zwei Jahren so unglücklich gemacht hat, schuld ist," fuhr sie fort, und ihre Lippen zitterten mehr vor Erregung als Be- trübniß.
Cora trat stolz näher, als sie diese Worte vernahm.
„Beruhigen Sie sich," sprach sie mit vornehmer Miene, „ich werde Ihren Pfad nicht kreuzen, noch Sie irgendwie belästigen, es sei denn, daß ein widerwärtiges Geschick mich gegen meinen Willen dazu zwänge. Ich für meinen Theil bin jedenfalls zufrieden, daß ich und Ihr Gemahl getrennt wurden, bevor unsere Wege so weit auseinandergingen. Ich hätte mich als Eindringling nie glücklich sühlen können in einer Stellung, in die ich nicht durch meine Geburt paßte."
Und ruhig wandte sie sich zum Gehen, als Graf Treville sie zurückhielt.
„Halt, junge Damel" sagte er gebieterisch. „Ich habe wenigstens einiges Recht, Sie als den Schützling und das adoptirte Mündel sowohl meines Sohnes wie meines verstorbenen Bruders zu beschützen- Sie dürfen nicht wieder schutzlos und allein hinausgehen in die weite Welt."
Cora wich vor der Berührung mit des Grafen ausgestreckter Hand zurück.
„Verzeihen Sie mir, Mylord .... ich bin überzeugt, daß Sie es gütig mit ulir meinen, aber es gibt Wunden» die nur durch Einsamkeit und Freiheit geheilt werden können. Wenn Sie mir Unrecht gethan haben, so gewähren Sie mir meine Bitte als beste Entschädigung dafür."
„Aber wohin, zu wem wollen Sie gehen?" fragte der Graf besorgt.
„Ich weiß es nicht, es ist mir auch gleich, wenn ich nur Ruhe finde," erwiderte sie ungeduldig. „Jeder, der mir Freund zu sein schien, ist für mich zur Ursache großen Kummers geworben. Besser offene Feinde, als falsche Freunde."
„Wenigstens müssen Sie die Mittel von mir annehmen, Ihre eigenen Pläne und Absichten durchführen zu können, Miß Cora," bat der Graf. „Nach all' dem Kummer und Schmerz, den Sie erlitten haben, bin ich Ihnen das schuldig."
„Ich nehme nichts an. Ich brauche nichts, als die Anerkennung Ihrer Ungerechtigkeit und meiner Unschuld, Mylord," versetzte sie ruhig. „Alles Andere ist bald vergessen, wenn ich wirklich noch anders Wünsche in diesem Leben haben sollte, als nach Ruhe."
„Und gibt es nichts, gar nichts, womit ich Ihnen beistehen könnte?" entgegnete der Graf bittend. „Glauben Sie mir, meine Sorge um Sie ist aufrichtig ... ich würde viel darum geben, wenn ich Vergangenes ungeschehen machen könnte," setzte er leiser hinzu.
Sie schwieg einige Augenblicke, als wolle sie ihre Gedanken sammeln. Dann bedeckten sich ihre Wangen mit einer tiefen Röths und mit halb ängstlichem, halb hoffnungsvollem Ausdruck hob sie dis Augen bittend zu dem Grafen auf.
„Ja, es gibt etwas," sagte sie zögernd, „das Einzige, um das ich Sie bitten möchte. Es ist eine Gunst, die jede Ungerechtigkeit und jeden Kummer verwischen, die mich sogar zu Ihrer Schuldnerin machen würde, Graf Treville."
„Und was ist das? Was ist das?" fragte er.
„Ich möchte für Jemand, der viel gelitten hat, um Verzeihung und um Ihren mächtigen Einfluß für feine Begnadigung bitten," sagte sie. „Für Jemand, der tief bereut hat . . . der, wie ich glaube, ja, wie ich weiß, nicht so schuldig ist, als es wohl scheinen mag ... für Lord Belford, Mylord."
Auf des Grafen Gesicht blitzte es zornig auf.
„Sie wissen nicht, was Sie verlangen," sagte er. „Ist es recht, den Verzicht auf die Vergeltung für des Bruders Blut zu fordern?"
W „Es ist wohl richtig, Mylord, in so froher Stunde, wie esWe jetzige sein sollte, Gerechtigkeit und sogar Erbarmen zu üben," entgegnete sie mit einem Blick auf Rupert. „Den größten Verbrechern wirb verziehen, wenn einem Herrscher besonberes Glück zustößt. Unb ich wiederhole Ihnen aus vollem Herzen, baß bei ber unglücklichen Affaire mehr gegen Lord Belfort gesündigt wurde, als er gegen Andere sündigte.
Sie können die Tobten nicht wieder lebendig machen. Wohl aber können Sie den Lebenden Ruhe und Frieden geben."
Graf Treville war unschlüssig, aber seine Schwester trat zwischen» dis junge Fürsprecherin und ihren Bruder.
„Das ist Alles recht klar, Miß Cora," sagte Lady Emily, „aber ich glaube, ich kann für das Alles, was die junge Dame sagt, einen besseren Grund finden. Sie wünscht Lady Belfort zu werden und hofft sich dadurch, daß sie den Lord rettet, eine solche Stellung zu erringen."
„Ist das wahr? Wäre es möglich, daß Sie so selbstsüchtig sind, Cora?" rief Rupert halb unbewußt, während Graf Trevilles Stirn sich bei den Worten feiner Schwester umwölkte.
„Ich wiederhole dis Frage: Ich möchts wissen, ob es möglich ist, daß Sie bei Ihrer Jugend und Schönheit so falsch sein können?" sprach er ernst. „Bedenken Sie wohl mit der Zeit wird sich die Wahrheit zeigen, so sehr Sie auch jetzt bemüht sein mögen, sie zu verbergen."
„Wenn es für mich selbst wäre, würde ich mich nicht zu einer Antwort herablassen," sprach Cora stolz, „aber wo es sich um ein Menschenleben handelt, ist es nicht an der Zeit, sich gekränkt zu fühlen. Genügt es, wenn ich erkläre, daß ich weder Lord Belfort noch irgend einen Anderen, den ich kenne, heirathen werde, so lange ich ein unbekanntes, namenloses Findelkind bin? Ich könnte keinen Schatten auf einen edlen Namen werfen, Graf Treville. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich mir auf Ihre Kosten einen Titel erkaufe."
„Edles Mädchen!" zitterte es von d5s Grafe» Lippen.
Vielleicht fühlte er in diesem Augenblicks, wie viel er sich durch seine Schnelligkeit verscherzt hatte! Wie glücklich hätte Rupert sein können . . . welch'eine Tochter hätte seine letzten Jahre erheitern können! 6
Aber er gab seinen Gedanken keine Worte. Er blieb einige Momente stumm und sogar Lady Emily wagte nicht, die Stille zu unterbrechen.
Endlich kam die Entscheidung in scharfem, Harem Kone von des Grafen Lippen.
„Dis Siebe und Barmherzigkeit sollen siegen. Ich will jeden Versuch, meines Bruders Tob zu rächen, aufgeben und es soll bann Lord Belfort leicht werben, die Erlaubniß zur straflosen Rückkehr zu erlangen."
LXIII.
Tiefes Schweigen herrschte in der kleinen Capelle, nachdem die Hauptpersonen bei der soeben stattgefundenen Scene sie verlassen hatten.
Frau Falkner war die Erste, die wieder sprach.
„Du thätest besser, mit uns in Deine alte Heimath zurückzukehren, Cora," sagte sie höhnisch. „Es scheint nicht, als ob sich sonst Jemand nach Deiner Gesellschaft sehnte und obwohl Adele und ich allerdings sehr einfache Leute sind, die tief unter der Gesellschaft stehen, in welcher Du Dich, seit Du uns verlassen, bewegt hast, so ist es doch wohl anständiger für Dich, als daß Du jungen Herren nachläufst, dis sich nichts aus Dir machen."
Coras erster Gedanke war, dieses höhnische Anerbieten verächtlich zurückzuweisen, aber dann stieg ein zweiter Gedanke in ihr auf.
„Wissen Sie, was er — ich meine Lord Rupert — mit dem Flüchtigen, Lord Belfort, anfing, nachdem er ihn in seine Obhut genommen hatte?" fragte sie.
„Wenn ich bas nun wüßte? Glaubst Du, ich würde Dich in bas Geheimniß einweihen unb Dich unterstützen in Deiner Liebschaft mit bem jungen Grafen?" lautete Frau Falkners bittere Antwort.
„Ich wisberhols Ihnen bas Gelübde, das ich soeben that: Ich würde nie Lord Belfort heirathen, ohne ihm an Rang unb Reichthum gleichzustehen. Wenn ich nur Gelegenheit hätte, ihm seinen Rang, seine Sicherheit unb Ehre wiederzugeben unb ihm bann für immer Lebewohl zu sagen."
„Lord Belfort wirb auch keine Lust haben, Dich zu hei


