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1894.
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Dienstag, den 27. Februar.
Im Banne des Bösen.
Novelle von C. Western.
(Fortsetzung.)
Nach der Vorstellung Pfeils und Ruths nahm der Professor das Wort: „Ich bemerkte vor einer Stunde, daß Ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung ging und Ihre Fräulein Tochter wieder heimgekehrt ist. Ich sah das gnädige Fräulein ankommen und wollte nicht verfehlen, die guten nachbarlichen Beziehungen zwischen uns durch einen Besuch zu befestigen, denn ich hatte ja bisher noch gar nicht die Ehre gehabt, Ihrer Fräulein Tochter vorgestellt zu werden."
„Sehr freundlich von Ihnen, Herr Professor I" sagte Frau von Linden.
„Danke Ihnen, lieber Freund!" setzte der Oberst hinzu.
Ruth verbeugte sich nur stumm, aber ihr Auge ruhte durchdringend auf dem Antlitze Pfeils, der ihr nicht recht zu gefallen schien.
Dieser gab sich die ordentlichste Mühe, Ruth in ein Gespräch zu verwickeln, sah sich aber hierin getäuscht, denn ihre Antworten blieben einsilbig, obwohl man aus ihren Worten auf einen scharfen Verstand schließen konnte. Der Professor war aber viel zu klug, um jetzt weitere Versuche zu machen, das schöne Mädchen in ein Gespräch zu ziehen. Er sagte sich selbst, daß der erste Eindruck nicht für ihn gesprochen, er zog sich deshalb zurück, indem er unten in seiner Wohnung citirle: „Steter Tropfen höhlt den Stein! Heute gleichgültig, morgen interessant, übermorgen begehrenswerth; ich kam, ich sah, ich siegte, das braucht ja nicht an einem Tage zu sein!"
Er wollte eben zu Tisch in's Restaurant eilen, als oben in der Wohnung des Obersten eine wundervolle Altstimme Schuberts „Erlkönig" zu singen begann.
„Himmel, welche Stimme!" rief der Professor. „Das ist Ruth! Und wie sie das Piano dazu spielt!"
Das Lied war zu Ende, aber Pfeil lauschte noch; da begann Ruth das „Ave Maria" und ihm folgte das Lied „Der Wanderer".
Als es dann aber still wurde, sagte der lauschende Pro« feflor halblaut: „Ich würde rasend, wenn sie meine Zuneigung nicht erwiderte! Dieses Mädchen hat Geist, hat Seele! — Sie besitzt auch hohe Schönheit, Anmuth und Reichthum. Ich bin so ein Wanderer, der bislang in trostloser Oede umherirrte und jetzt, wo er den vollen Strom des Lebens vor sich hat, trinken möchte! — O, wenn ich dabei nur nicht eine furchtbare Enttäuschung erlebe! Ich könnte sie wahrhaftig nicht ertragen!"
Er lachte wieder häßlich auf und fuhr dann in Gedanken fort: „Aber die galanten Besuche bei Fräulein Camilla sind zu Ende! Ruth könnte es erfahren und ich — wäre bei ihr unmöglich geworden! Camilla ist zwar eine allgemein beliebte Opernsängerin, doch Ruth gegenüber kann mir auch der leiseste Verdacht schaden, das fühle ich 1"
Der Professor rief jetzt seinem Diener zu: „Ich gehe; vergiß nicht zuzuschließen!"
„Rein, Herr Professor!" lautete die Antwort, und Professor Ernst Pfeil schritt der Stadt zu. - —
Die Familie von Linden setzte sich inzwischen auch zu Tisch.
„Run, wie gefällt Dir unser Nachbar?" fragte der Oberst seine schöne Tochter.
„Soll ich offen sein?" erwiderte Ruth.
„Natürlich!" entgegnete ihre Mutter-
„Nun, so muß ich sagen, daß mir Professor Pfeil nicht sonderlich gefällt; nicht," fuhr sie fort, als sie sah, daß es den Papa befremdete, „nicht, daß ich ihn nicht leiden möchte, denn sein Aeußeres ist nur gewinnend, sondern daß ich ihm nicht voll vertraue, da in seinen Augen ein seltsames Etwas blitzt, was ich noch nicht zu deuten vermag! Ich könnte es nur vergleichen mit dem, was ich an den Augen der Schlangen stets so unangenehm finde."
„Ruth !" rief der Vater. „Das geht zu weit! Der Professor ist unser Freund und . . ."
„Aber Papa, ich sollte ja offen sein!" unterbrach Ruth erschrocken den Vater.
„Du gehst zu weit, Kind!" wiederholte der Oberst.
„Ich behaupte ja nicht, Papa, daß meine Meinung über den Professor die richtige seil"
„Gut, denn er ist ein prächtiger Mensch und ein bedeutender Gelehrter."
„In der That!" bestätigte die Frau Oberst. „Wir haben noch nichts Nachtheiliges an ihm entdeckt."
„Was Du an ihm bemerkt hast, habe ich in seinen Augen auch gesehen!" fuhr dann der Oberst fort.
„Siehst Du, Papa?" lachte Ruth.
„Aber ich hab's anders gedeutet!" sagte der Oberst ruhig.
„Nun?" frug Ruth lächelnd.
„Es ist dem Professor fast ergangen wie mir selbst: kleinlicher Ehrgeiz Anderer, Neid und Jntrigue haben ihm die Carriore verschlossen! Mißtrauen und Scheu spiegelt deshalb sein Auge wieder!"
„So wird es sein 1" erklärte auch die Frau Oberst.
Ruth lächelte abermals und erwiderte: „Deshalb können wir ja auch doch noch gute Freunde werden! Wer weiß es!"


