466
darf der wohlthätige Schlaf gestört werden. Ich muß Sie deshalb bitten, Herr von Alting, Ihre Besuche aufzuschieben, bis die Krifis vorüber und von keiner Seite Gefahr mehr zu befürchten ist."
«Na ja, ich habe natürlich zu gehorchen und kann mich trollen!" rief Hans Justus lauter als nöthig war, indem er einen scherzenden Ton anzuschlagen versuchte. „Das wär' drüben in Amerika, zumal auf eigenem Grund und Boden, ganz unmöglich, Doetor! — Man würde Sie einfach fortjagen." : J „Mit dem Revolver oder mit der Peitsche?" fragte der Arzt ironisch. „Nun, wir befinden uns Gottlob in Deutschland," setzte er mit scharfer Betonung hinzu, „doch will und muß ich zur Ehre Ihrer Landsleute annehmen, daß Ihre Behauptung sich nur auf frühere Sclavenhalter und wilde Pankee's des westlichen Staatenbundes bezieht. Ich war zweimal drüben, habe den Norden und Süden Ihres Vaterlandes bereist, doch stets den nöthigen Respect am Krankenbette vor der ärztlichen Autorität gesehen."
„Nun, ich habe Gottlob nie einen Arzt gebraucht, ich hoffe auch ferner, von seiner Autorität verschont zu bleiben," erwiderte Hans Justus brüsk. „Heda, mein Pferd!" rief er dem in einiger Entfernung stehenden Förster gebieterisch zu, worauf der Jägerbursche, welcher es mittlerweile umhergeführt hatte, rasch damit herbeikam. Mit einem nachlässigen Gruß gegen Ellen und den Arzt sprang er in den Sattel und jagte, dem Pferde die Sporen einsetzend, im Galopp davon.
„Papa's Stella," sagte Ellen, blaß bis an die Lippen, „er wird auch dieses schöne Thier zu Schanden reiten."
Sie wandte sich rasch, wie erschreckt und trat in's Haus. Der Arzt blickte eine Weile nachdenklich vor sich hin, winkte dann den Förster zu sich und sprach leise: „Hören Sie, mein Lieber, dieser Herr von Alting gefällt mir ganz und gar nicht. Er spielt wohl im Schlöffe jetzt dem Gebieter?"
»Ja, Herr Doetor, die armen Dienstleute dort wiffen ein Klagelied davon zu singen."
„Würde Ihr Herr sich freuen, ihn zu sehen?"
Der Förster zuckte die Achseln.
„Es wäre wohl bester, wenn Sie diese Frage an die gnädige Baroneffe richten möchten, Herr Doctor!" erwiderte er fest.
„Gut, Herr Förster," sprach der Arzt, „lange wird es meine Zeit mir nicht mehr gestatten, hier zu bleiben. Ich muß Ihnen aber wiederholt den Befehl einschärfen, keinen Besuch zu dem Kranken zu lasten und vor Allen Dingen auch die Augen offen zu halten."
„Sie können sich auf mich verlaffen, Herr Doctor!" versetzte Erichsen mit finsterer Entschloffenheit.
Der Arzte nickte ihm zu und trat ins Haus.
„Sollte Ihr Herr Vater seinen Neffen doch gern einmal sehen wollen, Baroneffe?" fragte er Ellen, die am Krankenbette saß, mit leiser Stimme.
„Ich glaube diese Frage bestimmt verneinen zu können, Herr Doctor!" erwiderte sie ohne Zögern ebenso leise.
„Das habe ich mir gedacht, nachdem ich ihn gesehen, und deshalb befriedigt mich Ihre Antwort ganz besonders. Können wir uns auf unseren Heilgehülfen verlassen, oder —" der Arzt hielt plötzlich zögernd inne.
„Ich kenne Lund als einen etwas schwatzhaften, doch sonst sehr redlichen Mann."
„Das genügt mir nicht völlig," fuhr der Arzt nachdenklich fort, „Sie wissen wohl nicht, Baroneffe, ob er mit dem jungen Herrn von Alting bekannt ist? Doch was frage ich, er wird ja sein Barbier sein."
„Allerdings, auch hat er ihn verbunden, als sein Gewehr sich entladen und ihn verwundet hatte."
„Wann geschah doch das?"
„Am Abend vor jener unseligen Jagd, der Herr Neffs mußte ja deshalb zu Hause bleiben."
„Ja, ja, ich erinnere mich, der Notar erzählte mir davon. Noch eine Bitte, Baronesse, Sie wissen, daß ich während der Nacht abwechselnd mit Lund bei dem Kranken wache und das Einnehmen controllire. Tags über haben
Sie und der Barbier diese Function übernommen. Es wäre mir nun sehr lieb, wenn Sie sich dieser Pflicht allein unterzögen, meine gnädigste Baronesse!"
Sie sah ihn erschreckt an und neigte dann schweigend den Kopf.
Der Arzt beugte sich über den Kranken, dessen Antlitz wachsbleich erschien, der aber in diesem Augenblick sehr ruhig und gleichmäßig athmete.
„Wir müssen die Nacht abwarten," flüsterte er, sich wieder zu Ellen wendend, die ihn angstvoll forschend ansah, „wenn die Fieberhöhe, die in der letzten Nacht zu verzeichnen war, sich dann herabmindert, dürfen wir das Beste hoffen."
Ellen erhob sich zitternd und schritt an's Fenster, wohin ihr der Arzt geräuschlos folgte, da der Fußboden mit weichen Teppichen, die sie vom Schloß hatte kommen lassen, belegt worden war.
„Sie fürchten für die kommende Nacht bereits die Krisis, Herr Doctor?" fragte sie kaum hörbar.
„Nein, diese kann erst «ach drei Tagen eintreten. Doch fürchte ich eine Steigerung des Fiebers, der die Kräfte unseres Kranken nicht mehr gewachsen sein dürften. Haben Sie im Schloßkeller einen recht kräftigen Wein, Baronesse? Villeicht einen noch besseren, als den von dort gesandten Portwein?"
„Ich weiß, daß mein Vater noch einige Flaschen alter Jahrgänge ächten Johannisberger im Keller liegen hatte," erwiderte sie nachdenklich, „die er zu ganz besonderen Gelegenheiten aufsparen wollte. Da der junge Herr den Kellerschlüssel in Besitz haben wird, so fürchte ich —"
„Daß er sich das Beste schon herausgesucht hat," fiel der Arzt ironisch ein, „allerdings fürchte ich das auch, meine Gnädige, und doch muß ich Sie bitten, selber einmal nachzu- sehen, weil möglicherweise Leben oder Tod unseres Kranken davon abhängen könnte. Ein kleiner Jagdwagen steht ja hier für solche Zwecke zur Verfügung, weil der Herrn Baron noch lebt und deshalb unumschränkter Gebieter auf Altinghof ist also auch über den Weinkeller."
„34 fahre sofort, Herr Doctor!" erwiderte Ellen leise, „hoffentlich hat er den Winkel nicht gefunden, wo der Johannisberger liegt."
12. 6apitel.
Auf deutschem Boden.
Hans Justus hatte, als er nach seiner schmählichen Niederlage vor dem Forsthause in wilder Wuth das Pferd zum tollen Jagen spornte, bald die Befinnung wiedererlangt und das gemißhandelte Thier einer ruhigen Gangart über- laff en. Es mußte doch etwas Schönes sein um die überlegene Ruhe, durch welche Ebba Regina ihm so gewaltig imponirte.
Na, Stella, jetzt trage mich zu meinem Stern," sagte er, dem Pferde den Hals klopfend, mit einer unbewußt poetische» Anwandlung, über welche er selber in ein spöttisches Gelächter ausbrach.
Dann furchte fich seine Stirn, während er wilde Flüche vor fich hinmurmelte. Als er den Wald hinter sich hatte, zügelte er das Pferd und blickte unentschlossen nach rechts, wo der Weg nach Altinghof, und links nach Lindenhagen führte. — Stella bog in gewohnter Weise nach rechts.
„Nicht da," rief Hans Justus, „sagte ich Dir nicht zu meinem Stern? — Sei in Zukunft klüger und thue das Entgegengesetzte, wenn Du Deinen Willen haben möchtest."
Er stutzte bei seinen eigenen Worten und schüttelte dann zornig den Kopf.
„Man wird in diesem öden Lande sich selber zum Widerspruch," murmelte er, „ich werde am besten thnn, die Geschichte hier zu verkaufen, um mit Ebba Regina nach drüben zu gehen. — Ob sie damit einverstanden wäre? — Zum Henker, dort könnte sie ja erst recht die Lady spielen!"
Er bog nach links, und ritt im schnellsten Trabe die Landstraße entlang, die nach Lindenhagen führte. Seine Gedanken irrten hin und her und deshalb bemerkte er auch nicht die beiden Männer, welche raschen Schrittes auf einem erhöhten Seitenpfade an ihm varüberkamen. Der eine von


