6

Allerdings"

Auch, weshalb er sein Vaterland verlasse« hat?"

Gewiß, sein Onkel wollte einen Osfizier aus ihm machen, wozu er weder Neigung noch Begabung hatte, weil er durch­aus Ingenieur werden wollte, und ich sage Ihnen, der Willi­bald ist einer geworden, dessen Namen drüben bei uns hoch­geachtet ist."

Das zu hören freut mich aufrichtig," sagte der Professor; aber trotz und alledem hätte er nicht heimkehren dürfen."

Weshalb denn nicht?" fragte der Amerikaner stehen­bleibend und den alten Herrn herausfordernd anblickend. Weil er sich der despotischen Bevormundung entzogen und das Recht der Selbstbestimmung für sich in Anspruch genom­men hat?"

Nein, deshalb nicht," versetzte der alte Herr, gelassen weiterschreitend.Ich selber bin für ihn damals in die Schranken getreten und habe es bei seinem Onkel durchgesetzt, daß er seiner Neigung folgen und die Polytechnische Hochschule besuchen durfte. Er hat, wie ich annehmen muß, niemals von mir gesprochen."

O gewiß," erwiderte Hamsou rasch,ich erinnere mich jetzt, Ihr Name ist mir bekannt, Herr Professor, es ist sogar möglich, daß er zu Ihnen gegangen ist, vorausgesetzt, daß Sie Ihre Wohnung nicht gewechselt haben."

Ich bewohne noch immer dasselbe Haus, mein väter» liches Heim, wo ich geboren bin und zu sterben hoffe. Na, dann wird er meine Frau getroffen haben. Gleichviel, Herr Hamson, wir kommen von unserem eigentlichen Thema ab. Willibald Ehrhards Vater, der Bruder des invaliden Hauptmann», war ebenfalls Offizier, wie sein Vater und Groß­vater es gewesen find er fiel als eins der ersten Opfer de» großen Kriege» in der Schlacht bei Weißenburg. Da feine Gattin schon einige Jahre vorher gestorben war, so nahmen sich seine Geschwister, der Hauptmann und Fräulein Dorothea, de» verwaisten elsjährigen Knaben an und erzogen ihn in einer Weise, welche ihn die Eltern durchaus nicht ent­behren ließ"

Indem sie den armen Jungen trotz seines Sträubens in eine Cadetten-Anstalt steckten," schaltete der Amerikaner spöttisch ein.

Sie vollzogen damit nur den letzten.Willen seines Vaters," sprach der Professor ruhig,da ein elfjähriger Knabe bei uns in Deutschland gottlob noch kein Selbstbestimmungs­recht besitzt. Auch glaube ich durchaus nicht, daß die Erzieh­ung im Cadettenhause dem armen Jungen geschadet hat."

Sie hat ihm wenigstens den gründlichsten Haß gegen da« deutsche Militärsystem beigebracht," bemerkte Hamson ironisch.

War er allerdings nach seiner Entlassung dadurch be­stätigt hat, daß er Ehre und Pflicht für Hirngespinnste er­klärte und al» Einjährig-Freiwilliger fahnenflüchtig wurde."

Der Professor war bei diesen mit voller Verachtung herau»g«schleuderten Worten stehen geblieben und sah den Amerikaner fest und drohend an.

Dieser zuckte gleichmüthig die Achseln.

Ich hätte e» ebenso gemacht, mein verehrter Herr Pro­fessor I" sagte er spöttisch lächelnd.Willibalds Fall war ein­fache Nothwehr. Er schlug seinen Quälgeist, welcher ihm den Dienst zur. Folter, da» Leben zur Hölle machte, mit dem Gewehrkolben nieder und entfloh. Durch wessen aufopfernden Beistand er glücklich über'« Weltmeer entkam, das wissen Sie, Herr Professor, und Tante Dorothea jedenfalls noch besser al» ich."

Hamson legte ihm die Hand auf die Schulter und fah ihn mit einem halb humoristischen, halb gerührten Aus­drucks an.

Der Professor schüttelte schweigend den Kopf und ging rasch weiter.

Es ist besser, dieses gefährliche Thema nicht weiter auf offener Straßekzu erörtern," sagte er nach einer Pause mit halblauter Stimme.Dort ist mein Hau», wir wollen doch

erst einmal nachschauen, ob er wirklich bet meiner Frau, die in'» Theater wollte, sich befindet."

Er schritt auf ein Haus an der Promenade, da« ein Vor­garten von der Straße trennte, rasch zu. Bei der Pforte blieb er wieder stehen.

Sie müssen doch jedenfalls begreifen, Herr Hamson, daß seine Heimkehr ein unverantwortlich toller Streich ist," sprach er leise in unverkennbarer Aufregung,und daß sie mir leider den Beweis seines unveränderten Leichtsinns gibt. Ist er denn wirklich drüben ein solcher Kindskopf geblieben, um glauben zu können, daß er sich hier unerkannt und unbehelligt aushalten oder daß eine solche Schuld verjähren kann?"

O nein, da» glaubt er nicht," versetzte Hamson sehr ernst,er ist sich der möglichen Folgen seiner Rückkehr sehr wohl bewußt. Doch dürfen Sie und vor allem auch die Tante ihm deshalb nicht gram sein, er hat drüben schwer kämpfen müssen und jetzt trieb es ihn heim mit elementarer Gewalt, er konnte das Heimweh nicht mehr bemeistern."

Der Professor schwieg und öffnete die Pforte, um den Amerikaner eintreten zu lassen, worauf Beide dem Hause zu­schritten, das auf ein Zeichen der Klingel von einem alten Bedienten geöffnet wurde.

Ist meine Frau noch zu Hause, Thomas?"

Ja, Herr Professor, es ist Besuch gekommen," versetzte der Diener mit eigenthümlicher Betonung.

Bekannte?"

Nein, ein fremder Herr, ich sollte just hin und den Herrn Professor bitten, nach Hause zu kommen."

Na, dann hab' ich Dir ja den Weg erspart. Bitte, Herr Hamson," wandte sich der Professor mit einer einladen­den Bewegung zu dem Amerikaner, worauf der Diener ihnen Hüte und Ueberzieher abnahm und die beiden Herren sich dem Wohnzimmer zuwandten.

Neben dem Sopha, auf welchem die Frau Professor thronte, saß ein schlanker Mann von eleganter Haltung mit einem schönen, tiefgebräunten Gesicht, ernsten grauen Augen, die einen melancholischen Ausdruck hatten, und starkem, dunkel­braunem Vollbart. Die breite Stirn war von dunklem, lockigem Haar umwallt, über die linke Wange zog sich eine rothe Narbe, welche in erregten Augenblicken wie Feuer leuch­tete und eben jetzt wieder selbst beim Schein der verschleierten Lampe dunkelroth hervorflach.

Da ist mein Mann schon!" rief die Frau Professor beim Eintreten der Herren.

Der Fremde erhob sich und trat dem Hausherrn einige Schritte zögernd entgegen.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen unter den obwaltende« Umständen ein Willkommen! entgegenrufen darf!" begann der Professor, dem jungen Mann fest ins Auge blickend,meine Hand zum Gruß aber will und darf ich Ihnen nicht ver­weigern."

Er streckte ihm die Rechte entgegen, in welche Ehrhard schweigend die seine legte.

Der Professor stellte seiner Gattin dann den Fremden vor und bat ihn, für heute Abend sein Gast zu sein, was Hamson ohne Weitere« annahm.

Wenn Du in« Theater willst, liebes Kind," setzte der alte Herr zu seiner Gattin gewandt, hinzu,dann genire Dich nicht, ich werde die Herren nach Kräften unterhalten."

Nein, Heinrich, ich gehe nicht hin, habe mein Billet der Frau Doctor Hartmann gegeben. Denk Dir, vorhin als Du kaum fortgegangen warst, erhielt ich ein Telegramm von unserer Leonore, da lie« selbst."

Der Professor, der seine Frau am liebsten fortgeschickt hätte, ergriff verdrießlich die Depesche und rief überrascht: Was fällt ihr denn nur ein, so über Hals und Kopf zurück- zukommen? Will man sie dort nicht länger haben? Oder was ist passtrt? Sie entschuldigen, meine Herren, e» handelt sich um meine Tochter, welche seit vier Wochen bei Ver­wandten in Dresden zum Besuch ist, und durch diese kurze telegraphische Anzeige auf heute Abend ihre Heimkehr meldet. Ich liebe dergleichen Ueberstürmungen nicht, zumal wenn e»