Ausgabe 
11.2.1896
 
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Korbe, über welchen eine Art Baldachin von blauem Stoff gespannt war, dann eine Dame auf einem Maulthier, em anderes mit Herrensattel lief ledig nebenher; eine dritte weib­liche Person, eine Dienerin wohl, folgte den Beiden.

Paula war in dem schmalen, von Hecken begrenzten Wege zur Seite getreten und ließ die ganze Gesellschaft an sich vorüber.

Ganz überrascht blickte sie der Reiterin nach. Welch' Ichöne Frau! Aber wie zornig sie aursahl Sie sprach mit gereizter, lauter Stimme in italienischer Sprache heftig auf Men sehr hageren, großen Herrn ein, der die Hand auf die Croupe ihres Reitthieres gelegt, mit der Haltung eines müden Mannes neben ihr schritt, das Gesicht ihr zugewendet und sichtlich bemüht, sie zu beruhigen.

lachtet ""^frieden die schöne Frau blickte, wie spöttisch sie

Jetzt mochte sie Paula gewahren.

Vielleicht wurde durch ihren Blick auch der Mann auf­merksam; er wandte den Kopf, er stutzte, starrte plötzlich regungslos und dann stieß er einen Ausruf aus, einen un- articulirten Schrei:Prulal Paula!"

Wie außer sich, stürzte er zu ihr hin, die ihn ansah, als ob sie ein Gespenst erblickte.

«Paula, bist Du es wirklich?"

Erich!" hauchte sie.

Und dann zog über sein Antlitz ein sonderbarer, schrecklich blaffer Schein, wie eine weiße Wolke anzusehen; jeder Bluts- tropfen wich aus seinem Gesicht.

Ganz verstummt standen sie vor einander, seine düsteren, aufgeregten Blicke suchten den Boden. Er schien sich in grenzenloser Verwirrung zu fragen, wie er dazu gekommen, diese Scene zu machen.

Auf einmal stürzten Thränen über Paulas Wangen.

Erich, wie hast Du Dich verändert!" hätte sie ge- rufen, wenn sie nicht schnell das Wort zurückgedrängt.Ist es Dein Kind?" fragte sie statt deffen.

Er verstand sofort ihren Gedanken.Meine arme Kleine, meine Pia!"

Und Du bist's also, der in dem Schlosse wohnen will?"

Und wie kommst Du hierher, Paula? Es ist doch nicht Dein Vater"

«Eric I Erica I" rief eine scharfe Stimme.

Jetzt sah Paula erst, daß Erichs Gattin zehn Schritt weiter ihr Thier angehalten und die Begegnung mit angesehen hatte.

Ihr Ton bezeugte genugsam, was sie davon dachte.

Sirena! Liebe Sirena! Eine es ist eine Paula, sei barmherzig darf ich Freundin sagen? eine Freundin, meine Sirena!" rief er, hoffend, seine Frau werde zurück­kommen, er könne ihr Paula entgegenfahren.

Ein Lachen war ihre Antwort, ein böses, beleidigendes Lachen. Sie setzte sich zurecht, sich dieFreundin" anzusehen, die ihr Gatte da so unverhofft fand. Ihre schwarzen, großen Augen glühten voll Hohn und Spott.

Ah, darum fort von Amalfi und hier herauf," rief sie ihm zu. Und dann:Komme sofort! Ich will sie nicht sehen!"

Er war zusammengezuckt, blickte Paula an und als er sah, daß sie verstand, knirschte er wild mit den Zähnen.

Geh', Erich, geh'!" stieß sie hervor. Ein Haß gegen das rohe, schöne Weib packte fie und auch gegen ihn mehr Zorn als Mitleid.

Um dieses Geschöpf, welches ihn so schonungslos ent­würdigte, hatte er ihr das ganze Leben zerstört!

Er küßte flüchtig ihre Hand, dann ging er, nein, er schleppte sich zu seinem Weibe und dieses empfing ihn mit Hohnlachen und bitteren Vorwürfen, die Paula nicht verstand, auch nicht hören wollte.

Stolz das Haupt erhoben, ging sie weiter; und bann, als sie scheu zurückblickend sich allein sah, sank sie am Wege auf einen Stein.

Das war Erich? Er sah sich kaum noch ähnlich, so mager, so verdüstert. Und er war hier, hier! Unglaublich! I

I Unmöglich! Aber sie hatte ja Alles erlebt, es war kein Traum. War es Gottes Fügung? Rächte der Himmel sie an ihm? O, dies Weib! Dies böse, teuflische Weib! Heinrich Tornegg nicht zu viel gesagt. So schön, so eigenartig schön!

Wie sah sie nur aus? Wie eine Bacchantin, wie ein böser Dämon. Und um die? Um diese Frau hatte er seine Ehre, sein Wort, sie - seine Braut dahin geopfert?

O mein Gott, mein Gott!"

Sie war wie außer sich, rang die Hände, wiegte sie hin und her wie in rasendem Schmerz, sprang wieder auf und lief vorwärts.

..Fort! Ich muß fort von hier, ich muß fort "

Eine ganz unbeschreibliche Aufregung ließ sie vollständig ihre Selbstbeherrschung verlieren. u

Erich, unglückseliger Mensch! W'e er gealtert ist, wie verkommen! Wo ist fein schönes Lächeln geblieben? So müde, w vergrämt und so willenlos. Ha, sie ist eine Geißel. Ihre Rohheit schlägt seiner Seele Striemen mit jedem Wort. Und das ihm, dem Stolzen, dem Selbstgewissen?

O, diese Frau, wie man sie gleich hassen muß!"

So kam sie nach Hause. Da lag der Vater auf der Matratze, die sie ihm jeden Morgen hinaus in den Schatten des Hauses tragen ließ.

Er schlief. Wie blaß und verfallen er aussah! Aber doch, wie ganz anders als Erich!

Der Unterschied war ihr sofort klar. Erich hatte die Selbstachtung verloren; ihres Vaters reiner, ehrenhafter Mannesstolz schnellte unter der ungerechten Behandlung kräftig empor.

Sie schlich an ihm vorüber.

Er durfte nichts wissen. - Richt? Dann konnte sie aber nicht fort.

Es lag ihr wie Blei in den Gliedern. So schleppte sie sich in das Haus, warf sich auf ihr Bett und ließ den Sturm in ihrer Seele toben.

Der Vater merkte auch nichts.

t!Z11 Er kam. ihr frischer vor. Nicht, daß er mehr gesprochen hätte als sonst, es lag vielleicht nur in seiner Gesichtsfarbe, in dem Blick.

! Sie aber vermochte doch nicht ganz zu schweigen. Viel- leicht dachte sie ihn langsam vorzubereiten.

Es sind Fremde gekommen in's Schloß! Jener Pro­fessor hat sie hierher gewiesen," sagte sie.

Dachte ich's doch!" rief er ärgerlich.Der Mensch wird ihnen seinen Rath so lange aufgedrängt haben, bis sie ihm den Willen thaten."

Sie haben ein krankes Kind, es ist dort unten in Amalsi zu heiß."

Warum gingen sie nicht nach Ravsllo?" schalt er.

Es ist theuer dort, Papa vielleicht

Heinrich hatte ihr ja erzählt, Erich habe von seinem Vermögen schon den größten Theil verbraucht.

Ra, die Signora Carducca läßt sich auch ganz gut be­zahlen!" brummte der Präsident.

Paula fand nicht den Muth, ihm zu sagen, wie sie doch gewollt:Vater, ich kann nicht länger hier bleiben, ich kann Erich nicht noch einmal begegnen."

Der Tag verging ihr in heimlicher Aufregung. Gegen Abend kam die Wirthin.Die Fremden wollen Thee trinken," sagte sie,haben aber nichts mitgebracht, was zum Leben gehört, nur lauter unnützen Tand, und die Baronesse, eins Italienerin aus Rom, Signorina, denken Sie nur, will bei uns armen Leuten leben wie im Grand Hotel in Neapel! Die den ganzen Tag ist sie zornig; mich dauert derPove- rino, ihr Gemahl, sie behandelt ihn schlechter als einen Diener. Und er sitzt und hält die Hand der kleinen Tochter und zählt jeden Athemzug. Ah, Madonna! Die Frauen in Rom müssen eine andere Art sein als die übrigen; ich würde mich schämen, meinem Tomaso so zu begegnen und er ist doch nur ein Bauer."

Aber, misericordia, sie vergaß ja beinahe den Thee!