Ausgabe 
1.10.1896
 
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irgend eine Ungeschicklichkeit oder Sorglosigkeit?- fuhr Röm­hild erregt fort.

Von der Jagdgesellschaft hat's sicherlich Niemand ge- than, gnädiger Herr!" erwiderte der Förster im bestimmten Tone.Darüber können Sie sich beruhigen, was ich sozu­sagen wittere, ist ein Verdacht, der sich wohl bestätigen könnte, den ich aber nicht beweisen, folglich auch nicht aussprechen kann. Sie werden mir das zu Gute halten, gnädiger Herr!"

Gewiß, mein alter Freund, Gedanken sind zollfrei, so lange wir sie bei uns behalten. Auch ich würde solchen Verdacht haben', wenn nicht gewichtige Gründe dagegen sprächen. Wünschen wir nur, daß der Baron ein Testament gemacht und fremden Gelüsten einen Riegel vorgeschoben hat."

Ja, gnädiger Herr," seufzte der Förster,wünschen wir aber vor allen Dingen, daß mein guter Herr Rittmeister am Leben bleiben möge. Das aber schwöre ich," setzte er feierlich hinzu,daß ich nämlich die Spur des mörderischen Buben, der die Kugel abgeschoflen hat, unablässig verfolgen werde, bi» ich ihn überführt habe."

Herr von Römhild sah dem Alten, der in's Haus zurück- kehrte, mit großer Unruhe und Erregung nach. Wen konnte er nur meinen? Es war kein Zweifel, daß er einen Verdacht gefaßt hatte, der auf eine bestimmte Spur leitete.

Wenn ich nicht wüßte, daß der famose Hans Justus an einer Selbstverletzung daheim vor Anker läge," murmelte er, schwer athmend,dann wäre ich am Ende im Stande"

Er verstummte plötzlich, wie von einem neuen Gedanken erfaßt, der sein Gesicht aschfahl machte.

Zum Henker, so was habe ich ja nie gehabt," dachte er, sich gewaltsam zusammennshmend,ich glaube meiner Treu, ich werde nervös wie ein zimperliches Frauenzimmer."

Er ging mit heftigen Schritten in den Wald hinein, um das ungewohnte Gefühl erst abzuschütteln. Den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken, verfolgte er seinen Weg, von seinem großen Jagdhund begleitet, der die Ohren betrübt hängen ließ, al« theile er den Kummer seines Herrn. Plötz­lich aber richtete der Hund den Kopf äufmerksam empor und knurrte zornig, worauf er gegen ein Gebüsch anfuhr und es mit wüthendem Gekläff umkreiste.

Herr von Römhild wurde aufmerksam.

Was hast Du, alter Trump?" fragte er.Laß die Jagd nur sein, es ist für heut' zu Ende. Na, wer sind denn Sie?" setzte er mit gefalteter Stirn hinzu, als er eines Mannes in grober, doch anständiger Jägerjoppe gewahr wurde, der soeben hinter dem Gebüsch hervortrat und seinen dicken Stock zur Abwehr gegen den wüthend auf ihn eindringenden Hund benutzte.Hierher, Trump!"

Der Hund gehorchte knurrend.

Was haben Sie hier umherzulungern und zu suchen?" fuhr Herr von Römhild, den Fremden, der seine Jagdkappe abgezogen hatte, scharf musternd, in barschem Tone fort.

Um Verzeihung," erwiderte der Jäger, der kein anderer war al» Joe Eatton,ich stehe im Dienste des Mr. Melwig auf Linbenhagen und habe nur einen Auftrag für den jungen Sir auf Alttnghof."

Weshalb suchen Sie ihn hier und erkundigen sich nicht erst auf dem Schlöffe nach ihm?"

Ich hörte doch unterwegs von der großen Jagd," grinste Joe mit einer wahren Galgenmiene,wo konnte ich ihn denn anders suchen als hier?"

Sie scheinen auch aus Amerika zu stammen, wie Ihre Sprache verräth," bemerkte Römhild, ihn fest im Auge be­haltend.

Yes, Sir, bin Vollblut-Amerikaner - hab' aber viel mit Dutchmen verkehrt und ihre Sprache erlernt."

So sind Sie also mit dem jungen Herrn von Alting herübergekommen?" inquirirte der alte Edelmann weiter.

Dem braven Joe schien dieses Verhör nicht zu behagen, wie er überhaupt in diesem Augenblick eine solche Begegnung nicht erwartet haben mochte. Wenn nur der bissige Köter nicht gewesen wäre, der auch nicht die geringste Freundschaft für ihn zu empfinden schien, welche die Hunde ihm in der

Regel zu Theil werden ließen, was er mit Blick und Wort oft genug erprobt halte. Trump, der neben seinem Herr« kauerte, bewachte jede seiner Bewegungen, wobei e» dem frechen Gesellen sehr ungemüthlich wurde-

Mit dem jungen Sir herübergekommen?" wiederholte er nachlässig,nein, Sir, ich kam später, Mr- Melwig ist mein Herr Sie können mir nun wohl sagen, wo ich den jungen Gentleman finden kann?"

Ich Schlöffe seines Oheims," erwiderte Römhild lang­sam.Ein wunderlicher Zufall fürwahr, daß der junge Herr sich selbst verwundet und von der Jagd fernbleiben muß, während der alte Herr Baron hier im Walde angeschoffeu wird."

By Jove, das ist ein böser Zufall," rief Joe, eine be­trübte Miene aufsetzend,meinte, daß Beide gute Jäger sein müßten und calculire, daß fle ein Glas Wein oder Brandy zu viel getrunken haben. Steht's denn schlimm mit dem Gentleman?"

Der junge Herr hat's gut mit sich gemeint," versetzte Römhild,der alte Herr Baron aber scheint mehr weggekriegt zu haben."

Na, zum Tode wird'» nicht sein," meinte Eatjon lauernd, ein kleiner Streifschuß heilt bald. Ich calculire"

Daß er durchkommt," fiel Herr von Römhild, sich dem Forsthause wieder zuwendend, ruhig ein,ja, das hoffe auch ich und mit mir wünscht es ein jeder seiner Freunde und Untergebenen in der ganzen Runde."

Er schritt zurück, von Truwp, der dem Gegner die fletschenden Zähne zeigte, knurrend gefolgt.

Der alte Edelmann, der über diese Begegnung nach- grübelte, hielt es nicht sür rathsam, seinen schrecklichen Ver- dacht, den der Förster erregt und der durch den so unerwartet im Walde aufgetauchten fremden Amerikaner neue Nahrung erhalten hatte, irgend einem seiner vielen Freunde mitzuthelle«. Man würde ihn auslachen, ihm vielleicht gar einen Spitz­namen beilegen. Nein, das ging nicht. Erichsen war so wie so von vornherein überzeugt, daß die Kugel in der Flinte, welche die durch ihn übergebene Zahl vervollständigte, ein Thatbeweis war, der jeden Glauben an eine Selbstverletzung ausschloß. Diese Gewißheit folterte den einfachen Landedel­mann wie ein Verbrechen, bis ihm plötzlich wie eine Er­leuchtung der Gedanke an den Notar -kam. Dieser Jurist, der das volle Vertrauen, ja, sogar die Freundschaft des alten Barons von Alting in einem hohen Grade befeffen hatte, konnte am besten das Für und Wider der entsetzlichen Ver­dachtes, dem der Förster einen festen Untergrund gegeben hatte, beurtheilen.

Der Notar war aber noch nicht wieder zurückgekehrt, weil er auf der Station hatte bleiben müssen, um den Arzt im Wagen mitzubringen. Es hatte sich. glücklich getroffen, daß dieser sogleich nach Empfang des Telegramm« einen zur Abfahrt bereitstehenden Zug hatte benutzen können und so­mit früher eintraf, als zu erwarten war.

Die Herren, welche ohne das ärztliche Resultat nicht heimkehren wollten, athmeten auf, al» der Erwartete mit dem Notar erschien. Es mochte sicherlich die höchste Zeit sein, da der Verwundete noch nicht zum Bewußtsein, ja, nicht einmal zu der leisesten Lebenr-Aeußerung gelangt war.

Als die geschickt geführte Sonde des Arztes die Kugel herauszog, zuckte der Baron unmerklich zusammen. Dann wurde der Verband angelegt und der Verwundete in's Be­wußtsein zurückgebracht. Doch war sein Blick wirr und trübe, kein verständnißvoller Strahl für seine Umgebung darin zu finden.

Haben wir Hoffnung?" fragte Ellen mit zitternden Lippen-

Danken wir Gott, daß noch Leben vorhanden ist, Baronesse!" erwiderte der Arzt sehr ernst.

Sie werden doch nicht wieder abreisen, Herr Doctor?" Nein, ich habe bereits auf der Station ein Telegramm nach F. gesandt, um mein Hierbletben zu melden, da meine Gegenwart hier dringend nothwendig ist."