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Zugleich aber theilte ich ihr unumwunden mit, sie habe niemals auf unsere elterliche Einwilligung zu einer Heirath mit Nicol Bellarino zu rechnen, doch stünde es ihr frei, wenn ste nicht von ihm lasten wolle, ihren Ruf und Namen ihm zu opfern, indem sie ihm als fein Weib folge. Wir würden nicht durch eine einzige Handbewegung ihre Flucht hindern, wenn ihre Kindesliebe und Dankesschuld gegen uns ihr erlaubte, solchen Schritt zu thun.
Nun folgten ernste, trübe Tage. Ella ging scheu, stumm und verweint umher — bis sie eines Tages von ihrem Spaziergangs nicht mehr hsimkehrte und ich in ihrem Zimmer einen unglücklichen Abschiedsbrief vorfand.
„Ich liebe ihn," schrieb ste, „ich kann nicht anders und muß ihm folgen I Vergebt mir und denkt nicht allzu niedrig von Eurer Euch ewig liebenden Ella."
Der Schlag traf uns, wenn auch von mir längst erwartet, dennoch furchtbar schwer; meinen Mann warf er sogar aufs Krankenlager, von dem er nie mehr aufstehen sollte.
Einige Tage darauf erhielt ich einen Brief mit dem Namen des Absenders darauf: Nicol Bellarino- Ich verweigerte die Annahme des Briefes und bekam auch nie mehr einen zweiten. Nach fast halbjährigem Krankenlager starb mein armer Mann; er war schließlich völlig gelähmt gewesen und ich mußte Gott danken für die endliche Erlösung; nun aber stand ich völlig einsam da. Nähere Verwandte befaß ich nicht- Es fiel mir zuerst auch schwer, unter Menschen zu gehen und so blieb ich mein Wittwenjahr über ganz allein. Als dasselbe vergangen — der Wind strich bereits wieder über die Stoppeln — rollte eines Abends ein Wagen vor die Rampe; ich stutzte und horchte verwundert, als draußen plötzlich schleppende Schritte nahten — Schritte, bei denen ich zusammenzuckte, denn ich erkannte ste wieder, es war meine Tochter.
Die Thür ging auf, eine schwarzverhüllte Frauengestalt trat über die Schwelle, im Arme ein kleines, schlummerndes Kind. „Mutter!" schrie eine herzzerreißende Stimme. — Ich hatte mich nicht getäuscht, es war mein armes Kind, meine Ella, die ich wieder in den Armen hielt.
Ich hörte nun eine lange, traurige Geschichte von Glück und Leid, von Armuth, Elend, Sorge und Tod!
„Er lebt nicht mehr, mein Gatte, mein armer Nicol," rief die junge Frau verzweifelnd; „als er sah, wie das Elend immer schlimmer wurde und er mich nicht mehr demselben entreißen konnte, da griff er zur Pistole — und machte seinem Leben ein Endel Ach, Mutter, Mutter, wie soll ich ferner leben ohne ihn! Hier ist unser Kind, unsere Lucie — o, mein Himmel, sie hat seine Augen — nimm unser Kind gnädig auf, denn fein Vater ist tobt l“
Und sie schob mir das arme Würmchen hin, um in trostloses Weinen auszubrechen und fortwährend nach dem Gatten zu rufen, denn sie hatte ihn unsäglich geliebt I
Schon in der Nacht trat bei meiner Tochter starkes Fieber ein. Ich ließ den Arzt kommen, welcher bei Ella ein heftiges Nervenfieber feststellte und dann ziemlich bedenklich den Kopf schüttelte.
„Es geht auf Leben und Tod, Frau Gräfin," meinte er. „Der Körper Ihrer Tochter ist geschwächt von den verschiedenartigsten Leiden und deshalb nicht mehr widerstandsfähig."
Ich nahm das kleine, liebe Kindchen zu mir und theilte mich nun in die Sorge um dasselbe und die Kranke. Sie raste im wildesten Fieber; ich erkannte bereits nach vierundzwanzig Stunden, daß hier keine Hülfe mehr möglich fei.
Vielleicht war auch der Tod das Beste, was meiner armen Ella zu Theil werden konnte; hier im Leben hätte sie doch nie mehr Glück und Frieden genoffen, lächelnd sah sie den Tod herannahen, nachdem ich ihr versprochen, die kleine Lucie zu mir zu nehmen und ihr Namen und Rechte einer Enkelin zu geben- Ich hab'» gerhan und bereue es nicht, denn Lucie ist mein Sonnenstrahl, die schönste Freude meines sonst so einsamen Alters.
Nachdem wir die arme Ella draußen auf dem grünen Friedhof eingesenkt — sie wollte durchaus nicht im Erbbegräb- niß liegen -, reiste ich für ein volles Jahr mit dem Kinde
nach dem Süden und kehrte erst heim, nachdem die Adoption Luciens vollendet und sie Gräfin Lucie Bergen hieß. Von da an ist unser Beider Leben still dahlngefloffen bis auf den Tag, wo nochmals ein Mann jenes unseligen Namens auf taucht. O, Albrecht, glauben Sie mir, ich fürchte mich fast vor dem interessanten Geiger, der genau die Stimme und die Augen Nicols hat; feit dem Maskenball, wo Nicol Bellarino mein unglückliches Kind bethörte, ist gar manches Jahr vergangen, nur fein flammender Blick blieb mir unauslöschlich in Erinnerung — derselbe, mit dem Ihr Gast gestern Lucie betrachtete."
Laffow schaute finster vor sich hin. „Er ist ein Schurke," sagte er endlich dumpf, „und es ist hohe Zeit, das Doppelspiel aufzudecken, welches er zu treiben scheint- Nicol Bellarino liebte wenigstens Ihre Tochter, Frau Gräfin; seine Schuld ward dadurch gemindert, aber dieser hier — doch ich will nicht verurtheilen, ehe ich mich von seiner Schuld überzeugte. Wollen Sie mich begleiten, gnädigste Gräfin, damit wir ein — Stelldichein verhindern?"
„Ein Stelldichein? Herr von Laffow, Sie gehen zu weit; meine Enkelin würde niemals sich so weit vergessen, einem fremden Manne ein solches zu gewähren!" erwiderte die Gräfin erregt.
„Lassen Sie die Comteß rufen, Frau Gräfin," entgegnete Albrecht von Laflow fest, „Sie werden dann erkennen, ob ich in meiner Vermuthung zu weit ging."
Die alte Dame drückte auf die electrische Klingel und als die Kammerfrau eintrat, befahl sie derselben, Comteß Lucie herbeizurufen.
„Comteß ist bereits spazieren gegangen," meldete die Zofe und Lassow meinte ein ironisches Lächeln um die Lippen der Zofe spielen zu sehen, „Comteß hatte zum Spaziergang Toilette gemacht und gesagt, wenn Frau Gräfin früge, sollte ich dies ausrichten."
„Schon gut," erwiderte die Gräfin. „Wohin Comteß ging, wissen Sie wohl nicht. Ich will sie auffuchen."
„Nein, das weiß ich nicht- Comteß gehen meist nach dem Waldrande zu," berichtete die Zofe.
Als das Mädchen gegangen, erhob sich die Gräfin erregt und griff nach Hut und Shawl.
„Wenn Sie Recht hätten, Albrecht!" sagte sie. „O, mein Gott, sollte dasselbe Leid zweimal über mich kommen?"
„Nur Muth, Frau Gräfin, noch ist es nicht zu spät," antwortete Lassow. „Darf ich Sie führen? Ich glaube allerdings auch, daß die Begegnung am Waldrande stattfindet."
„Laffow, ich weiß Alles — Lucie hat Sie abgewiesen. Sie tragen Ihr Leid wie ein Held und ich bewundere Sie von Herzen."
„Vielleicht habe ich den rechten Augenblick nicht abgewartet," seufzte der ernste Mann. „Ich sah die Gefahr herannahen und wollte mir das Recht sichern, das tijeure Wesen in meinen Armen vor Unglück zu bewahren. Aber Lucie hat im Uebrl- gen auch wahr gesprochen: Ohne Siebe sollte nie ein Weib zum Mare treten!"
„Laffow, Sie sind ein edler, treuer Mann, der nicht aufhört, zu lieben, auch wenn er schwer gekränkt ist. Wie glücklich wäre ich gewesen, wenn Lucie —"
„Gnädige Gräfin, lassen wir diese Möglichkeit ruhen, sie ist ja nun ausgeschlossen. Wenn Herr Bellarino um die Hand der Comteß anhält, was werden Sie antworten?"
„Daß ich meine Einwilligung versage," entgegnete die Gräfin hart, „jetzt und immerdar; ein Mann dieses Namens darf nicht mehr eindringen in meine Familie und ich will mem Enkelkind lassen schützen vor ihrer Thorheit, wie emstmals meine Tochter Ella. Sagen Sie Bellarino, daß ich Lucie — enterbe, wenn ste unter ihrem Stande heirathet; es ist besser, Bellarino hält mich für hochmüthig, als daß namenloses Leid über uns wiederum hereinbricht."
Ich meine, diese Drohung wird bei dem Herrn helfen; seine ganze Liebe für Comteß baflrt doch allein auf schnöder Berechnung."
Gut, dann wird er bald von seinen Nachstellungen ab. sehen. Wenn er dann fort ist, will ich mit Lucie reifen,


