Ausgabe 
24.9.1895
 
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daß ich Dich noch einmal sah sei glücklich mein guter Arthur." Und dann dann war's vorbei."

Bewegt hielt der Baumeister inne.

Hertha Steuer beugte ihr Haupt und Thränen fielen auf ihr Gesangbuch, auf dem die goldenen Worte standen: Sei getreu bis in den Tod.

Nach einer Weile fuhr Heyd ruhig fort:Bald betteten wir ste in kühler Erde, sie, die ich über Alles liebte. Vater, Mutter und Geschwister hatte ich nie kennen gelernt und all' die Liebe, deren mein verwaistes Herz fähig war, die brachte ich ihr. Sie, die mir entgegenfahren wollte, weil sie glaubte, mir fei ein Unglück zugestoßen. Sie ließ anspannen und der zuverlässigste Diener seines Herrn, der alte John, fuhr wie rasend durch die dunkle Nacht. Und obschon der alte Kutscher den Weg genau kannte, den er unzählige Male zurück­gelegt, schleuderte doch der Wagen gegen einen Baumstumpen und schlug um. Weit hinaus flog ste aus dem Wagen und schwer verletzt blieb ste liegen. Mit vieler Mühe wurde ste dann nach Hause gebracht, um flch von ihrem Schmerzenslager nie wieder zu erheben.

Oed und leer war nun die Farm. Tage vergingen, an welchen ihr Vater und ich kein Wort sprachen.

Endlich hielt es mich nicht länger und ich wäre um alle Schätze der Welt nicht mehr dort geblieben- Ich nahm Ab­schied von dem lieben, braven Mann und von meinem lieben, theuren Grabe, um zurückzukehren nach meinem Vaterlande.

Ich erhielt dann Anstellung an der Eisenbahn in einer Beschäftigung, der ich mich von Hause aus gewidmet hatte.

Ja, Fräulein Steuer, wenn des Menschen Herz zu viel gelitten, dann tritt eine Zeit der Theilnahmslosigkett ein und dennoch mußte ich den ganzen Schmerz noch einmal fühlen es war an jenem Abend, als Sie von Ihrer Tante kamen- Als ich Sie, Fräulein Steuer, erblickte, da ging es mir durch und durch und ich fühlte meine Kräfte schwinden, denn Sie besitzen mit der Dahingeschiedenen eine Aehnlichkeit, wie sie wohl einzig dasteht, und hätte ich nicht an ihrem Grabe ge­standen, ich hätte es nun und nimmermehr geglaubt. Nur den einen Wunsch trug ich in meinem Herzen: Ihnen nie mehr im Leben zu begegnen. Unermüdlich stürzte ich mich in die Arbeit, nm zu vergessen, und bald darauf mußte ich Sie wiedersehen. Tag und Nacht habe ich dann gearbeitet und fühlte keine Müdigkeit. Dann sah ich eines Tages die Knaben im Wasser; ich dachte an deren Eltern und ohne Furcht für mein Leben wollte ich sie retten. Wie gern wäre ich damals geblieben, denn was hatte ich zu verlieren und die Welt hätte mich nicht vermißt. Aber es war anders bestimmt! Als ich, kaum genesen, die Augen öffnete, da sah ich Sie und immer wieder Sie. Ich habe eingesehen, daß all' mein Mühen vergebens war, daß der Mensch nicht so kann, wie er will. Ich habe eingesehen, daß all' unsere Schicksalssäden droben zusammenkommen in der Hand des Allmächtigen. Und wohl dem Menschen, der bei Zeiten einsieht, daß geschehene Dinge sich nicht ändern lassen, der bei Zeiten in andere Bahnen lenkt, ehe es zu spät ist, ehe ihm das Herz bricht; denn so klein das Menschenherz auch ist, so ist es doch gewissermaßen sein Steuer. Muthig umschifft der Seemann die gefahrvollsten Stellen im Meere, wenn das Steuer in Ordnung ist; aber wehe dem Menschen, der mit gebrochenem Steuer durch's Da­sein segeln will. Er wird auf den Wogen des Lebens hin- und hergeworfen, dis er untergeht oder an ein Felsenriff ge­schleudert wird und zerschellt.

Trachten wir darnach, daß wir siegreich aus solchem Kampf hervorgehen und denken wir daran: Es ist doch Alles in dieser Welt ein Uebergang. Doch wir müssen durch. Sorgen wir nur dasür, daß wir mit jedem Tage reifer und besser werden."

Eine kurze Stille trat ein-

Nun, Fräulein Steuer, nun bin ich an der bewußten Stelle im Buche angelangt." Und er blickte in Herthas thränenumflorte Augen.Was nun noch kommt, das dürfte Ihnen so ziemlich bekannt sein; es folgen noch einige un­beschriebene Blätter in diesem Buche, doch was darauf stehen

wird? Und ob sie überhaupt beschrieben werden! Das weiß nur Gott allein!"

Hertha reichte ihm die Hand.

Ich danke Ihnen, Herr Baumeister, mit aller Kraft meines Herzens für das Vertrauen, das Sie mir geschenkt. Ich habe mich stark geglaubt und bin nun so ergriffen, daß ich für so ein edles Gemüth kein tröstendes Wort mehr finde!"

Beide standen auf.

Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand, Fräulein, daß Sie nie darüber sprechen werden, womit ich Ihnen gegenüber mein Herz erleichtert. Ich glaube, Sie hätten es ohnehin auch nicht gethan."

Nie hätte Jemand von mir davon erfahren, es soll eine Erinnerung fein, die meinem Herzen theuer ist," entgegnete Fräulein Steuer.

Heyd drückte ihre Hand-

Am nächsten Mittwoch kann ich leider nicht bei Ihnen sein, denn ich bin auf acht Tage nach Dirschau befohlen und reise heute Abend noch ab. Grüßen Sie mir, bitte, Ihren guten Herrn Vater vielmals und möge es Ihnen auch in­zwischen recht wohl ergehen. Adieu, adieu, auf Wiedersehen."

Von Lindenheim herauf ertönte bald Clavierspiel:

Harre, meine Seele, Harre des Herrn; Alles ihm befehle, Hilst er doch so gern."

Feierlich tönte es hinaus in den stillen Wald, aber man hörte keinen Gesang.

Zwölftes Capitel.

Der Jngeneur Hellmuth kam von einer Segelpartie; er war in Heubude und hatte fein Boot wieder nach Neufahr­wasser gebracht, wo es vor Anker lag.

Es war Sonntag und gegen Mittag, als er in seine Wohnung trat. Auf seinem Schreibtische fand er einen Brief, den er hastig öffnete- Sein Gestcht verklärte sich; von Zeile zu Zeile wurde er vergnügter, endlich sprang er auf vor Freude, wie vielleicht ein armer Teufel, dem urplötzlich 1000 Thaler in den Schooß fallen und der 100 Mark nie sein Eigen nannte.

Mit dem Briefe in der erhobenen Hand durchlief er sein Zimmer, das ihm heute zu klein war; dann drehte er sich ein paar Mal um seine eigene Achse und war so gestimmt, daß er wieder einmal die ganze Welt umarmen mochte.

Trude, meine gute, wilde Trude," rief er und küßte den Brief, den er vergnügt in der Luft schwenkte.Gertrud, ich kenne mich gar nicht wieder, so ausgelassen bin ich heute, so glücklich hast Du mich gemacht."

Und zum dritten Male las er den Brief:

Heute Nachmittag ist der Papa angekommen und über­morgen Vormittag 10 Uhr werde ich Dich erwarten, mein lieber guter Karl. Sieh' nur zu, daß Du ungesehen an der Mauer entlang kommst. An der Pforte, wo der Flieder­strauch steht, dort werde ich Dich erwarten. Der Papa wird schon Ja sagen. Ach, mein guter Karl, ich bin so unendlich glücklich. Heute Morgen habe ich Deine Blumen geküßt. Nimm tausend Grüße und Küsse von Deiner treuen Gertrud oder auch Deiner wilden Trude, wie Du willst."

Hellmuth stand auf.Also morgen! Um zehn Uhr an der Mauer entlang, an der Pforte, wo der Fliederstrauch steht," sagte er sinnend.Aha, ich weiß schon, wird gemacht." Und er zählte an den Fingern:Also Mauer, Pforte, Flieder­strauch" und sang dann in seinem Uebermuth:

Mauer, Pforte, Fliederstrauch, Jumheidi, jumheida, Mauer, Pforte, Fliederstrauch, Jumheidi, heida.

Morgen frag' ich den Papa Und wie steh' ich dann wohl da?"

Dann drückte er sechsmal auf die Glocke und rief gleich­zeitig:Frau Müller, Frau Müller!"

(Fortsetzung folgt.)