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Vor ihr stiegen die erzürnten Gestchter ihrer Eltern, das entsetzliche Antlitz des Seminaristen auf und ste fühlte sich niedergeschmeltert von dem Bewußtsein ihrer Hilflosigkeit.

Nein, ich werde Sie nicht mehr belästigen," wiederholte Janek.Leben Sie wohl, Panna Binial Seien Sie glück­lich, Sie wenigstens!"

Und mit diesem Wunsche, der wie Sterbegeläute klang, entfernte er stch nach dem Dorfe zu, ohne ihr die Hand zu reichen, ohne sich noch einmal umzuwenden oder ihr einen letzten Blick zuzuwerfen.

Hans, Hans!" Sie streckte die Arme aus, sie klammerte sich krampfhaft schluchzend an die Zweige des Fliederbaumes und bückte sich weit über die Böschung, auf die Gefahr hin, herabzufallen; aber er war fort, fort, und so weit ihre Augen auf den Weg hinunterspähten, er war nicht mehr zu sehen.

Eine fürchterliche Leere entstand in ihrem Herzen. So war es denn also wirklich wahr, daß er gegangen, um nicht mehr wiederzukommen und ste hatte ihn gewissermaßen fort­getrieben, gerade jetzt, wo sie es erst ganz begriffen hatte, welchen ungeheuren Platz er in ihrem Leben einnahm. Was ste ihm da gesagt hatte, daß ste nicht mehr in den Wald kommen wollte, war doch gar nicht wahr, ebensowenig, daß ste ihn verachtete, wie er zu glauben schien. Aber das war die lautere Wahrheit, daß sie ihn liebte, liebte mit allen Kräften ihrer geknechteten, nach Liebe schmachtenden Seele.

Sie erhob sich und schritt durch den Garten, wie zu Eis verwandelt, mit starren Augen und dem Bewußtsein, daß die Erfüllung ihrer Pflicht ihr das Herz gebrochen habe.

Ein Fenster des Pfarrhauses stand offen und als sie näher kam, rief ihr die Mutter zu:Nun, kommst Du end­lich! Es ist doch unverantwortlich, so von acht Uhr Morgens an müßig umherzulaufen. Schnell an die Arbeit!"

Beim Eintritt in's Hau» fand ste dasselbe in vollem Aufruhr. In der Küche waren die Mägde mit den beiden Zwillingen beschäftigt, Eier zu schlagen, Mandeln zu schälen und Rofinen auszulesen. Im Salon stand Diotyma auf einer kleinen Leiter und reichte Sofronya, die mit mürrischem Ge- stchte behilflich war, die Bilder der polnischen Helden herab, während die russischen Czaren, welche aus ihrem Versteck hervorgeholt und sorgfältig auf dem Fußboden aufgestellt waren, geduldig den Augenblick erwarteten, wo die Reihe zu glänzen an ste gekommen sein würde.

Komm' her, Du faules Ding, stehst Du denn nicht, daß für Dich gearbeitet wird? Eine Stunde lang suche ich Dich schon im ganzen Hause! Weißt Du nicht, daß Harafim Piesek heute Abend kommt, weil er um Deine Hand anhalten will, ja anhalten! So ein unbegreifliches Glück! Und nun handelt es sich darum, fertig zu sein; er darf diese compromitttrenden Bilder hier nicht mehr finden, das könnte Alles verderben. Streck' die Hände aus und nimm mir gefälligst die Königin Wanda ab."

Ach Gott, ach Gott, erbarme Dich meiner," murmelte Binia, indem sie die treue Heldenkönigin in ihre Arme nahm, dis sich lieber selbst geopfert hatte, anstatt den Mann zu hei- rathen, den ste verachtete.

War es gestern, daß Hans der kleinen Popadia feine erste und einzige Stunde gegeben hatte?

Bei dem Gedanken daran konnte sie sich der Thränen, die auf dar Glas des Bilde« herabfloffen, nicht erwehren.

Das wird ja amüsant sein, wenn das Kunststück zwei­mal die Woche wiederholt werden muß," rief Sofronya übel gelaunt,und wie werden die Bilder leiden auf all' diesen Wanderungen! Nun, da bringe Deinen Nicolau«, den Un­vergeßlichen."

Gieb doch acht, kleines Gänschen; siehst Du denn nicht, daß Du ihn mir mit dem Kopf nach unten reichst? Das ist ja gegen allen Refpect. Geh' nur lieber und hole den nöthigen Honig und Mohn zu dem Kuchen. Binia wird wohl vernünftiger sein!"

X.

Noch am Abend desselben Tage« hielt ein Wagen vor dem Pfarrhause.

Thymoftäus eilte sogleich dem ersehnten Gast bi« auf die Treppe entgegen und hieß ihn tausendmal willkommen. Dann führte er ihn in sein Zimmer, wo er sich mit ihm einschloß; allerdings nicht so hermetisch, daß Sofronya und ihre Mutter, die gewöhnt waren, an den Thüren zu horchen, der Unterhaltung nicht hätte folgen können, wenn sie das Ohr geschickt an'« Schlüsselloch legten.

Nun, was sagen sie, mein Herzchen?" fragte die Mutter, die sich keuchend in einen großen Armstuhl geworfen hatte.

Ach, ich weiß nicht, Sie sprechen von ihrer Politik, von der Vereinigung mit der Orthodoxie, immer dieselbe Geschichte I Was er für eine Stimme hat, dieser Piesek, ste klingt, al» ob ste aus dem Killer herauskäme; er spricht von Nestoriur, von Sutyches, er nennt die Römischen Ketzer, weil ste zuerst die linke, dann die rechte Schulter berühren, wenn ste dar Kreuzes­zeichen machen und well ste stch den Bart rastren. O, wenn Vincenz ihn hörte, der würde ihn an den nächsten Baum am Wege aufhängen."

Ja, ja, mein Liebling, aber zur Sache; spricht er denn nicht von der Verlobung, hält er um ste an? Ach, da ist ja unsere Binia, komm' einmal her, einfältiges Ding; Du bist immer fort, wenn man Dich am nöthigsten braucht. Horch' doch auch, das geht Dich ja viel mehr an al» Deine Schwester. Du machst dabet ein Gesicht wie eine Nachteule, als ob Du vom Begräbntß kämst, während Du doch voller Freude fein solltest. Ich bin nie fröhlicher gewesen als an dem Tage, wo Dein Vater um mich warb. Die Männer haben die weinerlichen Gestchter nicht gern; steh' Deine Schwester an, die gefällt Jedem."

Mama, wenn Du immerfort sprichst, höre ich nichts," sagte Sofronya ärgerlich.

Binia hatte stch neben ste gestellt, aber ste versuchte ver­gebens zu lächeln, und der Sturm in ihrem Innern ließ ste kein Wort von dem verstehen, was in der Nebenstube ver­handelt wurde.

Endlich!" rief jetzt Sofronya.

Leifs, leise, sie werden Dich noch hören. Was reden ste denn?"

Nun, er sagt, es ist ihm einerlei, daß Binia keine Mit« gift bekommt."

Gut. .

Eine kleine Ausstattung, Kiffen und Decken, da» würde genügen."

Er spricht gar nicht von Bienenstöcken?"

Nein, nein, er sagt, er wäre nicht eigennützig, e« läge ihm hauptsächlich daran, in eine Familie zu heirathen, welche feine Ueberzeugungen theilte; er trete übrigen» nur au» Princip in den Ehestand, nicht aus irgend einem anderen Grunde und besonders um recht zu bestätigen, daß er ein griechischer und kein römischer Priester sei."

Redet denn der Vater nicht von Deinen Heirathrplänen und von den nöthigen Vorsichtsmaßregeln?"

»Ja, ja, gerade jetzt kommt er darauf. Ach, und mit was für Umschweifen und Beschönigungen. Er scheint nicht sehr zufrieden zu sein, der Piesek; Ihr solltet seine Miene sehen! Ich kann ihn gerade von hier au« beobachten, den Dummkopf mit dem gelben, mageren Gesicht. Nun, da« ist doch zu arg! Papa erzählt ihm, wenn er in meine Ver- heirathung eingewilligt habe, so sei das nur geschehen, um der orthodoxen Sache besser dienen zu können. Was für eine Lüge! Wenn man weiß, wie es sich in Wirklichkeit verhält! So, sagt er, wird man im polnischen Lager nicht mißtrauisch werden und ich werde im Stande sein, Euch ausgezeichnete Dienste zu leisten. Jetzt strahlt der einfältige Harastm vor Freude und merkt nicht, daß man ihn zum Besten hat. Ich glaube, sie stehen auf und Papa bittet ihn zum Abendessen."

Die beiden Frauen und nach ihnen die zitternde Binia begaben sich eilig in die Wohnstube, wo der Tisch gedeckt war. Die Thür zu Thymoftäus Studierzimmer öffnete stch und die Männer traten heraus.

(Fortsetzung folgt.)