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gewissen Tage durfte ich voNjJhren Lippen Worte vernehmen, die sich kaum in Einklang bringen lassen mit dem, war ich soeben hören mußte."
Maud hatte das dunkle Köpfchen gesenkt und es kostete sie ersichtlich große Ueberwindung, ihm zu erwidern: „Ich weiß wohl, welchen Tag und welche Worte Sie meinen, aber es ist nicht großmüthig, daß Sie mich jetzt noch, trotz meiner Erklärung, daran erinnern."
„Nicht großmüthig? Aber so bedenken Sie doch um des Himmels willen, Maud, was für eine Art von Großmuth es ist, dis Sie von mir verlangen. Ich sollte es nicht aus. sprechen, daß ich Sie liebe; doch auch, wenn ich diesem harten Befehl gehorsam geblieben wäre, würden Sie gewußt haben, daß es so ist. Ich liebe Sie und es gibt für mich keinen anderen Wunsch mehr, als das sehnsüchtige Verlangen, Sie «ein eigen zu nennen. Hätten Sie mir an dem ersten Tage, on dem Sie dies erriethen, gesagt, meine Hoffnung sei nichts, als eine vermessene Thorheit, so würde ich mich schweigend beschieden haben und es wäre mir vielleicht gelungen, den schweren Schlag zu verwinden. Jetzt aber stehe ich vor Ihrem grausamen Nein wie vor etwas Unfaßbarem, etwas Unmöglichem, das mich um den Verstand bringen würde, wenn ich es als unabänderlich hinnehmen müßte. Denn Sie selbst haben mir die Gewißheit gegeben, daß es nicht immer Ihre Absicht war, mich zurückzuweisen. Dürfen Sie es da einen Mangel an Großmuth nennen, wenn ich Sie an Ihre Ver- hetßung mahne und wenn ich in der Erinnerung an Ihre eigenen Worte die Hoffnung noch nicht aufgeben kann, Sie dennoch zu gewinnen?"
„So nöthigen Sie mich denn, Ihnen Alles zu sagen. Ich hoffte, dieser schrecklichen Nothwendigkeit zu entgehen; aber ich sehe nun wohl ein, daß ich Ihnen ein Recht gegeben habe, volle Aufklärung zu fordern für den scheinbaren Wider, spruch in meinem Benehmen. Ja, ich habe Ihnen bei der Heimkehr von jenem entsetzlichen Ausfluge nach Asakusa auf Ihre Fragen eine Antwort gegeben, die sich vielleicht als eine halbe Zusage deuten ließ. Aber damals stand ich so ganz unter dem Eindruck des furchtbaren Ereignisses — es stürmte so Vieles auf mich ein, was ich Ihnen nicht erzählen und schildern kann, daß ich kaum noch wußte, was ich sprach. Ihre heldenmüthige That hatte mich zur Bewunderung hingerissen, und ich denke davon heute wahrlich nicht geringer, al» an jenem unglückseligen Tage. Aber auch damals — verzeihen Sie mir, doch es muß ja gesagt werden, — auch damals war es nicht Liebe, was ich für Sie empfand. Und mit tödtlichem Schreck erkannte ich zu spät die Bedeutung meiner unbedachten Worte."
In Thomas Ellis hagerem Gesicht zuckte es eigenthüm- lich; aber er bewahrte noch immer die erstaunliche Selbstbeherrschung, die er seit dem Beginn dieser Unterredung bewiesen hatte.
„Das ist eine Erklärung, auf die mir allerding« nichts mehr zu erwidern bleibt," sagte er in einem Ton, dessen schmerzliche Resignation etwas Rührende» hatte. „Rur die Frage noch werden Sie mir gestatten müssen, Fräulein Maud, weshalb Sie den Jrrthum, den Sie doch sofort erkannt hatten, nicht gleich am nächsten Tage berichtigten. Es hätte Ihnen an Gelegenheit dazu nicht gefehlt, denn ich war, dank der Liebenswürdigkeit Ihrer Verwandten, ein täglicher Gast dieses Hauses und Sie mußten es mir ja ansehen, wie glücklich mich d»e Hoffnung machte, Sie dereinst zu besitzen."
„Ach, das ist es ja — das Schreckliche!" rief sie, nur mühsam noch gegen die heiß emporsteigenden Thränen kämpfend. „Ich war ja nicht die Herrin meiner selbst — ich I stand unter einem Zwange, gegen den ich mich im Bewußtsein meiner Schwäche und Verlassenheit nicht aufzulehnen wagte."
„Wie? — Unter einem Zwange?" fragte er mit gut gespieltem Erstaunen. „Ich muß doch wohl nicht annehmen, daß Ihr Onkel
, »Ja, ja! Mögen Sie mich meinetwegen an ihn verrathen — jetzt, wo ich entschlossen bin, mich gegen seine Tyrannei zu empören, muß ich ja ohnehin darauf gefaßt sein, daß sich '
das ganze Unwetter feine» Zornes über mich entladet. Er wollte mich zwingen, Ihren Antrag anzunehmen und meine arme kranke Mutter hatte nicht den Muth, ihm zu wider- stehen, als er uns drohte, im Fall meiner Weigerung feine Hand für immer von uns zurückjuziehen- Denn wir sind arm, Herr Ellis, bettelarm und ohne meines Onkel» groß« müthige Unterstützung müßte ich durch die Arbeit meiner Hände das tägliche Brod für meine Mutter und mich erwerben. Ach, ich würde es ja gern thun — o, so gern, wenn ich mir damit meine Freiheit erarbeiten könnte. Meine Mutter aber kann den Gedanken nicht fassen — er scheint ihr schlimmer al» der Tod. Und was meines Onkels Befehle und Drohungen nicht über mich vermochten, dazu zwangen mich ihre Bitten und Thränen."
Ein Schluchzen erschütterte ihren zarten Körper und sie I drückte das Taschentuch an die Augen. So konnte sie nicht sehen, wie triumphirend es für einen Moment in Thomas Ellis Gesicht aufleuchtete und ein wie unangenehmes, selbstzufriedenes Lächeln um feine Lippen huschte. Es war ein seltsamer Gegensatz zwischen dieser unwillkürlichen Aeußerung seiner wahren Stimmung und dem milden, wehmüthigen Ton, in dem er ihr nach einem kleinen Schweigen Antwort gab.
„Ihre Mittheilungen überraschen mich auf das Schmerzlichste, Fräulein Maud, und ich brauche Ihnen hoffentlich nicht erst zu versichern, daß ich keinen Anthetl habe an dem Ver- halten des Herrn Consuls. Ich mißbillige es auf da« Eit- fchiedenste und ich würde ihm das nicht verhehlen, wenn ich nicht fürchten müßte, Ihre Situation in diesem Hause dadurch nur zu verschlimmern. Es ist der Vorschlag eines aufrichtigen Freundes und in Ihrem eigenen Interesse, mein theuerster Fräulein, hoffe ich, daß Sie ihn annehmen werden."
Der ungewöhnlich sanfte und gütige Klang seiner Stimme erfüllte das Herz des jungen Mädchens mit einem Vertrauen, das sie bisher diesem kalten, verschlossenen Manne gegenüber niemals hatte fassen können. Sie ließ die Hand von den Augen sinken und sah ihn zaghaft an.
„Wenn ich jetzt plötzlich fortbliebe," sprach Thomas Elli- weiter, „wie es nach Ihrer vorigen Erklärung ja eigentlich selbstverständlich wäre — und wenn ich Sie dadurch zwäng« Ihrem Onkel von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung Kenntniß zu geben, so würden daraus nicht nur Ihnen selbst, sondern auch Ihrer verehrten Frau Mutter möglicherweise die peinlichsten Unannehmlichkeiten erwachsen und ich würde vollkommen machtlos sein, Sie dagegen zu schützen. Wenn Sie mir aber gestatten wollen, Alles, was ich soeben von Ihnen gehört habe, vorläufig noch als ein Geheimniß zu be- wahren — wenn Sie damit einverstanden sind, daß wir Ihre Familie bis auf Weiteres in dem Glauben lassen, zwischen uns sei Alles beim Alten geblieben, so wird es mir zuoerstcht- lich gelingen, Ihnen jede Aufregung und Betrübniß zu er- sparen. Ich kann dann den rechten Zeitpunkt ersehen, um meinen Rückzug unter Umständen zu bewirken, die in den Augen Ihres Onkel« alle Schuld auf mich fallen lassen wird und ich kann ihm vielleicht sogar die Ueberzeugung betbringen, daß diese Lösung eine sehr erwünschte sei."
„Wie? — Das wollten Sie thun? Für mich wollten Sie es thun — jetzt, nachdem ich Ihnen eine so bittere Enttäuschung bereiten mußte?"
„Habe ich Ihnen denn nicht gesagt, Fräulein Maud, daß ich Sie liebe? — Und wissen Sie nicht, daß wahre Liebe stark macht zu jedem, auch dem schwersten Opfer? — Es wird mir gewiß nicht leicht werden, diese Comödie zu spielen, die Tag für Tag die Wunden meines Herzens von neuem aufreißen muß. Aber ich werde nichtsdestoweniger glücklich sein in dem Bewußtsein, Ihnen einen Dienst erwiesen zu haben."
In tiefer Bewegung reichte Maud ihm die Hand.
„Ich bitte Sie um Vergebung, Herr Ellis, wenn ich Ihnen in meinen Gedanken jemals Unrecht gethan habe. Denn ich sehe, daß Sie ein edler, uneigennütziger Mann sind, der die Liebe eine« viel bedeutenderen Mädchens verdiente, als


