an Kapital jetzt etwa ein Zehntel dessen bei der Liquidation, was er sonst an Dividenden jährlich eingestrichen hatte.
„Also ein Bettler von heute tml" rief er bitter aus.
„Nun," entgegnete der Bankier, „Mancher würde sich glücklich schätzen, wenn er das Kapital sein nennen dürste. Außerdem bleibt ja noch das Gut in der Mark."
„Die Sandbüchse, die mir jährlich mehr gekostet hat, als ich jetzt überhaupt einnehme. Möglich, daß Mancher zufrieden ist, aber verlangen Sie das von mir auch, der doch an etwas andere Lebensformen gewöhnt ist, als der gewöhnliche Philister, der sich freut, wenn er Abends seine Weiße trinken kann?"
Er starrte trübe vor sich hin.
„Ich habe immer gebeten, Herr Scheffler," begann der Bankier wieder, „ob Sie nicht Einsicht in die Bücher der Fabrik nehmen, nicht einen Theil ber Stellen herausziehen wollen. Sie haben das stets abgelehnt. Ich bitte, mich wenigstens nicht verantwortlich für Ihren Verlust zu machen."
„Nein, wer denkt daran, Herr Schneider? Ich weiß, daß Sie mich gewarnt, mir sogar etwas Ungünstiges über die Ge- schäftsführung gesagt haben. Aber wer denkt an solche Dinge? — Sie meinen, ich hätte daran denken müffen? — Das sollte doch wohl Ihr tadelnder Blick eben sagen? Möglich, nun ist'« zu spät. — Ich bitte Sie, übernehmen Sie nun auf irgend eine Weise den Verkauf meiner Equipage und so weiter. Sie werden begreifen, daß ich nicht die Sachen aushöckern wag. Von hier gehe ich natürlich fort."
„Und wohin, wenn ich fragen darf."
„Weiß ich's selber? — Ich muß er erst überlegen."
„Wenn ich Ihnen rathen darf, gehen Sie nach Tannenhof, dort —"
„In dies Räubernest! Herrlicher Vorschlag, das wäre ein Leben!"
„Nach dem, was ich zufällig über den Besitz hörte, ist derselbe nicht so werthlos, wie Sie meinen, sondern nur schlecht und vielleicht betrügerisch bewirthschaftet. Können Sie Ihrem Verwalter dort wirklich trauen? '
„Der Mann hat mir stets seine Bücher vorgelegt, ohne daß ich sie gefordert habe. Das sieht doch nicht nach Betrug aus."
„Haben Sie die Bücher geprüft?"
„Nein, nie." Scheffler lachte wider Willen. „Lieber Herr Schneider, das fatalste Geschäft für mich, außerdem eins, auf das ich mich nicht verstehe. Nur so viel weiß ich, daß die Summen unten immer stimmten."
Der Bankier konnte ein Lächeln nicht verbergen.
„So sehr schwer ist das allerdings nicht zu bewerkstelligen, auch wäre es doch möglich, daß Ihr Verwalter Ihre Abneigung gegen genaue Revisionen gekannt hätte. Er soll recht vermögend geworden sein in jenen Jahren, wo er in Tannenhof wirthjchastet."
„Ah bah, das sagt man leicht!" Doch erinnerte Scheffler sich jetzt auch, daß Friedrich, sein alter Förster in Tannenhof, über die dortige Wtrthschaft den Kopf geschüttelt hatte.
„Ich möchte doch rathen, daß Sie, Herr Scheffler, sich die Frage von Tannenhof durch den Kopf gehen laffen- Ich zweifle nicht, daß Sie mit dem Ihnen gebliebenen Kapital das Gut wieder in die Höhe bringen werden."
„Laffen wir das! Wollen Sie meine Angelegenheiten hier abwickeln? Vielleicht senden Sie mir morgen früh einen Ihrer Beamten, damit wir das Weitere besprechen."
Der Bankier sagte zu und Scheffler ging.
Wohin? — Er wußte es anfangs selber nicht. Dann aber traf er sich plötzlich in der Sophienstraße und stand dem Hanse gegenüber, in welchem Hartmann wohnte. Wie er zu den Fenstern hinaufsah, waren die verhängt und als er drinnen nachfragte, erfuhr er, daß die ganze Familie in die Ferien gereist sei. Der Ort wurde ihm ebenfalls genannt, aber er hörte nicht darauf. Was sollte der ihm, es war ihm nur darauf angekommen, jetzt den Freund zu treffen, feinen Rath zu hören oder wenigstens eine Stunde mit ihm zu verplaudern. Das war ihm nun auch abgeschnitten. Ec setzte seine Wanderung
43 -
fort und suchte, al« er den Thiergarten erreicht hatte, die einsamsten Theile desselben auf.
Dem heißen Sommertage war ein lauer Abend gefolgt, der leise und allmälig seine Dämmerung über die Erde breitete. In ihr ungewisies Licht sandte die nebelumhüllte Mondscheibe ihre matten Strahlen. Ab und zu zuckte ein sahles Licht über den Horizont, ein fernes Wetterleuchten- Der ruhelose Wanderer hatte doch endlich etwas von Müdigkeit gespürt, nachdem er stundenlange Wege gemacht, und setzte sich auf eine Bank. Hier im Ruhen sammelte er die wirren Gedanken, die den Tag Über ihm durch den Kopf gegangen waren. Zu einem Ent« schluß war er nicht gekommen, ihm stand nur das Trostlose seiner Lage fort und fort vor Augen. Ja, Schneider hatte Recht, wenn er behauptete, Viele würden ihn beneiden. Aber das waren armselige Kreaturen, welche nie das Gefühl gekannt hatten, sich ihr Leben so einrichten zu können, wie sie gewollt- Für ihn lag die Sache anders. Er kannte das Leben recht gut, er wußte, mit welcher hochmüthig mitleidigen, zugleich verlegenen Miene seine Bekannten ihm die Hand drücken, wie sie von grauenvollem Pech reden würden und wie hinter seinem Rücken doch das mildeste Prädikat, welches man ihm mitgab, „armer Kerl", wenn nicht „dummer Kerl" lauten würde. Das war unerträglich! Nein, er war nicht dazu erzogen, in einem Restaurant zweiter oder dritter Güte zu Mittag zu effen, um in seine vier Treppen hoch gelegene Wohnung zu klettern und dort bei einer Fünfpfsnnig-Cigarre feinen dünnen, selbstbereiteten Kaffee zu schlürfen und dann womöglich bei einem seiner früheren Bekannten im abgetragenen Frack einmal als vierzehnter Gast zum Mittagessen zu erfcheinen. Freilich, er konnte ja in eine kleinere Stadt ziehen Dort ließe sich billiger leben und besser vielleicht, als hier. Aber vor der Kleinstadt graute ihm ebenso, wie vor einem Andern seines Lebens hier in Berlin. Und nun gar der biedere Rath seines guten Schneider, sich in das Nest da hin zu vergraben, auf Tannenhof zu Haufen! — Lieber lebendig begraben. Nein, das Beste war, so lange das Geld reichte, das alte Leben hier weiterznführen und wenn der letzte Pfennig verbraucht worden, eine Kugel vor den Kopf. Der Gedanke erschien ihm der verständigste von allen und er hielt ihn fest. Aber warum bis dahin warten? Lange konnte diese Herrlichkeit nicht mehr währen. Da war's vielleicht ge* scheidter, heute schon diesen letzten Schritt zu thun. Niemand würde sich um ihn grämen, er bereitete also Keinem ein Leid. Aber Frieda? Er wußte nicht, wie der Gedanke an sie plötzlich wieder ihn durchfuhr. Hatte sie nicht gesagt, daß, was sie für ihn fühle, Liebe sei? — Nun, wenn'« das gewesen, so mochte sie jetzt bereuen, wenn sie seinen Tod in den Zeitungen las, daß sie nicht ihrem Gefühl gefolgt fei. Klug war das freilich gewesen; denn jetzt würde die Herrlichkeit schon ein Ende gehabt haben, sie nicht mehr die Frau des reichen Mannes fein. Nein, nein, kein Gedanke mehr an sie oder irgend etwa», das ihn wankend machen konnte. Das Glück des Lebens, soweit es zu haben war, hatte er besessen und genossen, wenn'» auch nur ein armseliges Glück gewesen. Jetzt lieber mit kurzem Entschluß aus dem Leben gehen, als feine Tage mühselig hinschleppeu. In feiner Schlafstube lag ein Revolver, er sah ihn deutlich vor sich. Schon int Kriege hatte er ihm gute Dienste geleistet, ihm geholfen, fein Leben zu retten, als jener verzweifelte Franzose gerade auf ihn angelegt hatte- Es war ihm, als sähe er noch den Arm sinken, welchen seine Kugel zerschmettert hatte, als hörte er noch die fehlgegangene Kugel des feindlichen Gewehres unschädlich vorüberpfeifen. Der Feind hatte vor ihm gelegen, blutüberströmt, sein brechendes Auge schmerzvoll ans ihn gerichtet. So würden sie ihn auch finden ober vielleicht etwas später, wenn er schon kalt war.
Sein Entschluß war gefaßt. Eben wollte er sich erheben, um nach Hause zu gehen, ba hörte er schleichende Schritte. Seine Bank stand vorn Gebüsch verdeckt, so daß er wohl auf den vorübergehenden Weg sehen, nicht aber von dort erblickt werden konnte. Immerhin war es möglich, daß Jemand ihm schon längere Zelt nachgespürt hatte und in ihm, dem elegant gekleideten Manne, eine gute Beute vermuthete. Die „Leichenfledderer", welche Eingeschlafene auf den Bänken plünderten.


