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dem Tode unserer Mutter, und zwar auf Betrieb Deines Vüterr, in meine alten Rechte wieder eingesetzt worden, da meine Verzichtleistung ja nur im Himblick auf die auch sfr» väterliche Bedingung geschehen war.
Als mein Bruder sich sein Erbtheil auszahlen ließ, war die Sache entschieden. — Ich habe diese Auseinandersetzung für nöthig gehalten, um Deine Ansichten über diesen Punkt ei»Jär allemal klar zu stellen. Du siehst in mir den recht, mäßigen Besitzer von Altinghof, der keinem Menschen auf der Welt darüber Rechenschaft abzulegen hat, weder Tobten noch Lebenden. — Dies meine Antwort auf Deine seltsame Be. merkung. Wenn ich nun auch die moralische Ueberzeugung Deiner Blutsverwandtschaft mit mir aus Deinen Zügen schöpfte, setzte der alte Herr nach einer kleinen Pause hinzu, I® muß ich Dich doch, bevor wir zu einem festen Lebensplan für Dich übergehen, um Deinen Geburtsschein ersuchen, da mir als Gutsherrn die gerichtliche Verpflichtung obliegt, die Personalacten meiner Guts- Angehörigen zu registriren."
Hans Justus lachte in seiner unangenehm spöttischen Art, welche dem alten Herrn das Blut erregte.
Goddazn, tie6et Onkel," rief er, aufstehend und sich in seiner ganzen imposanten Höhe aufreckend, „solche Schnurren und Narrheiten können drüben in meinem Vaterlande nicht vorkommen. Man würde dort kurzen Prozeß mit Personal- Acten und ähnlichem Krimskram» machen. Aber ich denke, mit einem solchen Wisch dienen zu können, mein Vater gab ihn mir, bevor er starb. Meine Brieftasche, ja so, ich trage sie bei mir."
Er zog ein ziemlich defeetes, unsaubere» Buch au» der Brusttasche, setzte sich nieder und kramte in verschiedenen Papieren umher, während der alte Baron ihn stirnrunzelnd betrachtete und den Neffen nach seinem Aeußern, wie nach dieser unsauberen Brieftasche für einen verlotterten Abenteurer hielt, den er um jeden Preis wieder nach Amerika zurück, senden müsse. Nicht» konnte den alten an die peinlichste Ord. nung gewöhnten Offizier mehr beleidigen und erzürnen, als Unordnung und Unsauberkeit, sein Urtheil stand in solchem Falle gleich unumstößlich fest. w
»Aha, da ist der kostbare Wisch," sagte Hans Justus, dem Baron ein beschmutztes Papier hinreichend, „denke mir, daß es genügen wird."
Der alte Herr ergriff bas Papier zögernd und mit spitzen Fingern, war» denn möglich, daß sein eleganter Bruder einen solchen Sohn haben konnte? Oder war Hans Joachim schließlich in jenem nur halbcivilisirten Welttheil selber so tief gesunken? — Seine Augen hefteten sich auf den Inhalt des Papiers, das fich wirklich als ein in englischer Sprache ausgestellter Geburtsschein erwies, wonach der Sohn des ehemaligen König!, dänischen Marinelieutenants Hans Joachim von Alting und seiner Ehefrau Helene, geborenen Rössing au« Hamburg am 3. December 1861- in Newyork geboren und auf die Namen Hans Justus getauft war.
„Du erlaubst wohl, daß ich diesen Schein einstweilen in Verwahrung nehme," sagte der Baron, da» Papier zu«
M auf den Tisch legend, „einen Paß wirst Du doch auch haben.
_ jW®?! siK. den mußte ich schon auf dem Schiffe, ,bie deutsche Zwangsjacke angelegt wurde, vorzeigen. Da ist der Steckbrief."
. Der Paß, welcher ebenfalls beschmutzt war, bezeichnete den Besitzer nur al» Mr. Hans Justus Alting aus Jefferson, Missouri, und da die Personal-Beschreibung in allen Theilen jebtr Zweifel beseitigt, daß der junge Mann ein legitimer Neffe de» Barons war.
,.Du scheinst drüben in einer Sphäre gelebt zu haben, welche den äußeren Menschen nicht sonderlich beachtet hat", sagte der alte Herr, den Paß zu dem Geburtsschein legend, mit einem unterdrückten Seufzer. „Es gab eine Zeit, wo Dein Vater die äußerste Sauberkeit und Ordnung selbst für den gemeinen Soldaten, geschweige denn für einen Edelmann oder Gentleman als selbstverständlich voraussetzte, — weshalb hat er diese Ansicht bei seinem Sohne außer Acht gelassen?"
Das gebräunte Gesicht des Amerikaners färbte sich dunkelroth. w
„Sie scheinen mich wie einen Schulbuben behandeln und examiniren zu wollen, Siri" brauste er auf „wenn das deutsche Gastrecht darin besteht, dann bedauere ich, dem Be« fehl meines sterbenden Vaters nachgekommen zu sein."
„Ich bedauere es ebenfalls," erwiderte der Baron mit fester Stimme, „da unser kurzes Beisammensein mich bereits hinreichend darüber belehrt hat, wie unmöglich es für Dich sein wird, Dich unseren Lebensbedingungen, die als Gesetz hier gelten, anzupaffen, und daß demnach weder für Dich noch für mich Gutes daraus entsprießen kann. Ich dulde keine Unordnung und Unsauberkeit in meinem Bereiche, dulde keinen Faullenzer, welcher die kostbare Zeit mit unnützen Liebhabereien tobt schlägt —"
„Ah, die Sclavenpeitsche also mit Ausnahme der sonntäg. lichen Beterei," unterbrach Hans Justus ihn, brüsk und spöttisch lachend.
„Nein, Arbeit und Gottesfurcht, mein Freund, das Du Beides nicht gelernt zu haben scheinst," versetzte der Baron ruhig. „Ich will nichts Unmögliches von Dir verlangen, sondern vorerst nur den guten Willen sehen, da» zu lernen und nach und nach zu leisten, was ich mir selber auferlege. Du wirst alsdann noch Zeit genug für Dein Sportsthum behalten. Ich liebe ebensowenig Heuchelei wie Spötterei in religiösen Dingen, verlange aber Respect vor Allem, was dem Menschen heilig sein soll auf Erden, somit auch den Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes. Willst oder kannst Du Dich dieser Ordnung fügen, dann sei fortan mein Hausgenosse, erscheint sie Dir aber als Zwangsjacke, gut, dann sprich Dich offen aus, und ich will auch Dir, dem Sohne meines Bruders, ein Erbtheil geben, groß genug, um Dir drüben in Deinem Vaterlands eine ehrenhafte Existenz zu gründen. Ueberlege es Dir, Hans Justus, in vier Wochen wirst Du es einsrhen können, was für Dich das Beste ist. Bist Du damit ein. verstanden?"
Der junge Mann nickte und schlug in die dargebotene Hand des trefflichen alten Herrn, dem er nothgedrungen seine Anerkennung nicht versagen konnte.
„Ich denke," fuhr Baron Justus jetzt in etwas leichterer Stimmung fort, „den Jagdwagen anspannen zu lassen, und mit Dir nach dem zwei Stunden von hier entfernten Flecken, der hinter der Eisenbahn.Station liegt, zu fahren, um Deine Garderobe ein wenig aufzufrischen. Sie haben dort auch Läden mit fertigen Kleidern und wird sich wohl was Passendes für Dich finden. Du hättest Dich sollen in Hamburg neu equipiren."
„Wäre auch geschehen, wenn meine Börse er erlaubt hätte," erwiderte Hans Justus achselzuckend, „das Geld reichte leider nur noch für die Eifenbahn-Reise."
„So, so, na, da halte Dich nur parat für unsere Fahrt."
5. Capitel.
Der Sport».Held.
Drei Wochen waren seitdem verflossen. — Das urplötz» liche Erscheinen eines amerikanischen Neffen auf Altinghof hatte in der ganzen Gegend und weit darüber hinaus, be. sonders aber in den adeligen Kreisen ein ungeheueres Auf. sehen erregt. Alte, längstvergeffene Geschichten wurden wieder lebendig und der Name des „dänischen" Alting, wie man Hans Joachim genannt, war plötzlich wieder in Aller Munde.
Was damals, vor mehr als einem Vierteljahrhundert, den schönen Marinelieutenant zum Dienst. Austritt und zur Auswanderung veranlaßt hatte, wußte Niemand genau, nur soviel war darüber ruchbar geworden, daß eine Frau auch hier wie gewöhnlich im Spiel gewesen sei, natürlich ein wunderschönes Weib aus bürgerlichem Hause, das der dänische Alting entführt und geheirathet habe. Soweit war Frau Fama auf richtiger Fährte, das Uebrige blieb im Dunkel, da weder Baron Justus noch die Familie der schönen treu» losen Hamburgerin eine SUbe über den eigentlichen Zu-


