«*• 143
Es war am Ende des Septembers. Der Sommer war vergangen mit seiner Blumenpracht, seinen wonnigen Tagen und Nächten. Der Vöglein süße Lieder waren verklungen und der Herbst zog in's Land mit feuchten Nebeln und kühlen Lüften. Weiße, duftige Gespinnste umwoben Baum und Strauch, oder schwebten, zarten Blüthenflocken gleich, langsam über Felder und Haiden. Am Ufer der Wartha seufzte das dürre Schilf im Winde und Schaaren wilder Gänse zogen schreiend nach dem Süden. Auf den Weiden zündeten sich die Kinder, welche das Vieh hüteten, kleine Feuerlein an, um stch daran zu wärmen, denn ein frischer Nordost strich schon fühlbar über das polnische Flachland hin. Da und dort lugte an sonniger Stelle wohl noch ein vorwitziges Blumenglöckchen hervor - aber nur kurze Zeit. Die rauhe, nordische Natur berührte die Kinder der Flora mit ihrem eisigen Kuffe und tödtete sie gewaltsam.
Am St. Michelstage hatten sich die grauen Herbstnebel zertheilt und die strahlende und wärmende Sonne brach siegreich durch die Wolken. Wenn auch von Norden her noch ein kühler Wind über die Fluren blies, so spannte sich doch wieder einmal ein tiefblauer Himmel über die Land« fchaft und bald lag Alles wie überströmt von einer Fluth
warmen und goldigen Lichtes und er wehte eine milde sommerliche Lust- Und an diesem Michelstage ohne Gleichen glitzerte und schimmerte auch das alte Herrenhaus von Lygotta im Sonnenschein, daß es eine wahre Lust gab.
Als viele Tage und Wochen lang die Sonne verschwand, ein düsteres Grau sich um Erde und Himmel legte und kalter Regen gegen die Fenster klatschte, da hatte die alte Michalina insgeheim alle Wetterheiligen angefleht und mit den heißesten Bitten bestürmt, damit endlich dieser schreckliche Wettergreuel ende. Und Michalina konnte zufrieden sein, ihre Wünsche wurden erfüllt, schöner und herrlicher, als sie begehrt und erhofft hatte.
Auf dem Edelhofe herrschte an diesem Tage ein geschäftiges Hasten und Treiben und das Schlößchen hatte feinen besten Sonntagsstaat angelegt- Die Mauern waren bis zur Dachfirst hinauf mit Tannengrün und Guirlanden geschmückt, um die Veranda schmiegte sich das grüne Gezweig des Epheus und die Fenster hatte man mit Vogelbeeren umkränzt, welche wie rothe Korallen in die Ferne leuchteten. Vor dem Portal streckten stch ein paar hohe, mit Blumengewinden geschmückte Flaggenstangen in die Luft, — lustig flatterten die roth-weißen Fahnen im Winde.
Schon früh am Nachmittage strahlte das Herrenhaus in Hellem Lichterglanz, und in dem geräumigen Gesellschaftssaale versammelten sich gegen Abend eine große Anzahl von Herren uud Damen, um dem Hochzeitrfeste der jungen Herrn von Bielinski beizuwohnen.
Aber auch ungeladene Gäste fanden stch in großer Menge ein. Draußen im Garten auf dem breiten Rasenplatz standen sie Kopf an Kopf und erwarteten den Hochzeitszug, wenn er zur Kirche fuhr, um ihn neugierig anzustaunen. Nach der Trauung wurden die Leute aufs Reichlichste bewtrthet. Pavel und Michalina gingen mit großen Tabletts umher und theilten Branntwein, Bier, Wurst, Kuchen und andere Speisen unter sie aus, denn so erforderte es der Brauch bei einer polnischen Hochzeitsfeier. Es gibt dann eine Gastfreundschaft ohne Grenzen.
Später kamen einige Musikanten mit Fiedeln und Dudelsäcken herbei, die alsbald zum Tanz aufspielten. Und im Nu hatte sich ein wilder Mazurek entwickelt. Die Männer stampften nach dem Takte der Musik mit den Füßen den Boden, sprangen mit ihren Tänzerinnen johlend in die Luft empor und schwenkten sie in wirbelnden Kreisen herum, bis ihnen fast der Athem verging. Denn dt?ser Nationaltanz der Polen nimmt, je länger er dauert, ein immer leidenschaftlicheres und stürmischeres Tempo an und endet mit den kecksten Sprüngen. Und dem Mazurek folgte der Krakowiak, wobei sich Groß und Klein an den Händen faßte und sich unter lautem Jauchzen und Schreien wie toll umeinander drehte.
Es war ein gewaltiger Lärm hier draußen, dabei wurde nach Kräften gegeffen und gezecht- Mit begeisterten Hochrufen trank man unzählige Male die Gesundheit des jungen Paares — unglaublich viel Schnaps wurde dabei vertilgt. Die denkbar größte Freude gab sich aber in dem begeisterten Absingen alter Nationallteder kund, die ein junger Bursche mit der Guitarre begleitete.
Aber auch in den festlich gefchmückten Sälen des Schlößchens, aus welchen dem Eintretenden ein wahrer Lichtstrom entgegenflutheie, spielte stch ein Stück echt polnischen Lebens ab. Alle Räume waren glänzend renovirt und zeugten von Schönheitssinn und künstlerischem Vsrständniß. Heute ver- wandelte sie außerdem eine Fülle der herrlichsten Blumen, welche die Luft mit würzigem Wohlgeruch erfüllte, in einen köstlichen Garten. r , „ . ..
In der Mitte des großen Sperfefaales stand dre nut fast königlicher Pracht geschmückte Hochzeitstafel. Das mit feiner Auswahl zusammengestellte Mahl wurde auf schweren silbernen Schüsseln und Tellern seroirt, deren alterthümliche Pracht und Schönheit das Auge blendete. Die Gäste, welche sorgsam aus den vornehmsten Adelsfamilien des Landes gewählt waren, begrüßten stch mit ungemeiner Liebenswürdigkeit. Sie küßten sich die Wangen, die Schultern und Hände, sie machten sich Complimente und überboten sich in höflichen
Vom Jasnagora zog noch eine Pilgerschaar in's Land hinab und näherte sich der Rochuscapelle, an der ihr Weg vorüber führte. Langsam schritten die Leute dahin. Einzelne sangen ihre Pilgerlieder ab und in schwermüthigen Weisen schwebten die Töne durch die Luft. Manche beteten leise, noch Andere stolperten müde und abgespannt vorwärts, ohne ein Wort hören zu lassen. Doch die meisten waren munter und guter Dinge und wurden nicht müde, die unvergleichlichen Wunderthaten der heiligen Mutter von Czenstochau zu preisen und über das hehre Fest zu reden, dessen Glorie und Majestät nach ihrer Ansicht auf der ganzen Welt nicht seines Gleichen hatte.
Die Wallfahrer hatten das Ufer des Sumpfsees erreicht und verharrten hier kurze Zeit, um auszuruhen. Manch ängstliches Weiblein blickte schaudernd auf die im Nachtthau funkelnden, mondbeglänzten Grüfte, um sich dann hastig zu bekreuzigen und insgeheim den Schutz Marias anzurufen.
Träumerisch flogen Jadwtgas traurige Blicke über die rastende Pilgerschaar. Doch plötzlich zuckte sie heftig zusammen, denn so schnell, wie ein greller Blitz eine dunkle Wolke durchbricht, flog auch ein glücklicher Gedanke durch ihr Hirn. Nun wußte sie, wie sie rasch und unter sicherem Schutz von hier fortkommen konnte. Gott selbst hatte ihr Hülfe gesandt, — er würde seiner für sie sorgen.
Sie warf einen langen, bangen Blick auf Roman, der in tiefstem Schmerz versunken noch immer an der Capell nwand lehnte, —■ dann wankte sie zu ihm hin, sie taumelte beim ersten Schritt. Und nun reichte sie ihm die eiskalte Rechte: „Leb' wohl," so klang es fast tonlos von ihren Lippen. „Gott stärke Dich, Roman!"
Er umklammerte ihre Hand, ein paar krampshafte Laute brachen aus seinem Munde hervor — sprechen konnte er nicht.
Doch sie machte stch sanft von ihm los, glitt wie ein Schatten an ihm vorüber und schloß stch rasch dem Zuge der Wallfahrer an, um unbeachtet und unerkannt mit ihnen weiter zu wandern. Bei Tagesanbruch war sie bereits in einer anderen Gegend, wo sie versuchen wollte, durch ehrliche Arbeit ihr Leben zu fristen.
Roman sah sie nicht gehen, er hatte wild ausflöhnend beide Hände vor das Gesicht geschlagen. Als er sich endlich ermannte, war die Geliebte verschwunden. Die letzten Pilger zogen eben noch singend an der Capelle vorüber.
„Jadwiga! Jadwiga!" schrie er in die Nacht hinaus. Ein paar Leute wandten verwundert die Köpfe, doch kam keine Antwort zurück. Da zog namenloser Jammer sein Herz zusammen, ein dumpfes Brausen klang in seinem Hirn — er wankte hilflos hin und her und stürzte, schwer ausschlagend, zu Boden. —


