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Die junge Dame sah etwas verlegen drein und BLrfeld stutzte, als jetzt eine silberhelle Stimme hinter ihm sagte: Vetter Egon, Dein Gedächtniß scheint etwas kurz und un­genau zu sein, denn Diejenige, welche Du meinst, bin ich, über ich habe nie durch das Seil springen können."

Das war abermals eine Niederlage für den eleganten Offizier I Doch er nahm sie kalt auf, murmelte einige Worte der Entschuldigung, drehte sich nach Cousine Ada um, machte eine tiefe Verbeugung, küßte ihre Fingerspitzen und befand sich nach zwei Minuten wieder völlig auf der Höhe der Situation.

Man begab sich zu Tisch. Major von Sendrach führte die Baronin, Bärfeld die Cousine Ada und Maria wurde von dem Schloßherrn zu Tische geleitet.

Es entwickelte sich bald in der That ganz besonders durch Egons Gewandtheit eine animirte Unterhaltung, an der Alle theilnahmen. Major von Sendrach saß Ada gegenüber und jedesmal, wenn sie in die Höhe blickte, trafen feine ernsten Augen sie fo eigenthümlich forschend, daß es sich wie ein Bann auf ihr Gemüth legte. Die Herren erzählten allerlei Manöver» erlebniffe, Maria von Pohl und die Baronin hörten belustigt zu und nur die sonst so muntere, liebliche blonde Tochter des Hauses wurde immer stiller; eine Fluth von Gedanken ström­ten auf sie ein.

Endlich erhob man sich, um den Kaffee vor dem Schlosse unter der großen Kastanie einzunehmen. Zum ersten Male schritt der Major Sendrach neben Ada.

Sie fand jetzt, daß der Major ganz anders aussah, als wie sie sich gedacht hatte- Er war wohl ernst und würdig, aber keineswegs ein älterer Herr, sondern noch ein sehr statt­licher Mann in den besten Jahren.

Weich' ein schönes Heim Sie haben, gnädiges Fräulein," begann er beiter,Sie müssen wohl nie den Wunsch fühlen, es zu verlassen."

Nein," entgegnete das junge Mädchen schlicht,ich bin so glücklich hier mit den Eltern."

Und andere Menschen stehen einsam in der Welt."

Sie doch wohl nicht, Herr Major- Sie haben sicher­lich auch eine Heimath, in der man Sie jetzt vermißt."

Wie meinen Sie das, meine Gnädigste?" frug Sendrach, einen Moment stehen bleibend.Jene Bemerkung vorhin machte ich allerdings auf mich selbst."

Ich meine ich glaubte," stammelte Ada etwas be­fangen,Sie feien verheirathet"

Der stattliche Mann hob die Hand empor, deutete ernst auf den Ring an derselben und sagte:Der Ring gehört einer Tobten, Fräulein von Bärfeld. Ich bin Wittwer und lebe mit meinem zweijährigen Töchterchen einsam in unserer großen Garnison."

Ein voller warmer Blick der Theilnahme traf ihn aus diesen schönen, blauen Mädchenaugen, daß es ihn bis in's Herz erschütterte. Erst nach einer ziemlichen Pause sagte Ada voll freimüthiger Offenheit:Ich war sehr tactlos mit meiner Frage, Herr Major; können Sie mir vergeben?"

Mein gnädiges Fräulein, ich wüßte nicht, wodurch Sie mich gekränkt haben sollten. Theilnahme ist etwas ganz andere» als Neugierde und Sie müssen mir zugeben, daß ein erfahrener Mann wie ich Beides zu unterscheiden im Stande ist. Aber danken will ich Ihnen für die Theilnahme an dem Einsamen; ich bin nicht verwöhnt damit aber e» thut so wohl."

Liebe Cousine," sagte plötzlich, dicht neben Ada tretend, Lieutenant von Bärfeld,wie wär's mit einer Partie Croquet, Du bist sicherlich Meisterin darin."

Keineswegs," entgegnete sie ziemlich kühl,ich schlage dann doch lieber russische Kegelbahn vor, da spielen die übri­gen Herrschaften mit; besonders Mama liebt das sehr."

O, Herr Major, und Sie gewiß auch?" frug Fräulein von Pohl mit schmachtendem Augenaufschlag.Es ist solch' ein angenehmes, räthselhastes Spiel, wenn man die Kugel in die Lüfte schleudert und nicht weiß, wohin sie ihr Ziel zu nehmen gedenkt."

Das heißt, ob man vorbei schießt," bemerkte der Schloß» Herr trocken.Sie drücken sich so reizend poetisch aus, mein gnädiges Fräulein."

Maria wurde feuerroth und warf einen Seitenblick nach dem Major, doch der hatte sich foeben zur Baronin gesetzt, die ihm Kaffee einschenkte. Das russische Kegelspiel wurde aber doch zur Unterhaltung gewählt und die Herrschaften spielten unter allgemeiner Munterkeit bis zum Dunkelwerden.

Dann kam der Jnspector, um sich vom Schloßherrn die Befehle für den nächsten Tag zu holen, und da auch die Baronin in's Haus ging, blieben die jungen Mädchen mit den beiden Offizieren zurück. Vetter Egon, der sich neben Fräu­lein Maria viel wohler als neben der Cousine zu fühlen schien, ließ schon alle Schleusen der Beredsamkeit und des Hofmachens springen, sodaß seine schöne Nachbarin aus dem Lachen und Erröthen kaum herauskam.

Major Sendrach wandte sich mit leichter Ironie zu Ada, auf das voranschreitende Paar deutend und dabei halblaut sagend:Er kam, sah und siegte, Ihr Herr Vetter, gnädiges Fräulein I Er ist eine echte Schmetterlingsnatur, dem das Leben bisher nur Sonnenschein gespendet."

Und viel Eitelkeit," bemerkte die junge Dame lächelnd. Ich fürchte, daß ich für derlei Natur wenig Verständniß und Geduld besitze. Uebrigens ist vielleicht meiner Freundin ge­holfen, sie amüsirt sich mit ihm und wird vielleicht seine Braut."

Der Herr Vetter ist sehr wankelmüthig in seinen Nei­gungen," bemerkte der Major-

Sol" klang es sehr seltsam von Ada» Lippen und sie wurde sehr ernst.

Und uns anders gearteten Naturen," fuhr der Major fort,die vom Schicksal bislang wenig begünstigt wurden, dünkt es oft unmöglich, über Sachen zu lachen, die es so gar nicht werth waren."

Wie heißt Ihr Töchterchen, Herr Major?" frug Ada plötzlich, ohne auf seine Worte zu erwidern.Wie traurig, daß es ohne Mutterliebe aufwachsen muß."

Mutterliebe I" entgegnete er mit merkwürdiger Betonung und es klang wie ein bitterer Seufzer aus dem Munde der ernsten Mannes,meine kleine Lisa hätte sie wohl kaum je­mals erfahren von dem oberflächlichen Geschöpf, welches ihre Mutter war unv welche starb, als sie ihr kaum das Leben gegeben. Meine Frau stürzte mit dem Pferde, als sie, trotz meines Verbotes und des Abrathens der Aerzte, bald nach Lisas Taufe wieder zu reiten begann und blieb auf der Stelle tobt I"

Eine Pause trat ein und in Adas Augen standen Thrä- nen, als sie endlich emporblickte.

Die Erscheinung dieses ernsten Mannes und das jähe Unglück von dessen übermüthiger jungen Frau hatte einen un­tilgbaren Eindruck auf Ada» Herz gemacht und dasselbe in seinen ganzen Empfindungen wie umgewandelt.

Was haben Sie durchmachen müssen," sagte sie halb­laut, unwillkürlich herzlicher, als sie gewollt,ja, man weiß gar nicht, wie viel solch' ein Menschenherz ertrag n kann. Herr Major, Sie werden nun nach den harten Schicksals­schlägen gewiß wieder glückliche Zeiten erfahren."

Es war wie ein seltsames Schimmern in seinen Augen, als er seitwärts zu dem süßen Mädchenantlitz hinschaute, aber dann richtete er sich hoch auf und sagte gelassen, doch nicht ohne einen tiefen Seufzer:Die Zeiten des Glücks sind für mich vorbei, mein gnädiges Fräulein. Ich bin kein Jüngling mehr und darf nicht mehr hoffen auf uneigennützige Frauenliebe."

Es war still geworden um sie her, das voranschreitende Paar war in einen Seitengang gebogen und Adas Finger zerpflückten nervös ein Blümchen, welches sie abgerissen. Weshalb nur pochte ihr Herz so laut und so ungestüm?

Wir müssen umkehren," sagte sie endlich zögernd,er wird sonst zu spät."

(Fortsetzung folgt.)