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der Commune an die patriotischen Nationalgarden Patronen vertheilt, ohne daß deshalb der Geschmack an Vergnügungen und die Liebe zum Tanz verloren gingen.
In der Revolution wurde nämlich viel getanzt!
Aus den ganz frischen Ruinen der endlich demolirten Bastille ward eine Tafel errichtet, welche die Worte trug: Hier wird getanzt! Und dar war keine Ironie. Der angenehmste Gebrauch, den die Patrioten von diesem düstern Ort machen konnten, wo so viele Jahrhunderte lang das dumpfe Stöhnen der von Königslaunen gefangen gehaltenen Unglücklichen ertönte, war gewiß, dort Violinen zu placiren. Muntere Refrains folgten dem düsteren Schrei der Eulen und auch dies war eine Art, das Verschwinden des alten Regimes zu bezeugen.
Die Revolution hatte stch mit dem Singen der Marseillaise und dem Tanzen der Carmagnole vollzogen.
Dar Aufzählen der damals in Pari» stattgefundenen öffentlichen Bälle würde eine ganze Seite einnehmen: man tanzte im Hotel d'Aligre, Rue d'Orleans-Saint-Honor«, im Hotel Biron, im Pavillon de Hanovre, im Pavillon de l'Echi- qliier, im Hotel de Longueville, in der Rue des Wes-Saint- Thomas, in der Modestie, auf dem Ball der Calypso, in Courtille und endlich im Vaux-Hall, in der Rae de Bondy, wohin wir den Leser führen wollen.
Gleich den Costümen vermischten sich die Tänze des Ancien Regime mit den neuen Entrechats: auf die edle Pavane, das Menutt und die Gavotte folgten der Tronitz, der Rigaudon, Monaco und die populäre Fricaffse.
An einem Abend zu Ende Juli 1792 bewegte sich in dem großen Saale der Vaux-Hall eine große Menge, die sich trefflich amüsirte. Die Tänzerinnen waren jung, flink, zierlich gekleidet und die Tänzer voll Feuer.
Die verschiedenartigsten Costüme begegneten einander: die kurze Hose mit Strümpfen, die Perücke und die französische Tracht mit den revolutionären Pantalons — denn im Vorbeigehen sei es bemerkt, daß der Ausdruck sans culottes, dessen man sich zur Bezeichnung der Patrioten bediente, durchaus nicht bedeutete, daß diese des zur Bedeckung der Beine bestimmten Kleidungsstückes entbehrten; im Gegentheil, die revolutionären Beine waren zu sehr bekleidet: die Bürger hatten den Stoff verlängert und trugen nicht mehr kurze, sondern lange Beinkleider. Auch zahlreiche Uniformen funkelten; sehr viele Nationalgardisten waren zu sehen, in voller Ausrüstung, bereit, aus dem Ballsaal zu stürzen und beim ersten Trommelruf den Reigen der Revolution zu beginnen.
Unter diesen, die stch mit Siegermienen um die hübschen Mädchen bewegten, konnte man einen großen, starken jungen Mann mit zugleich energischen und sanften Zügen bemerken, der das kokette Costüm der französischen Garde mit der blau» rothen Cocarde der Pariser Municipalität trug. Die Stlber- schnur auf seinem Aermel bezeichnete seinen Rang: es war ein Sergeant, der, wie viele seiner Kameraden, seither Verabschiedung der französtschen Garde zur besoldeten Stadtmiliz übergegangen war.
Er drehte stch beständig in der Nähe eines robusten, appetitlichen Mädchens mit ehrlichen blauen Augen und de- gagirtem Benehmen herum, da» mit ironischen Blicken den schönen französtschen Gardisten betrachtete, der sich ihr trotz der ermuthigenden Zurufe seiner Kameraden nicht zu nähern wagte.
„So geh' doch hin, Lefebvre!" soufflirte ihm einer der Gardisten, „der Platz ist nicht unbesiegbar!"
„Vielleicht ist schon eine Bresche vorhanden I" sagte ein anderer.
„Wenn Du'» nicht wagst, werde ich es versuchen!" fügte ein dritter hinzu.
„Du siehst ja, daß sie Dich anblinzelt! Die Fricaffse fängt an. Fordere sie auf!" hob der erstere wieder an, indem er den Sergeanten Lefebvre ermuthigte-
Dieser zögerte; er wagte nicht, da» frische, hübsche
Setertton: «. Gch-Yda.
Mädchen anzusprechen, da» übrigen» gar nicht au» der Faffung geriet!) und Haare auf den Zähnen zu haben schien.
„Meinst Du, Bernadotte?" entgegnete Lefebvre dem, der ihn aufreizte und der gleich ihm Sergeant war. „Donnerwetter, ein französischer Soldat weicht weder vor dem Feinde, noch vor einer Schönen zurück . . . ich will den Angriff versuchen!"
Und sich von seinen Kameraden losmachend, schritt der Sergeant Lefebvre geradeswegs auf das hübsche Mädchen los, dessen Augen zornig zu blitzen begannen und das sich anschickte, ihn auf gehörige Art zu empfangen, da es die wenig respectvollen Aeußerungen der Soldaten gehört hatte.
„Warte," sagte sie zu ihrer Nachbarin, „ich werd' es diese Lassen lehren, so zu sprechen!"
Und sie erhob sich lebhaft, die Fäuste in die Hüften gestemmt, mit funkelnden Augen, die Zunge gespitzt, bereit zum Angriff, wie zur Entgegnung.
Der Sergeant glaubte, daß die That mehr werth fei, als Worte, streckte den Arm aus, faßte das junge Mädchen um die Taille und versuchte, ihr einen Kuß auf den Nacken zu drücken, indem er sagte: „Mamsell, wollen Sie die Fri- caffee mit mir tanzen!"
Das Mädchen war flink. Im Nu machte sie sich los, dann fuhr sie lebhaft mit der Hand nach der Wange des überraschten Sergeanten und ließ sie darauf niederfallen, indem sie ohne Zorn, sogar erfreut über ihre Replik, sagte: „Da hast Du Deine Fricaffse!"
Der Sergeant wich einen Schritt zurück, riefe sich die hochroth gewordene Wange und sagte, galant an seinen Dreispitz greifend: „Mamsell, ich bitte um Verzeihung!"
„O, ich fein nicht böse, lieber Freund! Es wird Ihnen als eine Lehre dienen, ein andermal werden Sie wiffen, mit wem Sie es zu thnn haben I" antwortete das junge Mädchen, deffen ganzer Zorn verflogen zu sein schien und wandte sich mit halblauter Stimme zu der Gefährtin: „Er ist gar nicht so übel, der Gardist!" (Fortsetzung folgt.)
VeviiiMhtes.
Kasernenhofblütherr. F eldwebel: „Was, das soll Parademarsch sein — so kommt nicht mal eine Heerde Gänse nach dem dreißigsten Kilometer daher I" — Corporal: „Sie, Meier, Sie sitzen wieder auf dem Pferde wie der Affe auf dem Pudel; jetzt lernt der Kerl einen Monat reiten und kann noch nicht zu Pferde sitzen — das reinste Jnfan- terribte!" - Sergeant (welcher seine Rekruten zum ersten Male in die Stadt führt, um sie mit derselben bekannt zu machen): „Also ich werde die ganze Heerde jetzt in die Stadt führen, macht mir, Eurem Oberhaupte, Ehre!" — Serg eaut sznm Rekruten): „Meier, daß Sie mir zugetheilt wurden, freut mich unendlich, aus Ihnen muß etwas Tüchtiges werden, Sie bringen schon' eine echte Soldatenphysiognomie mit — die gütige Natur hat Ihnen schon von Hause aus statt der Augen — zwei Leberknödel in den Kopf gesetzt I"
Galgenhumor. Präsident: „Wie kommen Sie dazu, kaum aus dem Zuchthaus entlassen, abermals einen Geldschrank zu erbrechen?" — Einbrecher: „'s war Geld drin, Herr Präsident!"
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Nobel. „Sind Deine Gläubiger noch immer so un- manirlich?" — „Geht an, ich verkehre seit einiger Zeit überhaupt nur per Gerichtsvollzieher mit ihnen!"
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Anerkennung. Vertheidiger (nach dem Plaidoyer zum Angeklagten): „Na, wie hat Ihnen denn meine Rede gefallen?" — Angeklagter: „Sehr gut, vorzüglich! äßenn ich freikomm', haben Sie'» wirklich verdient."
— »rvck und »«tag der »rühl'sch»« U»i»erMtK-B»ch. und Steiudruckerei (Pietsch & Scheyda) in Siet«.


