine Meldung zuflüsterte, die diesen bestimmte, das Zimmer zu verlassen.
Die Nennung seines Namens erst erweckte ihn aus dem dumpfen Halbschlaf und ließ ihn fast erschrocken emporfahren.
Der Squire stand in der geöffneten Thür und rief ihm mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme zu: „Ist ein Besuch für Luch da, Mister Houston! Ein angenehmer Besuch, wie ich hoffe. Möchtet Ihr nicht die Güte haben, auf einen Augenblick heraus zu kommen?"
Fred erhob sich vollends, um der Aufforderung Folge zu leisten. Der Kopf schmerzte ihm fast zum Zerspringen und seine Glieder thaten nur widerwillig ihren Dienst. Aber er schämte sich, seine Schwäche zu zeigen und brachte es mit Aufwendung seiner ganzen Energie denn auch wirklich dahin, straff und aufrecht die Schwelle zu überschreiten.
Wie festgebannt blieb er stehen, als er sich May Burnet gegenüber sah.
Sie trug dasselbe zierlich-kokette Reitcostüm wie bei ihrem verhängnißvollen gemeinschaftlichen Ausflug in die Prairie und sie war sicherlich niemals schöner gewesen, als in diesem Augenblick, wo sich aus ihren Gesichtszügen wohl Beschämung, Freude und Zärtlichkeit, doch nichts mehr von jenem spöitischen Hochmuth sehen ließ, der ihn früher sonst gekränkt und verletzt hatte.
„Fred! Lieber Fred! O, wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen!" rief sie, ihm mit ausgestreckten Händen entgegeneilend, und sie hätte sich gewiß ohne Weiteres an feine Brust geworfen, wenn er nur die Arme geöffnet hätte.
Fred Houston aber dachte nicht daran, etwas Derartiges zu thun. Die Qualen der letzten Tage hatten feine Liebe für dies verführerische Geschöpf ausgelöscht, wie wenn sich niemals etwas für sie in seinem Herzen geregt hätte. Trotz der holdseligen Hingebung, die jetzt auf ihrem Antlitz lag, sah er darauf nur den kalten, hämischen Ausdruck von früher, und in dem weichen, lockenden Klang ihrer Stimme glaubte er jenes spöttische, herzlose Lachen zu vernehmen, das ihn blind und toll hatte in sein Verderben rennen lassen.
Er wich um einen Schritt zurück und machte ihr eine Verbeugung, als hätte er die dargebotenen Hände nicht gesehen.
„Er ist eine große Ueberraschung, die mir da widerfährt," sagte er kalt, „aber ich hoffe, Miß Burnet, daß Sie sich nicht um meinetwillen hierher bemüht haben, denn ich fürchte, daß mir die Fähigkeit abgeht, dieses große Opfer seinem ganzen Werthe nach zu würdigen."
May ließ die Arme sinken und starrte ihn an, als zweifle sie noch, den Sinn seiner Worte richtig erfaßt zu haben. Das bezaubernde Lächeln verschwand von ihren Lippen und aus ihren Wangen wich die Farbe.
Ehe sie die. verblüffende Wirkung dieses unerwarteten Empfange« genugsam überwunden hatte, um ein Wort der Erwiderung zu finden, hatte Fred sich bereits von ihr abgewendet, denn jetzt erst war er inne geworden, daß May nicht allein gekommen sei, wie er im ersten Augenblick geglaubt hatte. Ihre Begleiter schienen sich nur geflissentlich zurückgehalten zu haben, da er ihrer nicht sogleich ansichtig geworden war.
Es waren Mister Burnet, der Jäger Anthony und Ellinor, die schüchtern hinter den beiden Männern geblieben war.
Fred aber sah von allen Anwesenden jetzt nur noch sie. Er ging auf sie zu und dar Glücksgefühl, das ihn beim An
blick ihres reizenden, blaffen Gesichtchens durchströmte, machte ihn für einen Moment all' seine peinigenden körperliche« Leiden vergeffen.
Unbekümmert darum, was die Anderen von solchem Beginnen denken mochten, erfaßte er ihre Hände, um sie wieder und wieder an seine Lippen zu drücken.
„Auch Sie sind gekommen, mich zu suchen, Ellinor, — auch Sie? — O, ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich darüber freue!"
Zuerst hatte sie wohl eine kleine, halb unwillkürliche Bewegung gemacht, als ob sie ihm schämig ihre Hände entziehe» wollte und eine dunkle Gluth hatte sich bis in die Schläfen hinauf über ihr zarte» Gesichtchen gebreitet; dann aber, als ihre schönen, seelenvollen Augen den seinigen begegnet waren, hatte sie sich gegen die stürmische Begrüßung nicht mehr ge- wehrt.
Und leise, wohl für keinen Andern verständlich al» für ihn, flüsterte sie ihm als Antwort zurück: „Es war hohe Zeit, daß Anthony Ihre Spur entdeckte, denn ich war nahe daran, vor Angst zu sterben. Nun, da wir Sie gefunden haben, nun zweifle ich nicht länger, daß auch mein geliebter Vater bald zu mir zurückkehren wird. Es darf ihm nicht» zugestoßen sein — Gott kann e» nicht zugegeben haben — ich könnte es ja nicht überleben."
Ein plötzlicher Gedanke, eine blitzartige Eingebung, di« Vorstellung einer grauenhaften Möglichkeit fuhr durch Fred Houstons Gehirn, so gräßlich und schmerzhaft, wie wenn man seinen Kopf mit einem spitzen Messer durchstochen hätte.
„Ihr Vater — er ist noch nicht zurück?" stammelte er. „Aber da ist ja Anthony, der ihn begleitet hat! Wie soll ich mir da» erklären?"
„Mein Vater schickte den Jäger gleich nach seiner Ankunst in San Felippe zu Mister Burnet zurück, weil er, wie er sagte, seiner nicht mehr bedurfte."
„Und seitdem — seitdem haben Sie nichts mehr von ihm gehört?"
„Nein — nichts, al» daß er sich nach einer Unterredung mit dem Obersten Austin aufgemacht hat, um da» für ihn bestimmte Land in Augenschein zu nehmen, bevor er e» kaufte."
„Und er ist allein von San Felippe fortgeritten — ohne Führung und Bedeckung?"
„Darüber konnte man uns eine bestimmte Auskunft nicht ertheilen. Aber, mein Gott, Mister Houston, was ist Ihnen? Ihre Hände sind plötzlich eiskalt geworden. Sie sind krank?"
„Nein — nein — ich bin nicht krank, nur noch ein wenig angegriffen von den ausgestandenen Strapazen. Und ich bitte Sie, sich nicht zu beunruhigen — ich meine, Ihres Vaters wegen. Ec ist ja ein erfahrener und vorsichtiger Mann, der sich schon Ihretwegen gewiß nicht muthwillig in eine Gefahr begeben hat, die er vermeiden konnte. Er wird sich wahrscheinlich in diesem Augenblick wieder auf Mister Burnets Pflanzung befinden "
„Glauben Sie das wirklich, Mister Houston? — Aber Ihr Gesicht ist so seltsam — Sie machen mir Angst."
Fred ließ ihre Hände los und zwang sich mit übermenschlicher Anstrengung zu einem Lächeln.
„Nein, Sie haben keine Ursache, sich zu ängstigen. Am Nachmittag reiten wir Alle nach der Pflanzung zurück, um Ihren Vater dort anzutreffen. Nur für diesen Augenblick — vielleicht für die nächsten beiden Stunden — müssen Sie mich noch entschuldigen. Ich habe hier ein dringendes Geschäft zu verrichten, das sich leider durchaus nicht aufschieben läßt."
Er hatte gehört, daß sich die Männer im Nebenzimmer zum Ausbruch rüsteten, und da er sich jetzt, nachdem der schreckliche Argwohn einmal in ihm aufgestiegen war, um jeden Preis Gewißheit verschaffen mußte, durfte er keinen Augenblick mehr verlieren.
Er gab dem erstaunten Mister Burnet einen Wink, ihm zu folgen und wandte sich, in den Speisesaal zurückkehrend, sogleich an den Alcalden.
„Lassen Sie meinen Mustang satteln! Dieser Gentleman und ich, wir müssen Sie zu dem Patriarchen begleiten."


