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den Damen erscheint der entzückten Menge schöner, eleganter als die vorige. Man flüstert, jene stolze Brünette in rubin- farbenem, edelsteinbesetztem Sammtgewand sei die junge Herzogin von Edenfield, die gleich einer Königin daher schreitende Gestalt in mattblauem, silbergesticktem Atlas die Gräfin Col- vyn, diese ganz weiß gekleidete, schlanke, liebreizende Blondine mit den schwarzen Feueraugen die Baronin Manfred.
Der Brautwagen wird sichtbar. Das Interesse an allem Andern schwindet. Vorwärts, vorwärts — einen Blick auf die Braut geworfen I
Da ist sie, die vielgefeierte Baronin Medfort, die in wenioen Minuten Fürstin Orlowsky heißen wird — da ist sie in all' ihrem Liebreiz, ihrem Glanz, ihrer Schönheit.
Kein Hochrufen, kein Schreien, kein Johlen — die fast überirdische Erscheinung bannt jedes Wort auf den Lippen fest.
Neben ihr sitzt der alte General Leigh, ein martialischer, weißbärtiger Kriegsmann, dessen breite Brust unzählige Orden und Medaillen bedecken. Der General ist ein Jugendfreund des verstorbenen Baron Medfort und Lola betrachtet es als einen Act der Pietät gegen ihren ersten Gatten, daß sie ihn dazu ausersehen hat, ihre Hand in die des zweiten Gatten zu legen.
„Wie schade, daß die Sonne nicht scheint," meint der alte Herr bedauernd.
„Ich trage den Sonnenschein in mir, General," entgegnet Lola mit einem heiteren Lächeln.
Dann treten sie in die Kirche ein-
Lola kniet inmitten der Schaar der lieblichen Brautjungfern nieder, um den Bräutigam zu erwarten. Das blumenzarte Antlitz mit den großen, lenchtenden Augen ist halb verdeckt von den Falten des lang herabwallenden Schleiers. Die. Orangenblüthen und weißen Hyacinthe« strömen einen berauschenden Duft aus.
Frau March ist fast verschüchtert durch so viel Glanz und Pracht. Ihre einfache Seele kann e» kaum fassen, daß diese königliche Frau dort, der zu huldigen die Höchsten des Landes erschienen sind, daß diese Frau ihre Tochter ist — ihre kleine Lola, die im Pfarrhof die Hühner gefüttert hatte und mit der alten, tauben Pfarrmagd spazieren gegangen war.
„O, möge Gott sie segnen! Möge er ihr Glück in ihrer Ehe schenken bis an das Ende ihres Lebens!"
Und die Pastorrwittwe faltet nassen Auges die Hände und betet gläubig und inbrünstig. . . .
Die Gedanken der schönen Braut selbst weilen nicht bei Gott und dem Segen des Himmels. Allerdings überschleicht sie eine gewisse religiöse Feierlichkeit; das bringt schon die Kirche mit sich. Aber sie versteht dieses Gefühl kaum. Sie betet nicht; all' ihr Denken concentrirt sich auf den einen Punkt: In wenig Minuten bin ich eine Fürstin! Verstohlen blickt sie über die glänzende Versammlung. Sie schwelgt in Stolz und Genugthuung an diesem erhabensten Moment ihres Lebens.
Dort in der vordersten Reiße sitzt die Herzogin von Edenfield. Lola hat ihr eigenhändig eine dringende Einladung geschickt. Sie muß vor Allen Zeuge ihres Triumphes sein.
Eine Secunde lang begegnen sich die Blicks der beiden Frauen. In den dunklen Augen der Herzogin zuckt es auf wie ein Blitz. Ist es Haß? Triumph? Angst? Oder Alles zusammen? . . . Lola durchrieselt es eisig; unwillkürlich senken sich ihre blauen Augensterne vor diesem flammenden Blick. —
Alles ist bereit. Der Erzbischof wartet. Nur der Bräutigam fehlt noch- . . .
Die Augen der Herzogin irren von dem Haupteingang zu Lola und wieder zum Haupteingang. Warum kommt der Fürst nicht? Was ist passirt? Auf ihren stolzen Zügen prägt sich unruhige, fast ängstliche Erwartung au». Ist sie so sehr besorgt um das Glück der schönen Braut?
Da — endlich — endlich — taucht die vornehme Erscheinung des Fürsten am Ende der Kirche auf. Mit festem, stolzem Schritt durchmißt er den langen Hauptgang bis zum Altar- Er sieht weder links noch rechts. Seine Blicke hängen
wie gebannt an der knieenden weißen Gestalt dort vorn. — Ihm zur Seite schreitet ein fremder Herr von südländischem Typus — nicht Lord Rawdon, wie man allgemein vermuthet hatte.
Und jetzt betreten Braut und Bräutigam den Altar- Die heilige Handlung beginnt. . . .
Gleich einer Vision taucht vor Lola ein offenes, blondbärtiges Antlitz auf; es blickt sie mit traurigen, blauen Augen vorwurfsvoll an. Sie erzittert leicht, doch nur einen Augenblick. Dann wendet sie das Antlitz nach ihrem fürstlichen Bräutigam, der bald ihr Gatte heißen soll. Sie sieht, was Niemand sonst bemerkt, das eonvulsivische Zucken der kräftigen Gestalt.
Nun ergreift er ihre Hand; die seine ist eiskalt und feucht. Wenige Secunden später — und der Erzbischof hat Beide durch schmale, goldene Fingerreife verbunden.
Jetzt gehören sie einander an, in guten wie in bösen Zeiten, — bis daß der Tod sie scheidet. Lola Medfort ist Fürstin Orlowsky. ...
Musik ertönt. Die Menge drängt vorwärts. Das Licht unzähliger Kerzen beleuchtet grell die schimmernden Farben der Costüme, das Glitzern der Diamanten.
In diesem Augenblick erzwingt sich ein großer, blondhaariger Mann den Weg zur Kirche. Er ist todtenbleich und athemlos.
„Ist es vorbei?" fragt er den Kirchendiener, der die Thür bewacht, in höchster Erregung. „Schnell, um Himmelswillen! Ist es vorbei?"
„Ja, die Trauung ist beendet."
Der junge Mann schöpft tief Athem; ihm ist, als müsse er ersticken.
„Vorbei!" murmelt er heiser. „Ich komme zu spät!"
Ein Schwindel überfällt ihn. Matt lehnt er sich an eine der Säulen.
„Zu spät!" wiederholt er schluchzend. „Der Himmel erbarme sich ihrer!"
XXII.
Die Trauungsfeierlichkeiten sind vorüber.
Das junge Paar durchschreitet Arm in Arm den Hauptgang. Die Glocken läuten; von der Orgel herab ertönt ein fröhlicher Brautchor. Fürst und Fürstin Orlowsky — zwei der Vollendetsten ihrer Geschlechter — bewegen sich langsam dem Ausgang zu, gefolgt von einem Strom farbenprächtiger Gestalten. Auf seiner Brust funkelt der große Diamantstern; an ihrem Hals, an ihren Armen glitzern Diamanten in allen Größen.
Kaum, daß die Kirchendiener im Stande sind, die aufgeregte Menge zurückzuhalten. Jeder möchte am liebsten noch einen Blick von der glänzenden Braut erhaschen, ihr glückstrahlendes Lächeln sehen, ihre Toilette in nächster Nähe bewundern.
Da bemerkt Lola Baron Geralds bleiches Antlitz. Seine Augen scheinen sich in die ihren zu bohren. Wie beschwörend hebt er die Hände.
Die Fürstin Orlowsky erbebt- In diesem Blick lag nichts von verletzter Eitelkeit, nichts von Vorwurf, nichts von Haß — nur grenzenlose Angst und eine stumme Bitte.
Jetzt hat er sich Bahn gebrochen bis zu dem vorüberschreitenden Paar.
„Ich muß Sie sprechen," flüstert er in verhaltener Erregung. „Es gilt Ihr Leben."
„Wen betrifft es — ihn oder mich?" entgegnet sie ebenso leise.
„Beide."
„Kein Wort weiter hier! Folgen Sie uns nach meinem Hause!"
Baron Gerald tritt mit einem leichten Neigen des Kopses zurück.
„Wer ist der Herr?" fragt der Fürst mißtrauisch. Dar Geflüster zwischen seiner Gattin und dem Fremden scheint ihn zu beunruhigen.
„Ein alter Freund von mir," entgegnet Lola kurz.


