AnLerchalimngsblatt 3x1m Metzener Anzeigen (Genepal-Änzergev)
Nr. 131
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Donnerstag, dk« 8. November.
Lola.
Roman frei nach dem Amerikanischen von Srich Friese«.
lFortsetzung.)
Der Kammerdiener spricht stockend und in kleinen Absätzen. Seinem verfeinerten Geschmack widerstrebt es, seinem Herrn an seinem Hochzeitstag derartig widerwärtige Begebenheiten zu erzählen.
„Weiter!" schreit der Fürst. „Das interessirt mich nicht."
„Was sollte die Dienerschaft mit ihm anfangen? Sein Kammerdiener ist ein Freund von mir und dieser theilte mir im Vertrauen mit, daß er nahe daran war, sich aus Verzweiflung über seinen Herrn das Leben zu nehmen. Er fürchtete den Zorn der Verwandten des jungen Lord und das entsetzte Gesicht der Braut."
„Gut, gut!" schreit der Fürst wieder. „Und dann?"
„Ich komme schon zum Ende, Sire. Ich weiß jetzt, was Sie wünschen. Also — die Dienerschaft war in Verzweiflung. Selbst drei kalte Bäder mit Douchen auf den Kopf halfen nichts. Da schickten sie zu einem berühmten Arzt und vertrauten ihm den bösen Fall an —"
„Und — und- —"
„ — und der gab dem jungen Lord Morphiumeinspritzungen — so viele und so starke, daß er die ganze Ceremonie hindurch anscheinend gesund und munter war." Damit springt Adolf geschickt zum Schluß über und fügt rasch hinzu: „Wünschen Sie eine solche Einspritzung, Sire?"
„Ich möchte wohl," entgegnet der Fürst langsam, während seine dunkelumschatteten Augen sich in den Boden zu bohren schienen. „Natürlich darfst Du nicht sagen, für wen sie ist — kein Mensch darf wissen, daß ich, der Fürst Or- lowsky, an meinem Hochzeitstage Morphiumeinspritzungen nehme. Eile, eile — und hilf mir über die nächsten Stunden hinweg!"
Der Kammerdiener kann sich das Benehmen seines Herrn nicht erklären. Sicherlich ist er nicht betrunken. Was hat er nur?
„Ich werde mein Bestes thun, Sire!"
„Nimm einen Wagen! Scheue keine Kosten! Nur mach' ^asch — rasch! Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Der Cognac schmeckt mir wie Wasser; er übt keinen Einfluß wehr auf meine Nerven und beseitigt nicht dies schreckliche Zittern der Glieder. Fort — fort, Adolf I Schnell!"
Der Kammerdiener verläßt eilends das Zimmer und der Fürst wirft sich ermattet in einen Sessel. Das Zittern der
: Glieder nimmt zu; kaum ist er im Stande, einen Schritt zu thun. Er bemerkt nicht, daß die Sonne nicht scheint, daß dunkle Wolken sich drohend am Himmel ballen. Sein einziger Gedanke ist der: „Wird Adolf mir das Morphium bringen? Und wird es mir etwas nützen?"
XXI.
Die im vornehmen Viertel Londons gelegene Sanct Georgen-Kirche füllt sich schnell. Eine große Anzahl Sitze sind für die geladenen Gäste reservirt; die übrigen Plätze sind bereits besetzt und immer noch strömen Menschenwogen herzu. Küster, Kirchendiener, Polizeileute sind vollauf beschäftigt, die Ruhe aufrecht zu erhalten.
Das Gedränge steigert sich. Faule Witze werden, wie gewöhnlich bei solcher Gelegenheit, laut.
„Na, vorwärts! 's ist schon spät!" — „Die Aristokratie soll sich schämen, Einen so lange warten zu lassen!" — „Siehst die Gesellschaft noch früh genug; wirst doch nicht satt davon!"
So und ähnlich ruft und schreit es durcheinander. Das drängt, schiebt und stößt, daß man meint, es hänge die Selig-, feit eines Jeden davon ab, auch nur einen Blick auf die Braut zu werfen.
Die Ruhigeren unter den Schaulustigen vertreiben sich die Zeit, indem sie einander fabelhafte Geschichten über den Fürsten, seine Reichthümer, seine Schlösser und seine Diamanten erzählen.
„Er ist der reine Märchenprinz!" ruft ein junges, blondlockiges Mädchen. „O, könnt' ich auch einen solchen russischen Fürsten heirathen!"
„Heirathe lieber einen englischen Bauer!" entgegnet ernst eine fanstblickende Matrone. „Das ist mehr werth."
Plötzlich lautes Hurrahgeschrei.
Man drängt und schiebt noch mehr und reckt die Hälse.
Nichts ist's. ... Ein Spaßvogel hat sich einen Scherz erlaubt.
Nun wieder lautlose Stille. Die dunklen Wolken sehen aus, als ob sie den Menschen auf die Köpfe fallen wollten. Die Schwarzseher blicken mißtrauisch empor und bemerken, daß solchem Hochzeitstage kein Glück entsprießen könne.
Jetzt ein gedämpftes Gemurmel, dann ein tausendstimmiges Hurrah, untermischt mit dem Rollen von Wagenrädern. Die Erregung der Wartenden steigert sich. Man stellt sich auf die Fußspitzen. Eltern nehmen ihre Kinder auf den Arm, damit diese besser sehen können. . . .
Der Brautzug naht.
Equipage auf Equipage rollt heran. Jede der aussteigen-


