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oder wurden von ihm übersehen, er achtete nur auf den guten Kern, der doch immer durch alle Verkehrtheiten hindurch sich wieder zeigte. Wenn seine Frau einmal Andeutungen machte, es scheine ihr, als ob der häufige Gast an der Schwester besonderes Wohlgefallen finde, so hatte er das halb lachend, halb ärgerlich als „Weibergedanken" abgewiesen. Heute jedoch war ihm aufgefallen, wie sehr trotz aller Aufmerksamkeit gegen die Mutter und Schwester Scheffler um seine Schwägerin bemüht gewesen war, wie er mit seinen Blicken ihr folgte, jedes ihrer Worte auszufangen suchte. Das durfte nicht so bleiben. So ungern er's that, er mußte den Verkehr seiner Schwägerin wegen abbrechen- Denn eine Heirath zwischen den Beiden? — Unmöglich I Scheffler würde nie daran denken. Jetzt war wohl erst das Feuer im Entstehen und ließ sich noch löschen, wenn die Beiden getrennt wurden. Dann war es eben eine flüchtige Neigung bei dem Freunde gewesen, die von ihm ver- geffen werden würde und dem arglosen Mädchen nicht das Leben trübte. Heute noch wollte er offen reden. Aber der Anfang wollte sich schwer finden- Ein paar Mal hatte er schon beginnen wollen, immer meinte er noch das paffende Wort nicht gefunden zu haaen-
„Jetzt werden die Deinen schon wieder zu Hause angelangt sein, Werner," wurde sein Sinnen unterbrochen.
„Ich denke, ja," entgegnete er, die Uhr ziehend. „Ernst, darf ich einmal offen mit Dir reden?" brach er dann plötzlich los und seine Stimme klang ihm rauh.
„Bitte, thust Du das nicht immer?" lautete die gespannte
Antwort. „ ___
„Gewiß, aber es ist ein Anderes heute, ich wollte Dich — bitten —" Wieder stockte er.
„Bitten? — Bist Du in Geldverlegenheit? Lieber Junge, Alles, was ich habe, steht Dir zur Verfügung. Wie viel foll's sein?"
„Nein, nein, es ist etwas Anderes, Ernst, hast Du em tieferes Interesse für meine Schwägerin?" — Nun war es heraus und fein Herz um Vieles erleichtert; gespannt blickte er zum Freunde hinüber.
Der war unter seinem Blicke erröthet, hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und blies langsam den Cigarrenrauch von sich. Auf einmal warf er die Cigarre heftig in den Aschenbecher und sprang auf.
„Ja, wenn ich ehrlich sein soll, die kleine Hexe hat mir's angethan. Warum soll ich's leugnen. Ist eigentlich eine wunderliche Geschichte. Du wirst mir glauben, daß mir manches Frauenzimmer freundlich entgegengekommen ist. Wenn man die Hände voll Geld hat, wie es bei mir ohne meine Schuld und mein Verdienst der Fall ist, da werden diese „idealen Engel, die ja nur auf Liebe sehen", besonders liebenswürdig. Aus Versehen wahrscheinlich, aber es ist nun einmal so- Zudem soll ich ja ein ganz hübscher Kerl sein, wie mir mein Schneider, mein Friseur und solche wahrheitsliebende Männer bezeugen. Sie aber — Deine kleine Schwägerin — nun ja, sie ist ja sehr entgegenkommend gewesen ganz zu Anfang, wo sie mich als ihren Lebensretter begrüßte. Das war auch wohl so schicklich. Aber dann? — Du weißt, wie sie mich am ersten Abend heruntergekanzelt hat- Und wenn sie nachher auch wieder freundlicher geworden ist, angelegt hat sie's wahrlich nicht darauf, mich zu fangen. Ein freundlicher Blick, ein dankendes Wort, das ist Alles, was ich so nach und nach tropfenweise für meine Bemühungen angesammelt habe. Da sollte ich eigentlich für die ganze kleine Person danken. Und trotzdem — Albernheit genug von so einem alten Kerl, wie ich mittlerweile einer geworden bin, der Tag ist mir grau, wo ich sie nicht wieder begrüßen darf. Das ist meine ehrliche Beichte."
Er war unruhig im Zimmer auf und ab geschritten, jetz stand er vor Hartmann still. „Nun sage, Du ausgezeichneter Pädagoge, was thue ich großes Kind bei der Sache?"
Die pädagogische Weisheit des Angeredeten war durch das Gehörte arg in's Gedränge gerathen. Daß die Neigung des Freundes bereits eine so tiefgehende sei, wie er eben gestanden, hatte er nicht geglaubt, nur gemeint, seine hübsche Schwägerin habe ihm ein wenig bester als andere Menschen gefallen- Aber
um so mehr galt es denn, ihn jetzt von weiterem Verkehr abzuhalten. Er trat zu Scheffler, der seinen Spaziergang im Zimmer wieder angetreten hatte und legte ihm die Hand auf sie Schulter.
„Ernst, Du weißt — ich meine, Du wirst es gemerkt jaben, daß ich etwas von Dir halte; aber um Deinetwillen, »aß Du ein Ehrenmann bleibst und um meiner Schwägerin willen muß ich Dich bitten: komm' nicht wieder in mein Haus I — Du kannst ja verreisen, damit das nicht aufsällt- Jetzt weiß, glaube ich, das Mädchen noch nichts von Deiner Neigung, aber sie kann Dich in jedem Augenblick zu Aeußerungen hinreißen, die Du später bereust, die ihr das Leben für immer verbittern."
„Ja, lieber Junge, da bist Du heute nun etwas vorbeigegangen. Glaubst Du, ich hätte das nicht schon versucht? Mit den schönsten Grundsätzen bin ich Morgens aufgestanden, mich heute von ihr fernzuhalten, und am Nachmittag schon konnte ich's nicht mehr erwarten, bis es Abend wurde und ich in die Sophienstraße gehen durfte. Ich sage Dir, meine Stimmung ist weit über die hinausgehend, welche den Tertianer be» seelt, der in der Tanzstunde die zehn- oder zwölfjährige erste „Flamme" gefunden hat und ihre Haarlocke seufzend an seine Lippen drückt. Wenn ich heute wegreise, meinetwegen nach Paris, oder willst Du eine andere Richtung nach dem Nordpol — wer bürgt Dir dafür, daß ich nicht in acht Tagen zum Thee wieder bei Dir antrete und sage: Ich bitte um Entschul- digung, in Paris war's zu heiß, am Nordpol zu kalt, hier nur kann die richtige Lebenstemperatur für mich sein. Und ich stehe weiter gar nicht dafür ein, daß ich mich dann an die Seite Deiner Schwägerin setze und fortfahre: Ich meine natürlich nur an Ihrer Seite, mein Fräulein. Denn gedämpftes Feuer lodert doppelt hell auf, wenn es einmal wieder zum Durchbruch kommt. Nein, Verehrtester, es ist haarsträubend, aber es gibt nur einen Weg. Ich gehe morgen früh in die Sophienstraße, trete bei Deiner Frau Schwiegermama ein und melde mich bereit zur Ehe mit ihrer Fräulein Tochter. Ein verzweifelter Schritt; aber dies „Hangen und Bangen in schwebender Pein" — halte ein Anderer länger aus, ich nicht."
„Du wolltest wirklich mit meiner Schwägerin Dich ver- heirathen? Bedenke, sie ist ein ganz armes Mädchen, durchaus nicht in jenen Kreisen heimisch, in welchen Du zu verkehren
pflegst."
„Baht Geld habe ich genug für uns Beide und „jene Kreise" kümmern mich nicht. Ich kann sie entbehren und wir Beide leben für uns. Ich habe das Alles überlegt. — Einen Korb wird mir die Kleine doch nicht geben?" fuhr er plötzlich auf. „Du kanntest mein Herz, kennst Du das ihre auch vielleicht?"
Hartmann schüttelte den Kopf. „Wer kann aus den Weibern klug werden? Außerdem habe ich mir nie Mühe gegeben, ihre Herzensgeheimnisse zu ergründen."
„Hm! In diesem Falle wäre das für mich wenigstens ganz angenehm gewesen- Zuweilen hat sie mich übrigens so angesehen, als ob mein Anblick ihr wenigstens nicht unangenehm wäre- Ich muß nun mein Heil versuchen. Dich bitte ich, von der Sache zu schweigen. Morgen früh elf Uhr erscheine ich in der Sophienstraße und darf dann hoffentlich Abends zum Thee bei Dir einkehren. — Nun aber laß die Sache; wir wollen noch ein verständiges Wort miteinander reden, einen verständigen Tropfen Wein dazu trinken."
Aber dies verständige Gespräch blieb sehr stockend, so sehr beide sich Mühe gaben, es in Fluß zu erhalten. Es währte nicht zu lange, da nahm Hartmann seinen Hut, um zu gehen-
„Gute Nacht, alter Junge!" geleitete ihn Scheffler zur Thür. „Hoffentlich morgen auf frohes Wiedersehen! — Wü stehen am Vorabende großer Ereignisse — wer sagte das doch noch? So ähnlich ist mir auch zu Muthe. Gute Nacht!"
Verwundert nahm die Pastorin Mone am nächsten Morgen die Meldung entgegen, daß Herr Scheffler ihr seine Aufwartung zu machen wünsche. . .
„Sie haben wohl meinen Schwiegersohn nicht zu Haufe getroffen, Herr Scheffler, und treten nun so lange bei mir em,


