Donnerstag den 3. Januar.
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HlnterhaUungsblaLt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Sturmfluth.
Roman von Em. Heinrichs.
(Fortsetzung.)
E» klingelte an der Etagenthür. Fräulein Dorothea trat mit einem erleichternden Athemzuge aus dem Zimmer, um selber zu öffnen und bei dieser Gelegenheit den fremden Herrn zu begrüßen.
„Er ist unser Freund," sprach sie leise, auf den Profeffor deutend, „ihm dürfen Sie voll vertrauen."
Es klingelte heftiger.
„Ich komme schon," rief sie begütigend, „reiß mir nur die Klingel nicht ab, Maxi"
Sie nahm die Sperrkette, diese uralte Sicherheitsmaßregel, welche in dem soliden Haus der Väter noch streng beibehalten wurde, ab und öffnete die schwere Thür.
„Es ist ein Hundewetter draußen," schrie der Hauptmann, mit wuchtigem Schritt durch den Corridor stelzend. „Den Candidat habe ich auch gleich mitgebracht, sind Profeffors schon da? — Sieh', da bist Du ja, alter Junge, na, willst Du denn nicht den Rock ablegen? — Nun — wer ist denn das?"
Er starrte den Fremden verdutzt an — ein unbekannter Herr bei seiner Schwester I — Wer konnte das nur sein?
„Der Sohn eines Londoner Freundes, Mister Hamson," stellte der Profeffor den jungen Mann rasch vor. — „Herr Hauptmann Ehrhard! — Und nun geh' in's Zimmer, alter Freund, damit wir Platz gewinnen. Ich muß mit dem jungen Herrn, der mich hier aufgesucht hat, eiligst fort."
Die beiden Herren verbeugten sich stumm gegen einander und der Hauptmann trat, eine unliebenswürdtge Bemerkung über den fremden Störenfried mühsam unterdrückend, in das behagliche Zimmer.
Dann kamen der Candidat und Fräulein Elisabeth an die Reihe. Ersterer flüchtete sich mit einer linkischen Verbeugung ebenfalls in's Zimmer zu dem brummigen Hauptmann, während Elisabeth den blitzenden Augen der Amerikaners einige Minuten Stand hielt.
„Sie kommen doch wieder, Herr Profeffor?" fragte Tante Dorothea, al» die beiden Herren sich verabschiedeten.
„Hoffentlich, doch kann ich einstweilen nicht» versprechen, also einstweilen Adieu!"
Der Amerikaner verbeugte sich tiefer vor Elisabeth, al» vor der alten Tante, war diese, als sie die Thür wieder verkettet und verschlossen hatte und zu dem jungen Mädchen zurückkehrte, humoristisch hervorhob.
„Weshalb bist Du denn auch so ungastlich gewesen, den Fremden bei der Einladung zu ignoriren, Tantchen?" fragte Elisabeth verwundert.
„Weshalb? — Ei, weil ich ihn gar nicht kenne und auch keinen Gasthof aus meiner Wohnung machen will."
„Aber der Profeffor kennt ihn doch," beharrte das junge Mädchen, fein Haar vor dem kleinen Spiegel ordnend.
Die Tante warf einen forschenden Blick auf sie.
„Der edle Britts scheint großen Eindruck auf Dich gemacht zu haben, Lisa!"
„Lieber Himmel, Tantchen! Ich leugne durchaus nicht, daß es mir angenehm gewesen wäre, auch einmal einen jungen Gast bei Dir zu sehen, im Uebrigen aber magst Du Dich beruhigen, da ich für blonde Männer durchaus nicht schwärme."
Da» junge Mädchen lachte fröhlich aus und trat Arm in Arm mit der Tante in'» Zimmer, wo der Hauptmann fluchte und wetterte, weil der Candidat ein „trauriger Roth- behelf" und durch des Profeffors Fahnenflucht fein eigentlicher Whist in die Brüche gegangen fei.
in.
Letzterer schritt mittlerweile mit dem Amerikaner rasch durch die Straßen dem ziemlich entlegenen Bahnhoss-Hotel zu.
„Von Fräulein Dorothea Ehrhard habe ich mir ein ganz anderes Bild gemacht," begann Hamson plötzlich nach langem Schweigen ganz unvermittelt.
„Inwiefern ein anderes Bild?" fragte der Professor. „Gefällt die alte Dame Ihnen nicht?"
„Nicht besonders; mein Freund Ehrhard wird sich sehr getäuscht finden. Er hat mir so viel von dieser Tante und von ihrer mütterlichen Liebe zu ihm erzählt, daß ich wunder geglaubt habe, wie sie sich über seine Rückkehr freuen würde. Ihre Freude scheint mir aber nicht besonders groß zu sein."
„Hat Willibald Ehrhard Ihnen von seiner Vergangenheit erzählt?" sragte der Profeffor kurz.


