^hörten ja nicht in das Reich der Fabel. Und da er so lange schon auf der Bank saß, konnte man ihn wohl für einen Schläfer halten. Er lugte vorsichtig aus. Ganz deutlich sah er, wie die Gestalt eines Mannes heranschlich. Unwillkürlich faßte er seinen Spazierstock fester und verwünschte, daß er keine andere Waffe bei flch habe. Zu gleicher Zeit mußte er im Innern ärgerlich über sich lachen. Eben hatte er sein werth- los gewordenes Leben Hinwersen wollen und jetzt, wo es schien, als beabsichtige ein Anderer, es ihm zu nehmen, oder auch nur seine Habseligkeiten zu rauben, da war er fest gewillt, sich bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen. Inzwischen war die Gestalt ganz nahe gekommen, so daß er die Züge des Gesichts — hagere, bleiche Züge zeigte das Mondlicht — erkennen konnte. Kaum zwei Schritte vor ihm hielt der Mann an und zog aus der Seitentasche seines Rockes etwas Blitzendes hervor, eine Pistole, wie der Lauscher sah. Fast wäre er hervor- gesprungen, um dem Angreifer zuvorzukommen, aber er bedachte, daß er dadurch seinen Bortheil aufgebe, da Jener im Lichte stand, er noch vom Schatten verdeckt war, mithin Jener erst noch näher treten müsse, um mit Erfolg zielen zu können.
„Leb' wohl, Marie, lebt wohl, Kinder! Ich kann das Elend nicht länger ertragen, Euer Hungern nicht mehr mit ansehen. Gott verzeihe mir die Sünde!" kam es langsam und dumpf von den Lippen des Mannes da vor ihm. Zu gleicher Zeit hörte Scheffler den Hahn der Pistole knacken und sah, wie seine Mündung langsam und sicher gegen die Stirn seines vermeintlichen Mörders gerichtet wurde. Mit einem Satze stand er neben Jenem und hatte seinen Arm in die Höhe geschlagen. Die Pistole entlud fich, die Kugel fuhr unschädlich in die Lust. Zugleich hatte Scheffler die Waffe dem vor Schreck Wehrlosen aus der Hand gewunden und weit fortgeschleudert. Dann zog er den heftig Zitternden eiligst mit sich fort.
„Kommen Sie so schnell wie möglich, die Polizei möchte doch vom Schüsse allarmirt werden und es wäre für uns Beide nicht angenehm, wenn man uns fände. Jedenfalls gäbe dar Weitläufigkeiten. Schämen Sie sich übrigens. Ein Mann, der Frau und Kinder hat — denn von denen wollten Sie doch wohl eben Abschied nehmen, als Sie Ihren Monolog hielten — ein Mann, der Frau und Kinder hat, verläßt sie feige, anstatt für sie zu sorgen!"
Willenlos folgte ihm der am Selbstmord Verhinderte und mit schnellen Schritten eilten sie vorwärts. Der Mond war inzwischen von Wolken bedeckt worden, ein schnell heraufziehcn- des Gewitter hatte sich entwickelt. Grelle Blitze erleuchteten ab und zu die dunkle Nacht und heftig strömte der Regen herunter.
So langten sie durchnäßt und triefend vor Schefflers Wohnung an. Er zog die Glocke. Da wandte sich sein Begleiter zum Gehen. Mit festem Griffe packte ihn der Lebensretter am Arme und hielt ihn fest. „Wohin wollen Sie?"
„Lassen Sie mich!" war die Antwort.
„Nein, lieber Freund, so schnell nicht. Erst kommen Sie mit mir herein, bis der Regen vorüber ist. Wenn mein Schlingel von Bedienter, der roch immer nicht erscheint," — er schellte wieder — „nicht Alles aufgegeffen hat, finden wir auch noch etwas zum Abendessen und das wird für Sie nicht unzuträglich fein. Dabei können wir noch ein Wort miteinander reden und dann mögen Sie gehen, wohin Sie wollen. — So, nun keinen Widerspruch."
Er schob seinen Begleiter durch die Thür, welche eben der verschlafene Diener geöffnet hatte, und folgte schnell, indem er die Thür hinter sich schloß, da er sah, daß der Diener, welcher bei der Gestalt des Andern an Einbrecher denken mochte, Miene machte, fich gegen denselben irgend welcher Hilfe zu versichern.
„Karl, seien Sie kein altes Weib! Ich habe den Herrn unterwegs getroffen und ihn gebeten, zu Abend bei mir zu essen. Es ist doch noch gedeckt, wie ich Ihnen gesagt hatte?"
„Allerdings — aber —"
„Ach was, lassen Sie ihr Aber und zünden Sie die Lampe im Eßzimmer an. Dann bringen Sie zuerst Wein und zwei
Gläser. - Kommen Sie, Herr! Ms war doch noch Ihr Name?"
„Müller."
„Muß ich schon einmal gehört haben," scherzte gutmüthig der Hausherr. „Treten Sie denn gefälligst in Schefflers Be- Hausung. Dieser bis dahin ehrliche Name ist so ziemlich das Beste, was mir von meines Vaters Erbtheil übrig geblieben."
Die Beiden traten in's Zimmer, wo bereits eine Lampe brannte. Das Gewitter hatte sich draußen ausgetobt, aber der Regen klatschte noch gegen die Scheiben. Zitternd vor Nässe und Aufregung stand der unfreiwillige Gast vor seinem Wirth. Derselbe betrachtete ihn eine Weile- Hunger und Entbehrung sprachen aus den vergrämten Zügen, nicht aber schlimme LeÜ»en- schaften. Herzliches Mitleid mit diesem Menschenkinds, da» ihm in so seltsamer Weise in den Weg gelaufen war, erfaßte ihn.
„In Ihren Kleidern dürfen Sie nicht bleiben und da Sie zum Wechseln nichts bei sich haben werden, so müssen Sie zunächst mit den meinen vorlieb nehmen. Da wir so ziemlich von gleicher Statur sind, wird das angehen. Hier nehmen Sie erst ein Glas Wein," fuhr er fort, al» eben der Diener denselben auf den Tisch gestellt hatte. „Dann möchte auch ich mich mit etwas Trockenem versehen."
Schweigend gehorchte Jener dem Befehle und folgte dann in 8 Ankleidezimmer. Es währte eine ganze Weile, bis Beide wieder heraustraten. Der Fremde war mit einem Anzuge Schefflers bekleidet und bot jetzt einen anderen Anblick als vorher, wenn auch sein Blick noch eben so traurig war.
„Nicht wahr, es ist einem doch anders zu Sinne, wenn man wieder trockene Kleider trägt?" meinte der gütige Spen» der. „Jetzt fehlt uns noch das Abendessen. Das dürfen Sie nun auch nicht mehr ausschlagen, zumal es draußen noch immer fröhlich weiter regnet."
Im Eßzimmer war ein reich besetzter Tisch. „Karl, Sie dürfen zu Bette gehen, wir bedienen uns allein," verabschiedete Scheffler den Diener, als er sah, wie es beim Anblick der Tafel in den Zügen seines Gastes zuckte und ihm die Thränen in die Augen traten.
Der Diener ging und es war richtige Voraussetzung seines Herrn gewesen, ihn zu verabschieden. Denn kaum hatte stch die Thür hinter ihm geschlossen, als Müller auf einen Stuhl am Tische sank, den Kopf auf seinen Arm legte und bitterlich zu schluchzen begann.
„Mann, Mann, lassen Sie das. Essen Sie nun erst einen Bissen, nachher mögen Sie Ihren Thränen freien Lauf lassen!"
„Ach, hätten Sie mich nicht an meiner That gehindert," sprach der Andere mit thränenüberströmtem Gesicht. „Ich hätte ja wohl hungern können, aber mein Weib, meine Kinder! Nun soll ich im Ueberfluß hier leben, während sie keine Krume für ihren Hunger haben? Ich würde keinen Bissen hinunter bringen."
„Ich habe mir ungefähr schon gedacht, daß es bei Ihnen zu Hause so ähnlich aussehen möchte. Ganz kann ich Ihre Gefühle freilich nicht begreifen, da ich so etwas wie Weib und Kind nicht mein eigen nenne, aber so ein klein wenig vermag ich's zu verstehen. Nur bitte ich Sie, zu bedenken, daß die Ihrigen schwerlich etwas davon haben, wenn Sie durch eine Hungerkur sich um Ihre letzten Kräfte bringen. Und darum rathe ich, daß Sie zunächst selbst einmal satt zu werden suchen. Ein Butterbrod für Die, welche Sie zu Hause ließen, wird noch übrig bleiben, wenn wir auch tüchtig für unfern Hunger argen. Ich empfehle Ihnen für den Anfang zum Beispiel >ies kalte Fleisch oder nehmen Sie ein Ei und etwas Weiß- brod."
Scheffler hatte das Alles gesprochen, indem er selber kräftig i utangte, freilich nicht ohne seinen Gast im Geheimen scharf zu >eobachten. Der erschöpfte Mann griff auf sein Zureden nach )en Speisen und aß mit dem Appetit des Heißhungers. Da legte sich die Hand des Wirthes auf die feine.
„Nicht so schnell, das thut nicht gut, habe selber dafür siißen müssen, als ich auch einmal in Frankreich zwei Tags ang nur einen Cognac und eine Rinde Schwarzbrot» gesehen hatte. Machen Sie es so, daß Sie erst eine Stulle für sich


